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Die GAFA-Kolumne

Alibaba, Tencent & Co. erleben die Big Tech-Börsentragödie des Jahres

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Die aufregendste Big Tech-Story des Jahres spielt sich nicht an der Wall Street, sondern in Fernost ab. In selten erlebter Vehemenz weist China seine nationalen Champions zurecht – und schickt die Anteilsscheine von Alibaba, Tencent & Co. auf schier unendliche Talfahrt. Die GAFAs profitieren sogar vom Wirtschaftskrimi aus dem Reich der Mitte.

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Der große Tag jährte sich in der vergangenen Woche bereits zum siebten Mal. Tatsächlich so lange ist es schon her, dass der größte Börsengang aller Zeiten durchgeführt wurde: an der Wall Street – und das durch ein chinesisches Unternehmen.

Eine Überraschung war es nicht: Bereits zum Zeitpunkt des Listings war Alibaba ein Schwergewicht, das es schon am ersten Handelstag auf eine Bewertung von 232 Milliarden Dollar brachte. Gründer und CEO Jack Ma war der Popstar unter Chinas neuen Konzernchefs, E-Commerce-Gigant Alibaba selbst sah wie Big Techs next big thing aus. Tatsächlich hatte das asiatische Riesenreich mit der WeChat-Mutter Tencent gleich noch einen potenziellen Internetriesen zu bieten, während sich Suchgigant Baidu schon seit einem Jahrzehnt an der Börse etabliert hatte.

Es sah wie die perfekte Analogie aus: Was Apple, Amazon, Google-Mutter Alphabet und Facebook an der Wall Street gelungen war, schienen Alibaba, Tencent, Baidu oder Xiaomi zeitversetzt in China duplizieren zu können. Das Wachstum war dynamischer, der Markt in China größer, die Möglichkeiten scheinbar unbegrenzter, der Kapitalismus entfesselter. Was konnte schon schiefgehen?

Bis vor einem Jahr schien die Hypothese berechtigt. Selbst der jahrelange Handelskrieg mit der Trump-Administration konnte den Aufstieg der China-Stars lediglich leicht abbremsen. Vor knapp einem Jahr klopfte Alibaba bei Kursen von 320 Dollar erstmals leise an die Billionen-Bewertung: Ganz recht, zu diesem Zeitpunkt brachte es der E-Commerce-Plattformbetreiber auf eine Marktkapitalisierung von 870 Milliarden Dollar und war damit sogar wertvoller als Facebook. Tencent kam dem exklusiven Billionen-Dollar-Club der GAFAs im Februar sogar noch näher und war bei einem Börsenwert von 933 Milliarden Dollar keine sieben Prozent vom historischen Meilenstein entfernt.

Seitdem ist viel passiert – und zwar ausschließlich nichts Gutes für die Big Tech-Champions aus dem Reich der Mitte, die insgesamt mehr als 1,5 Billionen Dollar an Börsenwert einbüßten. Seit den Höchstkursen hat Alibaba in der Spitze etwa 55 Prozent an Wert verloren, Tencent 47 Prozent, Xiaomi 37 Prozent und Baidu gar 65 Prozent. Wohlgemerkt: All diese Kursverluste haben sich 2021 ereignet – ein Jahr, in dem keiner der GAFAs Kursverluste eingefahren hat.

Was ist also im Reich der Mitte passiert? Fundamental nichts: Alibaba & Co. wachsen immer noch zweistellig, das Geschäft brummt. Doch statt mit Kurszuwächsen belohnt zu werden, stehen Anleger vor Verlusten in Dimensionen der Corona- oder großen Finanzkrise der Nullerjahre.

Wie ist der Ausverkauf nun zu erklären? In zwei Worten: Mit Politik. Nach zwei Jahrzehnten – zumindest nach außen hin – ungewöhnlicher Zurückhaltung hat sich Peking offenkundig für einen neuen Kurs der Einflussnahme entschieden, der die neuen Big Player komplett auf dem falschen Fuß erwischte.  

Es begann im vergangenen November. Fast buchstäblich in letzter Sekunde fiel das IPO von Ant Financial aus, das aus dem mobilen Bezahldienstleister nicht nur aus dem Stand das wertvollste Fintech, sondern ein Finanzkonzern der Welt gemacht hätte. Aus dem Stand sollte Ant, an dem Chinas Internetgigant Alibaba eine Beteiligung von knapp einem Drittel hält, mit mehr als 300 Milliarden Dollar bewertet werden und frische Mittel von rund 35 Milliarden Dollar anstreben – doch der Börsengang wurde buchstäblich in letzter Minute abgeblasen.

Allein dieses vollkommen verheerende Signal ließ erahnen, dass in Fernost einiges im Argen liegt. In den folgenden Monaten sollte die Konfusion nur noch größer werden: nicht nur Ant und Alibaba wehte ein immer schärferer Wind von den Wettbewerbshütern entgegen, auch Tencent und andere Internetdienste waren betroffen.

