Anzeige

Wochenrückblick

Warum der Fall Nemi El-Hassan so schwierig ist

Das Finale in der großen Wahlkampf-Soap steht kurz bevor und alle legen sich nochmal nach Kräften ins Zeug. ProSieben hat bisher keine Freude an „Zervakis & Opdenhövel. Live.“. Der WDR steht in der Sache Nemi El-Hassan vor einer schwierigen Entscheidung. Und Clowns haben nun eine eigene Fachzeitschrift. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Am Sonntag hat der Krampf-Kampf ein Ende, der Wahlkampf nämlich. Dominiert wurde die politische Auseinandersetzung diesmal von Fettnapf-Tritten in verschiedenen Lagern. Abschreibereien und Lacher an der falschen Stelle. Die drei Kandidaten hatten es aber auch nicht leicht. Bei der vorigen Wahl weigerte sich die Amtsinhaberin Angela M. noch, mehr als ein TV-Duell zu bestreiten. Diesmal gab es gleich drei „Trielle“. Zig „Wahl-Arenen“ und zum Schluss noch einen „Siebenkampf“. Stress pur. Die politische Überraschung des Wahlkampfs war sicher das Umfragen-Comeback der SPD mit ihrem als Dead-Man-Walking gestarteten Scholz. Sogar der „Economist“ (!) empfiehlt von der Insel aus, diesmal die Sozen zu wählen! Dass muss man sich mal vorstellen!

Und die Merkel? Besucht in der Endphase statt eines Einpeitsch-Termins mit dem CDU-Kandidaten lieber einen Vogelpark in Meck-Pomm und liefert mediale Traum-Bilder. Ob das die Wahl noch dreht?

In Meck-Pomm ist übrigens am Sonntag auch langweilige Landtagswahl. Langweilig, weil die SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig dort mit gefühlt 150 Prozent der Stimmen gewählt werden dürfte. Ob überhaupt ein Gegenkandidat antritt – ich weiß es nicht. Die Sozen im Aufwind. Für die Medien wäre ein Kanzler Olaf I. jedenfalls die beste Wahl. Alleine wegen des danach mutmaßlich ausbrechenden Hauens und Stechens in der CDU. Gabor Steingart spitzt schon die Griffel.

+++

Interessant wird es immer dann, wenn erfolgsverwöhnte Menschen plötzlich mit Niederlagen konfrontiert werden. Ich weiß jetzt nicht, ob Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel als „erfolgsverwöhnt“ durchgehen, aber die Quoten der ersten beiden Ausgaben ihres mit großen Erwartungen gestarteten ProSieben-Magazins „Zervakis & Opdenhövel. Live.“ sind mit desaströs noch freundlich beschrieben. Die Premieren-Ausgabe lief extrem schlecht und die zweite Ausgabe diese Woche legte die Latte nochmal tiefer. 450.000 Zuschauer und 1,7 Prozent Marktanteil im Gesamtpublikum. Autsch! Im Interview mit „DWDL“ erklärte Matthias Opdenhövel auf die vorausahnende Frage, was denn sei, wenn die neue Sendung überhaupt nicht funktioniere: „Alle Beteiligten haben sich gegenseitig versprochen, einen langen Atem zu haben.“ Dass die Luft zum Atem aber so schnell so dünn sein würde … Die Zuschauer erwarten bei einem Sender, den sie vor allem für die „Simpsons“ und „Big Bang Theory“ kennen, womöglich keinen eher konservativ gestrickten „Stern TV“-Abklatsch. In den kommenden Wochen dürften wir Operationen am laufenden Sendungskonzept miterleben. Hoffentlich atmet der Patient danach noch.

