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Wochenrückblick

Warum man sich bei Burda über Tanja Mays „Bild“-Antritt ärgert

Da hat die „Bild“ mit der Schwangerschaft von Helene Fischer einen dicken Scoop im Entertainment-Bereich gelandet. Bei Burda ist man angesäuert. Die neue „Bild“-Show-Chefin Tanja May, die die Geschichte verantwortet, stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nämlich noch bei „Bunte“ unter Vertrag. Außerdem: die Kunst der Polit-Selfie-Analyse und der dreiste Bilder-Klau von Bild TV.

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Es ist schon bemerkenswert, welche Karriere ein einziges Gruppen-Selfie machen kann. Der Vierer-Shot von Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner und Volker Wissing hat die Medien förmlich elektrisiert. Ganz Twitter war voll mit Memes (einige der erfolgreichsten gibt es hier bei #trending) und Zeitungen und Websites füllten sich mit Analysen, „was uns dieses Bild sagen kann“. Die kurze Antwort auf die Frage, „was uns dieses Bild sagen kann“, wäre: nichts. Bzw. ein bisschen länger: Vertreter von FDP und Grünen haben sich zu ersten Gesprächen getroffen und sind sich nicht sofort gegenseitig an die Gurgel gegangen. Dabei blieb es aber natürlich nicht. Die Kunst der überdrehten Bild-Analyse auf die Spitze trieb – der Name ist hier Programm – die „Bild“-Zeitung. Dort wurden sowohl Frau Baerbocks Ohrring, der Türrahmen und ein „Medien-Schacht“ in der Ecke einer detaillierten Experten-Betrachtung unterzogen.

Man beachte: „Schatten auf der Wand“, ein „Türrahmen“ und ein „Medien-Schacht“ … dubios.

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Da stänkert die „Bild“ bei jeder (!) Gelegenheit gegen ARD und ZDF, dass es nur so kracht und am Wahlsonntag hat Bild TV dann minutenlang Bilder der verhassten Öffi-Sender geklaut. Minutenlang wurden bei Bild TV die „Berliner Runde“ sowie zwei Interviews mit Spitzenpolitikern von ARD und ZDF gezeigt. Auch die Umfragen der beiden öffentlich-rechtlichen Sender waren großflächig eingeblendet. Dabei wurde das „Bild“-Logo jeweils über das Senderlogo vom ZDF geschoben, so dass letzteres teilweise verdeckt war. Dabei geriert sich der „Bild“-Verlag Axel Springer sonst gerne als Vorkämpfer für Urheberrecht und Leistungsschutz. Wie will man das nennen, außer frech und dreist? Ein Springer-Sprecher dazu: „Die Bundestagswahl war ein zeithistorischer Moment. Wir haben im Rahmen unserer aktuellen Wahlberichterstattung die stark unterschiedlichen Prognosen mit klarem Quellenhinweis live zitiert und ausgewählte Sequenzen aus der ‚Berliner Runde‘ übernommen und für unsere Zuschauer eingeordnet.“ Jaja, schon klar. Ich hätte gerne mal gewusst, was Springer an Stellungnahme eingefallen wäre, wenn ein anderes Medium sich derartig unverfroren bei Bild TV bedient hätte. ARD und ZDF haben nun beide erklärt, gegen das Verhalten von Bild TV rechtlich vorgehen zu wollen. Nachdem sich der Pulverdampf der Prognosen am Wahlabend gelegt hatte, analysierten bei Bild TV u.a. Thomas Gottschalk und Heino die Wahl. Da war Bild TV dann wieder ganz bei sich.

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„Bild“ hat sich nicht nur bei ARD und ZDF bedient, sondern auch bei Burda. Gewissermaßen. Die nunmehr ehemals stellvertretende „Bunte“-Chefredakteurin Tanja May steht seit 1. Oktober, also heute, als neue stellvertretende Chefredakteurin und „Show Chefin“ bei „Bild“ unter Vertrag. Das hat sie nicht davon abgehalten, bereits gestern, am 30. September, einen veritablen Scoop bei „Bild“ zu veröffentlichen, nämlich, dass Helene Fischer schwanger ist. Im Entertainment-Sektor ist diese News nun tatsächlich so, als ob Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen würden. Tanja May stand – obwohl noch bei Burda unter Vertrag – auch gestern vor den Kameras von Bild TV und erläuterte als „Show Chefin“ die Story. Der Artikel mit ihrer Autorenzeile ging bei „Bild.de“ am Donnerstagabend schon online.

Bei der „Bild“ haben die das Veröffentlichungsdatum des Artikels dann nachträglich auf den 1. Oktober umdatiert. „Schlau“. Im Hause Burda war man über den verfrühten Dienstantritt der Kollegin jedenfalls gar nicht amüsiert, um das Mindeste zu sagen. „Es ist richtig, dass Frau Tanja May bei Burda bis einschließlich 30. September unter Vertrag stand. Insofern ist es sehr unerfreulich, dass sie in besagter Zeit bereits für ‚Bild‘ gearbeitet hat“, sagt ein Burda-Sprecher auf Anfrage von MEEDIA dazu. Wer die Usancen des Verlagsgewerbes kennt, weiß, dass ein solches Statement schon Ausdruck einer tief greifenden Zerknirschung ist. Zumal die Helene-Fischer-Story ja auch nicht vom Himmel gefallen ist, sondern mutmaßlich recherchiert wurde, während Tanja May noch in „Bunte“-Diensten stand. Die Schlagzeile bei „Bild.de“ lautet übrigens: „Warum das Baby-Timing nicht besser sein könnte„. Das Timing für den Artikel hätte womöglich schon besser sein können.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ diskutiere mich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“, was von der Initiative „Alles auf den Tisch“ um den Schauspieler Volker Bruch zu halten ist. Außerdem gehen wir der Frage nach, ob das Moderationsverbot des WDR für Nemi El-Hassan nun richtig oder falsch oder irgendwas dazwischen war. Und es geht um das Abschalten der YouTube-Kanäle von RT Deutsch. Es freut mich, wenn Sie reinhören.

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