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Die GAFA-Kolumne

Wie eng werden die PR-Skandale diesmal für Facebook?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es spitzt sich wieder einmal zu für Facebook: Die schlimmen Vorwürfe der Whistleblowerin Frances Haugen. Die WSJ-Enthüllungen. Die Sache mit den Instagram-Teenagerinnen. Es braut sich etwas zusammen, die Gemengelage wird immer toxischer, das muss doch bald knallen, ist zumindest medial das Grundgefühl der vergangenen Wochen. Wie schwer trifft Facebook die größte PR-Krise seit Cambridge Analytica?

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Ich bin ja kein Voyeur, aber manchmal kann ich mir nicht verkneifen, in andere Fenster zu schauen. Neulich, im Würgegriff einer zähen Herbsterkältung, starrte ich gedankenverloren in der Küche vor mich hin und landete bei der Nachbarin auf der anderen Seite – man sieht ja irgendwie alles in den Neubauten mit bodentiefen Fenstern. Ich sehe, wie der Zeigefinger auf ihrem Smartphone zehn Sekunden lang von unten nach oben wischt, und an der Art des unregelmäßigen Bild-Text-Stroms auf weißem Hintergrund weiß ich, dass sie durch den Facebook Newsfeed scrollt, nicht durch Instagram oder Tik Tok

Sie ist Anfang 30, ein Millennial. Das will was heißen, eigentlich sind doch nur Boomer auf dem weltgrößten Social Network – oder eben auch Generation Xler wie ich. Ich stehe ja zu meinem anhaltenden Facebook-Konsum, Facebook ist irgendwie guilty pleasure wie, tja, „Bild“. Man gibt es nicht gerne zu, aber man steuert die Seite (oder die App) immer wieder an – mehrfach täglich. Es gibt kein Entkommen, hier finden die News oft genug als Erste statt

Was bei „Bild“ der Zugang zu den Nachrichten ist, allein die Schlagzeile reicht oft genug, ist bei Facebook die Masse an Nachrichten, zumindest ist das für mich das Haupt-USP, nicht das Statusupdate und die Urlaubsfotos von Freunden, Bekannten, Kollegen und Ex-Kollegen. Facebook ist für mich – nach Twitter – einfach ein alternativlos guter Newsreader. (Über das komplizierte Verhältnis von Nachrichtenmedien zu Facebook habe ich an dieser Stelle schon mehrfach geschrieben.)  Börse, Big Tech, Bitcoin, Tennis – Zack, sind wieder 30 Minuten vorm Einschlafen weg. 

Meine Facebook-Nutzung hat sich von Cambridge Analytica bis zu den jüngsten „Wall Street Journal“-Enthüllungen kaum verändert, so schmerzfrei – oder abhängig – bin ich offenbar. Wenn man der Statistik trauen darf, gilt das für knapp drei Milliarden andere Menschen offenbar genauso (tatsächlich: Es werden immer noch mehr).  

Abseits des anhaltenden Nutzerwachstums hat sich für Facebook in den vergangenen Monaten indes einiges verändert, was gern als „Unbehagen in der Kultur“ beschrieben werden kann (aber wenig mit Sigmund Freud zu tun hat). Es braut sich etwas zusammen, die Gemengelage wird immer toxischer, das muss doch bald knallen, ist zumindest medial das Grundgefühl der vergangenen Wochen, zu massiv waren die Krisenherde.    

Die Sache mit den Instagram-Teenagerinnen. Die schlimmen Vorwürfe der Whistleblowerin Frances Haugen.  Zu Wochenbeginn die „WSJ“-Recherche, wie wenig die eigenen Maßnahmen gegen Hassrede tatsächlich bringen. „Ich denke, das Unternehmen ist fundamental unethisch“, bringt Techreporterlegede Walt Mossberg die Stimmung im „Sway“-Podcast mit Kara Swisher auf den Punkt.

Überraschend kommt das längst nicht mehr.  Man hat sich seit Jahren damit abgefunden, dass Facebook es nicht gut mit einem meint, Nutzerschutz der Gewinnmaximierung unterwirft, via Ad-Tracking nachspioniert, wo es nur geht, und auch in seinen Tochterangeboten wie Instagram nur auf den ersten Blick zu „den Guten“ gehört.

