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Manifest

Ad Girls Club gegen Sexismus in der Werbebranche

Isabel Gabor und Lisa Eppel (v.l.) vom Ad Girls Club – Foto: Valerie Schmidt

Der Ad Girls Club hat ein Manifest zur Überwindung des Sexismus in der Werbebranche herausgebracht. Darin fordern die Club-Gründerinnen Lisa Eppel und Isabel Gabor u.a. eine 50-Prozent-Frauenquote auf allen Ebenen ab Director-Level und integre Ansprechpersonen für Beschwerden. Das Manifest zum Start unterzeichnet haben sechs Agenturen.

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Lisa Eppel und Isabel Gabor starteten den Ad Girls Club im Frühjahr, als die Kontroverse um die männerdominierte ADC-Jury hochkochte. Seitdem führten die beiden einige virtuelle Meetups durch, strafften ihre Forderungen und legen sie jetzt in einem Manifest der Öffentlichkeit vor. Darin heißt es in einer Art Präambel: „Wir wollen eine Werbebranche ohne Sexismus. Ein Umfeld für Mitarbeiter*innen, in dem Gleichberechtigung und Gleichstellung kein Wunsch, sondern Wirklichkeit sind. In dem unsere Führungsetagen so divers wie unsere Zielgruppen sind. Wir möchten die Branche verändern – in den Agenturen, aber auch in der Werbung, die wir täglich produzieren. Wir wissen, dass wir nur dann richtig gute Werbung machen können, wenn sich unsere Mitarbeiter*innen wohl fühlen.“

Das Manifest vom Ad Girls Club wird heute am 20. Oktober veröffentlicht – Foto: Ad Girls Club

Das Manifest zum Start unterzeichnet haben die Agenturen Brandneo, The Goodwins, Grabarz & Partner, Kolle Rebbe, Ressourcenmangel und Wunderman Thompson.

Die sechs Agenturen bilden zwar einen guten Querschnitt durch die Anbieter der wichtigen Markenwerbung, aber sechs an der Zahl ist doch recht klein. Darauf von MEEDIA angesprochen, sagt Eppel: „Das stimmt. Wir legen mit dem Manifest einen für uns wichtigen Meilenstein, denn für uns war es nun an der Zeit, einen nächsten Schritt zu wagen. Und der geht mit einer engeren Zusammenarbeit mit Agenturen einher. Gleichermaßen ist uns unglaublich wichtig, dass wir kein Pink-Washing betreiben und besonders zum Start mit der einhergehenden Aufmerksamkeit nur mit Agenturen arbeiten, zu denen wir ein bestehendes Vertrauensverhältnis haben – und bei denen wir aus eigener Erfahrung wissen, dass sie sich aktiv gegen strukturellen Sexismus einsetzen.“

Gabor fügt hinzu: „Auch in Zukunft ist für uns elementar wichtig, dass Agenturen, die unterschreiben, zu unseren Werten passen. Deshalb wird es vor jeder Unterschrift auch Gespräche geben, um die Absichten und den Ist-Stand der Agenturen zu prüfen.“

Sanktionen bei Nicht-Einhaltung der Regeln?

Ein Regelwerk ist nur so gut, wie es eingehalten wird. Wie sanktioniert der Ad Girls Club, wenn eine Agentur sich nicht an die unterschriebenen Regeln hält ? Gabor: „Wir möchten niemanden bestrafen. Für uns steht der Dialog und Austausch im Vordergrund. Daher werden die Agenturen auch nicht sofort vom Manifest wieder runtergenommen, wenn sie Schwierigkeiten mit der Erfüllung einzelner Punkte haben. Uns ist es wichtig, dass das Manifest nicht als Freifahrschein betrachtet wird, so nach dem Motto „Bin ich einmal drauf, ist alles egal“.

Wie männliche Netzwerk-Dominanz aufbrechen?

