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Der Fall Reichelt ist ein Fall Axel Springer

Was Mathias Döpfner hätte tun sollen

Mathias Döpfner – Foto: Imago

Die Aufregung rund um den geschassten „Bild“-Chef Julian Reichelt ist groß. Darüber darf man nicht vergessen, welch unrühmliche Rolle das Unternehmen Axel Springer und sein CEO und Gesellschafter Mathias Döpfner in der ganzen Geschichte spielen. Die Kommunikation des Hauses zur Causa Reichelt ist ein Schlag ins Gesicht für Betroffene und offenbart ein verstörendes Verhältnis zum aufklärerischen Journalismus.

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Das Zitat von Mathias Döpfner in der Pressemitteilung Springers zur Abberufung Julian Reichelts lautete in voller Länge:

„Julian Reichelt hat ‚Bild‘ journalistisch hervorragend entwickelt und mit ‚Bild Live‘ die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei ‚Bild‘ gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich. Mit Johannes Boie haben wir einen erstklassigen Nachfolger. Er hat unter Beweis gestellt, dass er journalistische Exzellenz mit modernem Führungsverhalten verbindet.“

Kein Wort von Döpfner, dass Reichelt offensichtlich ein toxisches Redaktionsklima verantwortet hat, so dass zumindest eine Mitarbeiterin, wie beim „Spiegel“ zu lesen war, sich in therapeutische Behandlung begeben musste. Es kommt aber noch schlimmer. In der Mitteilung gibt es „ergänzende Informationen“. Dort wird beklagt, dass die Frauen, die in der Untersuchung zu den Vorwürfen gegen Reichelt ausgesagt haben, anonym bleiben wollten. Da habe sich der Julian Reichelt dann nicht richtig gegen die Vorwürfe wehren können. Zitat:

„Julian Reichelt hat sich deshalb kaum gegen konkrete, sondern lediglich gegen abstrahierte Vorwürfe verteidigen können. Auch Axel Springer kannte maßgebliche Befragungsprotokolle auf Bitten von Zeugen nicht.“

Wer könnte das den betroffenen Frauen verdenken? In der Atmosphäre und bei den offenkundig herrschenden Machtverhältnissen in der „Bild“-Redaktion sowie bei der öffentlich bekundeten Nibelungentreue des CEOs zu Reichelt, wäre jede Frau, die nicht auf Anonymität bestanden hätte, geradezu wahnsinnig gewesen. Dass Springer die Protokolle nicht einsehen konnte, aber andere Medien, kann man dort offenbar nur schwer verdauen. Der Konzern droht daher recht unverhohlen, gegen jene Personen vorzugehen, die Infos weitergegeben haben: „Gleichzeitig leitet das Unternehmen rechtliche Schritte gegen Dritte ein, die versucht haben, die Compliance-Untersuchung vom Frühjahr mit rechtswidrigen Mitteln zu beeinflussen und zu instrumentalisieren, offenbar mit dem Ziel, Julian Reichelt aus dem Amt zu entfernen und ‚Bild‘ sowie Axel Springer zu schädigen. Dabei geht es insbesondere um die verbotene Verwendung und Nutzung vertraulicher Protokolle aus der Befragung von Zeugen sowie die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen und privater Kommunikation.“

Bei dem Medienunternehmen und „Bild“-Herausgeber Axel Springer ist man ganz offenkundig der Ansicht, dass „die verbotene Verwendung und Nutzung vertraulicher Protokolle aus der Befragung von Zeugen sowie die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen und privater Kommunikation“ auch dann nicht OK sind, wenn damit ganz klar eklatante Missstände aufgedeckt werden. Was für ein Armutszeugnis. Wenn interne Infos per Handy-Standleitung aus Parteisitzungen an die „Bild“ durchgestochen werden, ist das natürlich komplett OK und man brüstet sich mit Exklusiv-Infos.

Mathias Döpfner hätte sich bei den von Reichelts Machtspielchen betroffenen Frauen öffentlich entschuldigen sollen. Personelle Konsequenzen wären schon nach der ersten internen Untersuchung fällig gewesen und nicht erst jetzt, da der Druck, mutmaßlich aus den USA, wegen einer Veröffentlichung in der „New York Times“, zu groß wurde.

Dass im Zuge des ganzen Schlamassels auch noch ein verstörendes Zitat Döpfners aus einer Text-Nachricht an Benjamin von Stuckrad-Barre bekannt wurde, kommt zu alledem hinzu. „NYT“-Autor Ben Smith hat den Text mittlerweile auf Twitter in deutschem Original veröffentlicht:

Auf Twitter zitiert der Frankfurter „Financial Times“-Korrespondent Olaf Storbeck Springer dahingehend, dass die Message zwar echt, aber aus dem Zusammenhang gerissen sei. Springer habe mitgeteilt: “Out of their context, thoses quotes cannot be judged in a meaningful way. Of course Mathias Döpfner does not think that the Federal Republic of Germany can be compared to the GDR.”

Warum schreibt Döpfner das dann? Was für ein „Kontext“ soll eine solche Querdenker-Behauptung rechtfertigen? Was sich hier abspielt, ist einigermaßen atemberaubend. Der Fall Julian Reichelt war nur die Spitze des Eisbergs.

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