Wenn man denkt, die Schlagzeilen könnten kaum mehr schlimmer werden, geht es mit Beginn einer neuen Woche wieder von vorne los. Nach Chaos-Wochen stellt sich wieder einmal die Frage: Wie schlimm wird’s diesmal für Facebook? Der verlässlichste Indikator bei der Beurteilung ist wie immer die Wall Street. Bei der bislang schlimmsten PR-Krise im Zuge des Cambridge Analytica-Skandals hat die Aktie seinerzeit rund 40 Prozent ihres Wertes verloren.

Wie sieht es diesmal aus? Es ist unverkennbar, dass Facebook an der Wall Street zuletzt eine Delle abbekommen hat, die in Dollar und Cent tatsächlich erheblich ist. 115 Milliarden Dollar hat der drittwertvollste Internetkonzern an Börsenwert seit den Spitzenkursen Anfang September bereits eingebüßt – in der Spitze waren es gar 170 Milliarden, die wiederum Kursverlusten von 15 Prozent entsprechen. Aktuell notiert die Facebook-Aktie 12 Prozent unter den Allzeithochs.  

Der Rückgang kann nicht mit Big Tech-Sippenhaft erklärt werden. Zwar ruckelte es im September und Oktober das ein oder andere Mal bei den GAFAs, aber Alphabet, Microsoft oder selbst Sorgenkind Amazon notieren kaum unter den Kursniveaus von vor sechs, sieben Wochen. 

Facebooks Aderlass indes ist eindeutig hausgemacht – er hängt mit den jüngsten Enthüllungen zusammen, die das Vertrauen ins Unternehmen erodieren lassen könnten. Wohlgemerkt: weniger von Nutzerseite als vielmehr von den Werbekunden. Welches Markenunternehmen möchte in einem Umfeld werben, das nachweislich toxisch für weibliche Teenager ist? Ob ein bloßes Rebranding von Facebook Inc. reicht, um das Negativ-Stigma abzulegen, erscheint allzu zweifelhaft.

Ein anderes Problem wurde zuletzt kaum adressiert. Die Auswirkungen von Apples veränderten Werbe-Tracking-Regeln ab iOS 14.5. Wollen Sie App-Tracking erlauben, fragt Apple bekanntlich seine Nutzer vor der Nutzung einer neuen App. Wer mag dazu schon ‚ja‘ sagen…

Dass diese Auswirkungen der eingeschränkten Tracking-Möglichkeiten für Facebook weitaus empfindlicher sein könnten, als das tausendste Säbelrasseln zur Regulierung und möglichen Aufspaltung, deutete Marketingchef Graham Mudd vor einem Monat verklausuliert bereits in einem Blogpost an.  (Reminder: Im Falle einer Aufspaltung sind die Einzelteile Facebook, der Messenger, vor allem aber Instagram und WhatsApp mutmaßlich mehr wert als die aktuelle Marktkapitalisierung von Facebook Inc..) 

Bereits nächsten Montag wissen wir mehr, wenn Facebook sein Zahlenwerk für das abgelaufene dritte Quartal veröffentlicht. Das Finanzportal Seeking Alpha fragt zurecht, ob die Wall Street mental auf eine Enttäuschung vorbereitet ist….   

+++ Short Tech Reads +++

Financial Times„: Apple wird zum nächsten Big Tech-Werbe-Player 

Des einen Freud, des anderen Leid: So lässt sich die Kehrseite der Medaille von Apples neuen Datenschutzfunktionen ab iOS 14.5 beschreiben. Während ein voraussichtlicher Verlierer der strengeren Privatsphäreregeln ausgemacht scheint, wurde der mutmaßliche Profiteur des Updates bislang gern unterschätzt: Apple selbst. Wie die „Financial Times“ berichtet, soll sich der Marktanteil von Apples Werbegeschäft durch die gesponserte Suchfunktion im App Store mehr als verdreifacht haben und der Geschäftszweig in diesem Jahr bereits Erlöse in Höhe von 5 Milliarden Dollar generieren.