Die im Manifest an erster Stelle stehende Frauenquote dürfte unmöglich einzuhalten sein. Auch mit dem Aufkommen des Feminismus schon vor Jahrzehnten sitzen heute in den oberen Führungsebenen oft überwiegend oder gar ausschließlich Männer. Immer wieder trifft man auf folgende Geschichte: Jungsfreunde starten gemeinsam die eigene Firma und holen ihre weiteren Freunde mit an Bord. Wie soll sich dieses Quasi-Naturgesetz ändern, wie sollen die Agenturen die geforderte Quote einhalten können?

„Wir werden regelmäßig mit den Agenturen sprechen und überprüfen, wie weit sie gekommen sind. Sollten wir da auf Punkte stoßen, die für Agenturen schwierig sind, werden wir gemeinsam evaluieren, warum das so ist, und versuchen gemeinsam, die beste Lösung zu finden. Es geht um das große Ganze, und das können wir nur gemeinsam schaffen“, so Gabor.

Eppel fügt hinzu: „Für uns ist es wichtig, den Agenturen einen gewissen Spielraum zu lassen. Wir befinden uns in der Branche in einem War for Talents. So ist uns bewusst, dass es nicht leicht ist, sofort die richtige (weibliche) Besetzung zu finden. Und würde eine Agentur eine Stelle über Monate unbesetzt lassen müssen, nur weil sich keine Frau findet, wäre das wirtschaftlich einfach ungünstig. Das ist nicht unser Ziel. Wir erwarten von allen Unterzeichner*innen eine absolute Bekenntnis zur Sache. Ist diese gegeben, werden sich Prozesse automatisch ändern, da Strukturen überdacht werden müssen. Wir haben auch bewusst den zeitlichen Horizont rausgenommen, da wir mit unserem Manifest so viele Agenturen wie möglich erreichen und davon überzeugen möchten.“ Eine zeitliche Frist könne für eine große Agentur kein Problem darstellen, für eine kleine vielleicht ein sehr großes.

Nach Ansicht der beiden hat die Branche ein strukturelles Problem. Das könne nicht durch einzelne Agenturen gelöst werden. Es brauche ein agenturübergreifendes Commitment, daher will Ad Girls Club gemeinsam mit den unterzeichnenden Agenturen ein Netzwerk gründen, dass sich gegenseitig in dem Vorhaben unterstützt, die Branche nachhaltig zu verändern. Unterstützung kommt vom Agenturverband GWA. Gemeinsam wolle man langfristig möglichst viele Agenturen hinter der Idee des Manifests versammeln. „Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes sollen messbare Standards entwickelt und geschärft werden. Hierzu werden wir uns in den kommenden Tagen mit dem GWA austauschen, um das Projekt aufzusetzen“, so Eppel.

Was Wunderman Thompson tut

Beim GWA stellt sich Larissa Pohl demnächst zur Wahl der Präsidentin, sie soll auf Benjamin Minack folgen. Pohl ist CEO von Wunderman Thompson, Minack von Ressourcenmangel – zwei der sechs Unterzeichner-Agenturen. Vom GWA kommt also tatsächlich Rückenwind. Als Vorständin hat Pohl das Ressort DE&I (Diversity, Equity & Inclusion) beim GWA aufgebaut: „Ich bin sehr begeistert, wie viele Kolleg*innen aus anderen Agenturen sich hier engagieren und aktiv mitarbeiten an einem hohen Bewusstsein und Veränderungen.“

Zudem kann sie für Wunderman Thompson eine 50-Prouent Quote auf GF-Ebene vorweisen, CEO und CFO sind weiblich, CTO und CCO sind männlich. Auf allen weiteren Ebenen der Agentur liege die Frauenquote zwischen 50 und 60 Prozent.