Nach einem Jahr im Regulierungsrausch sind die Verhältnisse zwischen Big Tech im Osten und Westen der Welt gar vollkommen auf den Kopf gestellt. Nicht der Westen, in dem die EU und der US-Senat die GAFAs zu immer neuen Anhörungen vorlädt, am Ende aber gleichfalls zahnlos bleibt, sondern das kommunistische Riesenreich, das die Internetwirtschaft zwei Jahrzehnte nach westlicher Spielart gewähren ließ, zieht plötzlich in massivster Form die Zügel an.

Für Anleger sind die Vorfälle in China ein schmerzlicher Weckruf, dass nicht allein das Wachstum zählt, sondern eben auch der Standort, auf dem er stattfindet. Nach westlichen Maßstäben dürften Alibaba, Tencent & Co. im Jahr 2021 nicht dort, wo sich die Kurse aktuell befinden – sondern in der Nähe der einstigen Höchstkurse stehen. Aber wenn der starke Staat plötzlich seine Muskeln spielen lässt und das Interesse an immer größerer Regulation (wieder)entdeckt hat, werden fundamentale Bewertungskriterien am Ende nebensächlich.

So drastisch die immer neuen Regulierungsmaßnahmen inzwischen ausgefallen sind – die Wettbewerbshüter drängen Alibaba etwa gerade dazu, Medienbeteiligungen wieder zu veräußern –, so unabsehbar erscheint inzwischen das Ende. Die Erkenntnis ist so bitter wie spät: Wenn bisher immer neue Verbote und Regulierungen erlassen wurden, warum sollten sie dann an dieser Stelle stoppen?

Für die globale Big Tech-Architektur ist das die eigentliche Story des Jahres. Die asiatischen Herausforderer, die schneller wuchsen und hungriger zu sein schienen als Apple, Amazon, Facebook & Co. wurden 2021 um Jahre zurückgeworfen – ironischerweise nicht durch einen internationalen Wirtschaftskonflikt wie bei Huawei, sondern durch die eigene Regierung. Durch die drastischen Interventionen der vergangenen Monate hat China seine nationalen Champions verzwergt und demontiert. Die Vormachtstellung der GAFAs wurde in den ersten drei Quartalen des Jahres damit weiter gestärkt –  bizarrerweise durch Peking selbst…   

+++ Short Tech Reads +++

BBC: Facebook verzichtet auf Instagram für Kinder 

Der Gegenwind war zu groß: Die knallbunte Social Media-Welt von Instagram mit den Fallstricken der Likes und Kommentare schon für Kinder? Keine gute Idee, lautete das einhellige Echo aus den Medien und sogar dem Silicon Valley. Nun will Facebook verstanden haben und verzichtet auf das Projekt – zunächst…  

WSJ: TikTok verbucht eine Milliarde Nutzer

Der Siegeszug ist seit Jahren absehbar – nun dokumentiert ihn eine wahrlich historische Marke. Eine Milliarde Menschen nutzen die boomende Social-Viralvideo-App TikTok mindestens einmal im Monat. Der chinesische App-Anbieter, der zu Bytedance gehört, hat den Meilenstein in gerade einmal fünf Jahren geknackt – nur der Facebook Messenger war schneller.

CNBC: Apple TV+ bringt es auf keine 20 Millionen Abonnenten in USA / Kanada

Deutlich kleinere Brötchen backt dagegen Apple mit seinen Bewegtbild-Bemühungen. Nicht mal 20 Millionen Abonnenten soll Apple TV+ per Ende Juni angelockt haben, berichtet CNBC.  (Ob sich Apple mit seiner Film,- und Serien-Streamingsparte grundsätzlich einen Gefallen tut, habe ich letzte Woche erörtert.)  

+++ One more Thing: Sind wir bereit für smarte Roboter im Haushalt? +++ 

Es ist so weit:  Hier kommen die Roboter! Zumindest in den USA. Auf seinem erwarteten Hardware-Event hat der zweitwertvollste Internetkonzern der Welt gestern seinen ersten mit Spannung erwarteten Smart Home-Roboter vorgestellt. Er hört auf den Namen Astro, kostet 999 Dollar und kommt natürlich zunächst nur in den USA auf den Markt – und dort auch nur auf Nachfragebasis („Invitation only“).

Der Heimroboter soll in erster Linie das Zuhause kontrollieren und Livebilder aus so ziemlich jedem Winkel senden, um damit den Hausbesitzern ein gutes Gefühl zu geben. Irgendwie muss der Start in die Robotik-Zukunft wohl beginnen, doch bei der ersten Einschätzung der US-Techpresse fällt der Astro krachend durch.

Geleakte Dokumente sollen beweisen, wie unausgegoren und anfällig der Prototyp noch ist, berichtet The Verge. Dennoch geht Amazons Produktchef Charlie Tritschler davon aus, dass sich „in fünf bis zehn Jahren“ in jedem Haushalt ein smarter Roboter befindet. Ich wette dagegen: bei uns zu Hause nicht.

Cheers + bis nächste Woche!

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