Anzeige

Die GAFA-Kolumne

Wie lange trägt Apple noch die Börsenkrone?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Der Vorsprung schmilzt. Nur noch vier Prozent beträgt Apples Abstand zum nächsten Verfolger an der Wall Street. Wie lange kann der iKonzern noch seinen Spitzenplatz an der Börse verteidigen?

Anzeige

Oktober und die Wall Street – da war doch was. Richtig: Gleich zwei der größten Börsencrashs aller Zeiten (1929 und 1987) ereigneten sich im Herbstmonat. Ob sich die Geschichte in diesem Jahr wiederholt, bleibt abzuwarten. Es grummelt unter der Oberfläche: Big Tech-Aktien gerieten zuletzt wieder deutlicher unter Druck.  

Während das Börsenjahr 2021 allmählich auf die Zielgerade einbiegt, wird dabei die unterschiedliche Entwicklung der GAFAMs immer deutlicher. Underperformer Amazon hat Investoren seit Jahresbeginn gar leichte Verluste von aktuell zwei Prozent eingebracht, während die erfolgsverwöhnte Apple-Aktie gerade mal um 5 Prozent im Plus liegt und damit ebenfalls hinter den Vergleichsindizes zurückhängt. (Der Nasdaq 100 liegt um 14 Prozent, der S&P 500 sogar um 16 Prozent vorn.)

Die Underperformance hat Folgen: Apples einst komfortabler Vorsprung als wertvollster Konzern der Wall Street ist bedenklich zusammengeschmolzen und beträgt aktuell nur noch rund 4 Prozent oder weniger als 100 Milliarden Dollar. Der erste Verfolger ist ein alter Bekannter und ewiger Rivale: Microsoft!

Die Geschichte der Rivalität ist legendär und geht bis in die 70er-Jahre zurück, als beide Unternehmen gegründet wurden und die ikonischen Gründer Steve Jobs und Bill Gates zu „Frenemies“ wurden. An der Börse sollte Microsoft dank des Quasi-Monopols von Windows lange die Nase vor Apple haben, das nach dem Abgang von Steve Jobs in eine tiefe Krise schlitterte. Dass ein Investment von Microsoft Apple 1997 sogar maßgeblich vor der Insolvenz rettete, ist längst Big Tech-Folklore.   

Apples Comeback in der zweiten Amtszeit von Steve Jobs fiel dann jedoch mit den Innovationen des iMacs, iPods, iPhones und iPads umso glanzvoller aus, so dass sich Anfang der 10er-Jahre eine spektakuläre Wachablösung vollzog: Plötzlich war Apple wertvoller als Microsoft – und ein Jahr später gar der wertvollste Konzern der Welt.

Mit wenigen Unterbrechungen hielt Apple den Titel des Börsenchampions in der vergangenen Dekade inne – Exxon Mobil, Alphabet und Microsoft schoben sich nur kurzzeitig vor den iKonzern.

Einen neuen Anlauf könnte der von Satya Nadella seit 2014 geführte Software-Pionier möglicherweise schon bald nehmen, denn die Wall Street ist bereit, bei Microsoft größere Kurszuwächse und großzügigere Multiplen zu verteilen: Die Microsoft-Aktie legte 2021 bereits um 32 Prozent zu und wird mit einem KGV von 36 gehandelt, während Apple mit einem KGV von 28 den Spitzenplatz wechseln könnte. 

Die zuletzt deutlichere Skepsis ist nicht zuletzt mit dem wichtigsten Produktlaunch des Jahres verbunden – den neuen iPhones, die Mitte September vorgestellt wurden und seit eineinhalb Wochen im Handel sind. Seit der Keynote gab die Apple-Aktie rund fünf Prozent an Wert ab.

Der Abverkauf mag einerseits der guten Performance der Vormonate geschuldet sein – traditionell legen die Anteilsscheine des Kultkonzerns aus Cupertino in Erwartung neuer iPhone-Modelle in den Sommermonaten im Vorfeld zu.  Andererseits jedoch steht die Frage im Raum, ob das bisher wohl marginalste Upgrade aller Zeiten reicht, um für anhaltend zweistelliges Wachstum zu sorgen.

Die eigene Historie kann als Warnung verstanden werden: Bleiben die iPhone-Absätze hinter den Erwartungen zurück, geht die Apple-Aktie schnell in den freien Fall über wie 2012/13, als das iPhone nicht die Prognosen der Wall Street erfüllen konnte und 2018/19, als Apple wegen des schleppenden Verkaufsstarts des iPhone X gar nach dem Jahreswechsel eine Umsatzwarnung aussprechen musste. In der Folge reagierte die Wall Street gnadenlos mit Kurseinbrüchen von 45 Prozent (2012/2013) und 33 Prozent (2018/19).

Aktuell notieren Apples Anteilsscheine lediglich neun Prozent unter den erst im September aufgestellten Allzeithochs. Enttäuscht das iPhone 13 in irgendeiner Form, müsste Tim Cook durchaus um die Börsenkrone fürchten. Die erste Hiobsbotschaft folgte prompt gestern nach Handelsschluss mit der Meldung, dass Apple seine iPhone 13-Produktion wegen Chip-Engpässen um 10 Millionen Einheiten reduzieren müsse.