Das Thema ist laut Pohl nicht nur in Deutschland wichtig, sondern auch international bei der WPP-Networkagentur. „Wir haben feste KPIs, die jährlich gemessen werden. Wir werten jährlich die Struktur unseres Teams aus nach Gewerk und Level, um Quote und Bezahlung zu messen. Wir bieten Schulungen an im Bereich DE&I, die für jede*n Mitarbeiter*in zugänglich sind, jeder Standort hat eigene Vertrauenspersonen. Wir führen regelmäßig Veranstaltungen oder Aktionen durch, um die Wichtigkeit rund um DE&I präsent zu halten. Und letztlich gibt es WPP-weit eine Hotline, bei der sich Mitarbeiter*innen melden können, wenn ihnen etwas widerfahren sein sollte.“

Was Brandneo tut

Die relativ kleine und junge Dortmunder Agentur Brandneo hat unterschrieben. „Wir stehen hinter dem Manifest, weil ich ganz persönlich in einer Arbeitswelt arbeiten möchte, die agil und fair ist. Und das Gleiche möchte ich allen Mitarbeitenden ermöglichen. Das lässt sich aber nicht wie ein Schalter umkippen oder über Nacht ändern – dazu gehören Prozesse, Standards, Umdenken, Fauxpas vermeiden. Ein Manifest als Zielbild hilft allen als gemeinsames Commitment, an etwas Großem zu arbeiten“, sagt Geschäftsführer Sebastian Galla.

Die Frauenquote erfülle Brandneo schon – „allerdings ungeplant und organisch“, so Galla. „Bei Brandneo arbeiten mehr Frauen in Führungspositionen. Wir haben bislang nicht bewusst darauf geachtet, nach Quote einzustellen, sondern hatten die richtigen Skills zur richtigen Zeit in den Bewerbungen.“

Als Geschäftsführer versuche er, ein kulturelles Gesamtverständnis vorzuleben, bei der Führung nicht gleich Macht bedeutet. „Ich war selbst in meiner Karriere in Situationen, in denen ich Sexismus miterleben musste. Das ist der Horror. Wir haben daher eine klare Haltung: Jede Handlung wird ganz klare Konsequenzen mit sich bringen. Betroffene haben in verschiedenen Ebenen des Unternehmens und in der Gruppe die Möglichkeit, mit Menschen dazu in den Austausch zu gehen. Und für die Zukunft werden wir – wie im Manifest verankert – eine unabhängige Kontaktperson als Ansprechpartner bereitstellen, damit Ängste und Hürden genommen werden.“

Was Kolle Rebbe tut

Kolle Rebbe kommt aus den Tiefen der alten Werberzeit, gegründet Anfang der 1990er Jahre – von zwei befreundeten Werbern in Hamburg. Thomas Knüwer, Creative Managing Director der Agentur, sieht in der Frauenquote das wohl stärkste Instrument, um Gleichberechtigung in Führungsebenen zu erreichen – und zwar nicht irgendwann, sondern zeitnah. „Sie wirkt erfolgreich gegen Buddy-Systeme, gegen ‚Männer befördern Männer‘ und viel zu zaghaften Veränderungswillen.“ Der Konzern Accenture, zu dem Kolle Rebbe gehört, setze sich global für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Männern und Frauen ein. Eine Quote habe Kolle Rebbe daher laut Knüwer vor einem Jahr eingeführt – in zwei Stufen. Erstens: 50/50 kumuliert über alle Führungsebenen hinweg bis 2022. Zweitens: 50/50 auf jeder einzelnen Führungsebene bis 2025.

 Als eigene Maßnahmen führe die Agentur Schulungen und Workshops zu Unconscious Bias, sexueller Belästigung oder Antidiskriminierung durch, die zum Teil verpflichtend für alle Mitarbeitenden sind. Zudem gebe es interne und externe Ansprechpersonen und gratis Beratungssitzungen bei Psychotherapeuten und Coaches. „Mit Jule Fuhrmanns Podcast ‚Was kann Werbung eigentlich?‘ unterstützen wir seit Neuestem unsere Kolleg:innen dabei, selbst ein Sprachrohr für verantwortungsvolle Werbung zu sein. Nicht zuletzt achten wir darauf, sexistische oder diskriminierende Stereotype in der Kommunikation, die wir für unsere Kunden entwickeln, zu vermeiden, und stattdessen eine respektvolle und diverse Gesellschaft als Normalität und echten Mehrwert darzustellen.“

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