Insider“: Tesla sitzt auf Milliarden-Bitcoin-Plus

Elon Musk und Bitcoin – da war doch was. Was zu Jahresbeginn so als Ausrufezeichen begann, verwandelt sich in der Folge schnell zum Bumerang: Teslas Milliarden-Bitcoin-Investment. Am Ende des Tages gilt die alte Regel der Kapitalmärkte: Wer mit einem Investment den Fahrstuhl nach oben fährt, fährt manchmal noch rasanter nach unten. Das war im Sommer der Fall, als die Kryptowährung zeitweise bei unter 30.000 Dollar angekommen und Teslas Bitcoin-Investment zeitweise ins Minus gerutscht war.

Nach einer furiosen Herbstrally scheinen für die Cyberdevise nun wieder die höchsten Stockwerke die Grenze zu sein: Bitcoin notiert bei Kursen von 64.000 unmittelbar wieder vor neuen Allzeithochs – und Elon Musk sieht wie ein Investment-Genie aus, das Tesla mal eben einen Milliarden-Gewinn am Kapitalmarkt beschert hat – wenn auch nur virtuell…

CNBC: Facebook will mit Coinbase bei eigenem Wallet Novi kooperieren

Dass Facebook selbst große Krypto-Pläne hat, ist keine Neuigkeit – eher, wie langsam sie voranschreiten. 2019 kündigte Mark Zuckerberg selbstbewusst eine eigene Kryptowährung namens Libra an, von der jedoch schnell die großen Partner Mastercard und Visa absprangen. Die ambitionierten Pläne wurden eingedampft und die Kryptowährung, die weiter an den Dollar gekoppelt sein soll, in Diem umbenannt.

Abgelegt werden soll das virtuelle Facebook-Geld in einer Wallet namens Novi, wie der Internetgigant gestern enthüllte. Der Pilotversuch startet zunächst in den USA und Guatemala. Hinterlegt werden sollen die Kryptowährungen der Novi-App bei der größten US-Plattform Coinbase.

+++ One more Thing: Wer kauft ein Apple-Reinigungstuch für 25 Euro? +++

Montag war es wieder so weit: Fünf Wochen nach der iPhone-Keynote streamte Apple ein zweites Event. Seit Jahren geht das so: Der Produkt-Höhepunkt wurde Wochen zuvor schon erreicht, die Oktober-Keynote ist stets das Nachzügler-Event für den harten Kern, die Mac-Fans.

So auch dieses Mal: Tim Cook & Co. präsentierten Hardware, auf die die Hardcore-Fans lange gewartet hatten: endlich neue MacBooks Pro, die allerdings ihren Preis haben. Bei 2.250 Euro startet das Premium-MacBook, das wie erwartet nun mit 14-Zoll-Display daherkommt. Wer ein bisschen mehr Speicherplatz als 512 GB zum Einstieg braucht, landet schnell bei Preisen von über 3.000 Euro.

Damit war eigentlich alles gesagt, das MacBook Pro ist für echte Pros, und ich bin raus. Mein inzwischen acht Jahre (!) altes MacBook Pro werde ich so im nächsten Jahr upgraden (oder bekomme ich noch die Dekade voll?) – gegen ein MacBook Air.

Zurück zur Keynote, auf der noch eine neue AirPod-Generation und bunte HomePod Minis (Gelb? Orange?!) vorgestellt wurden: Man kann es ein ziemlich entbehrliches Apple-Event nennen – neudeutsch: underwhelming –, das im Grunde jeden Oktober die neue, alte Frage aufwirft. Tut sich Apple mit diesen Nonevent-Keynotes eigentlich noch einen Gefallen – oder könnte man die wenigen Neuheiten eigentlich nicht im Apple Store kalt launchen? Meine Meinung dazu können Sie erahnen, Techreporter-Veteran Chris Taylor legt bei Mashable noch einen drauf und schreibt: „Mit dem schlechtesten Apple-Event aller Zeiten wird der Techgigant zur Parodie seiner selbst.“ Ich lasse das mal so stehen…

Cheers + bis nächste Woche!

Postskriptum: Eine Neuheit, die auf der Keynote nicht gezeigt wurde, sorgte im Anschluss für das größte Echo in den sozialen Medien. Ein Poliertuch für 25 Euro! Ganz recht: Ein halber Fünfziger für ein Tuch, das früher bei Macs schon mal dabeilag. Dass Apple damit für ordentlich Twitter-Buzz sorgte, ist ein Selbstläufer. Wie hieß es doch früher so schön an dieser Stelle: So lacht das Web

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