Der nächste Realitätscheck folgt Ende Oktober bei Vorlage der nächsten Quartalsbilanz – vielleicht dann schon nicht mehr als wertvollster Konzert der Welt…

+++ Short Tech Reads +++ 

AppleInsider: Es könnte Jahrzehnte dauern, Big Tech zu regulieren 

Die Forderungen nach einer Big Tech-Regulierung werden seit Jahren lauter. Allein: Bis auf ein paar Anhörungen vor dem US-Kongress und dem EU-Parlament und maximal einer Milliardenstrafe, die Big Tech in ein, zwei Wochen zurückverdient hat, passiert nicht viel. Nach Einschätzung des Harvard-Professors Allan Brandt könnte sich am Status gar „jahrzehntelang“ nichts ändern – das Vorbild sind die Schritte gegen die Tabakkonzerne im 20. Jahrhundert.  

New York Times„: Wie Facebook versucht hat, die eigenen Mitarbeiter in der neuen Krise zu beruhigen 

Schadenbegrenzung, die nächste. Zunächst intern versucht Facebook die Gräben, die Whistleblowerin Frances Haugen aufgerissen hat, zu glätten. Nach Informationen der New York Times soll Konzernchef Mark Zuckerberg vergangene Woche zwanzig Minuten vor Mitarbeitern in einem Meeting gegen die Vorwürfe Stellung bezogen haben und einige der Angriffe als „ziemlich einfach zu widerlegen“ eingestuft haben. Die Stimmung in der Belegschaft sei dennoch gespalten, berichtet die NYT. Für einige Facebooker sei Haugen „eine Heldin“.      

CNBC:  „Bitcoin ist wertlos“, sagt JP Morgan-CEO Jamie Dimon

Dimons Vorbehalte gegenüber der Cyberwährung sind hinreichend dokumentiert. Auf der Konferenz des Institute of International Finance erneuerte der 65-Jährige seine Kritik am Bitcoin – just zu einem Zeitpunkt, als die wertvollste Kryptowährung der Welt auf den höchsten Stand seit sechs Monaten kletterte. Ein Bitcoin ist wieder mehr als 55.000 Dollar wert.    

+++ One more Thing: Serienhit „The Billion Dollar Code“ – wann waren Sie zuletzt auf Google Earth?+++

Die letzte Woche habe ich überwiegend im Bett und auf der Couch verbracht – Erkältungsviren aus der Kita geschuldet. Hat das Fieber erst einmal die 38-Gradgrenze überschritten, hilft keine gute Lektüre mehr (ich freue mich trotzdem über den neuen Jonathan Franzen!), sondern nur noch Binge Watching, um das eigene Leid für sich und den übrigen Haushalt etwas erträglicher zu machen.

Gesehen habe ich nicht nur das famose Ende der zweiten „Ted Lasso„-Staffel (call me a Fan!), sondern auch die deutsche Netflix-Produktion „The Billion Dollar Code“ über das vermeintliche Vorbild von Google Earth, das seinen Ursprung tatsächlich im Berlin der Wiedervereinigungsjahre hatte.

Es geht um die Geschichte zweier junger Programmierer, denen bereits Mitte der 90er-Jahre eine Visualisierung der Erde auf den Computer gelungen ist. Ihr Unternehmen, so etwas wie das erste deutsche Startup, nannte sich Art+ Com – der Rest ist eine deutsche Anti-Internet-Heldengeschichte im Stile von „The Social Network“.

Die fast fünfstündige Zeitreise ins Berlin der 90er ist ein Must Watch für alle Tech-Aficionados, das nicht nur viel Raum für Nostalgie und Sentimentalität aufkommen lässt, sondern auch eine zu oft unausgesprochene Frage ins Zentrum rückt: Vorher stammt eigentlich die Idee der Anwendung, die wir gerade nutzen?

Big Tech hat schließlich eine Meisterschaft darin begründet, immer neue Features zu präsentieren, die am Ende von den besten Verkäufern im Raum – und fast nie von den Genies hinter der Entwicklung – präsentiert werden. Schlimmer noch: Oft genug wird die ursprüngliche Idee Gründern und Entwicklern von vermeintlichen Visionäreren wie der filmischen Silicon Valley-Kunstfigur „Brian Andersson“ entrissen. Für die Art+ Com-Pioniere bleibt zumindest der schwache Trost der nun medialen Genugtuung. Die Berliner Agentur gibt es übrigens bis heute.  

Randnotiz Nummer eins: Google kommt in der Netflix-Serie nicht besonders gut weg (aber immer noch besser als in der grausamen Bad Taste-Kömodie „The Internship“ aka „Prakti.com) 

Randnotiz Nummer zwei: Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal Google Earth benutzt? Ich habe es gestern nach gefühlt einer Dekade das erste Mal wieder gestartet und mich gewundert, dass ich –  bis auf das Zoom-Gefühl am Anfang – nichts verpasst habe. Wird man das am Ende nicht vielleicht von (fast) allen Internetanwendungen sagen?

In diesem Sinne: Cheers + bis nächste Woche!

Anzeige