+++

Der Fall Nemi El-Hassan hält die Medien in Atem. Die Ärztin und Funk-Journalistin sollte eigentlich Moderatorin der WDR-Wissenschaftssendung „Quarks“ werden. Das ist jetzt vorerst gestoppt, nachdem die „Bild“ öffentlich machte, dass El-Hassan 2014 an einer antisemitischen Al-Quds-Demo teilgenommen hatte. Zudem hatte sie 2014 auf einem Poetry Slam einen Text vorgetragen, den man als israelfeindlich interpretieren kann und sie hatte einige Male eine Moschee besucht, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Der WDR will die Vorwürfe nun prüfen, bevor über die Besetzung des Moderationsjobs entschieden wird. In einem „Spiegel“-Interview erklärte El-Hassan inzwischen, nichts gegen Israel zu haben, nicht antisemitisch zu sein und sie distanziert sich deutlich von der iranischen Regierung und der Hisbollah. Zwischenzeitlich haben einige hundert mehr und weniger bekannte Persönlichkeiten (u.a. Igor Levit, Carolin Emcke, Jakob Augstein) einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie eine öffentliche Verurteilung El-Hassans anprangern. Was ist davon zu halten? Ich finde es sehr schwer, diesen Fall zu beurteilen. Einerseits wirken Nemi El-Hassans Äußerungen im „Spiegel“-Interview authentisch – so wie ein schriftliches Interview eben authentisch wirken kann. Ob man ihr glauben mag, dass sie als 20-jährige Frau wirklich so gar nichts davon mitbekommen hat, um was es bei der Al-Quds-Demo ging? Geschenkt. Man muss jemandem zugestehen, zu reifen und seine Ansichten zu ändern. Der frühere „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid war auch mal Gründer einer linksradikalen Gruppe und findet seine alten Texte heute ziemlich fürchterlich. Aber die „Bild“ hat nachgelegt und publiziert, dass El-Hassan noch bis vor kurzem anti-israelische und antisemitische Inhalte mit einem Gefällt-mir-Herzchen versehen hatte. Zwischenzeitlich hat sie diese „Likes“ wohl gelöscht. Dass eine junge Frau, die für ein digitales Medium arbeitet, solche Likes zufällig oder wahllos verteilt, das fällt schwer zu glauben. Zu den Likes hat sie sich – soweit ich gesehen habe – noch nicht geäußert. Der WDR steht hier vor einer schwierigen Entscheidung. Gibt der Sender ihr die Moderation nicht, wird es Kritik von den Unterstützern El-Hassans hageln. Gibt er ihr den Job, hagelt es Kritik (um das Mindeste zu sagen) von ihren Gegnern und der „Bild“. Ihre Teilnahme an der Demonstration und ihre Likes öffentlich zu machen, halte ich indes für richtig und journalistisch geboten. Sie dafür in den (a)sozialen Netzwerken mit Hass zu überziehen ist selbstverständlich komplett daneben. Daneben und unfair ist es auch, wenn einige Medien, wie eben die „Bild“, El-Hassan immer nur mit Kopftuch abbilden, obwohl sie das Kopftuch nach eigenen Angaben seit 2019 nicht mehr trägt. Auch das ist sicher kein Zufall, sondern Absicht. Und keine wohlmeinende.

+++

Eine verstörende Pressemitteilung erreicht mich aus der Schweiz. Das Goetheanum, Sitz der weltweit arbeitenden Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und der Anthroposophischen Gesellschaft, teilt mit, dass in der Sektion für Redende und Musizierende Künste Clowninnen und Clowns nunmehr einen Arbeitskreis gebildet haben. Zitat: „Der Arbeitskreis Clown ist ein Angebot der Sektion, die mit Clownelementen arbeitenden Menschen zusammenzuführen und für sie Plattformen zum Austausch von Erfahrungen zu schaffen.“ In der Clown-Fachzeitschrift „Red Nose“ stellen 24 Clowninnen und Clowns und an der Clownarbeit Interessierte (!) zudem ihren „Weg zum Clowning“ vor. Das ist jetzt sicher ganz und gar unfair und ignorant usw. aber ich gehöre zu jener Gruppe von Menschen, die Clowns eher skeptisch gegenübersteht. Ich konnte noch nie über Clowns lachen und fand sie stets nur in der Ausprägung „Horror-Clown“ standesgemäß repräsentiert. Dass die Rotnasen aber sogar eine Art Innung und eine eigene Fachzeitschrift haben, finde ich schon wieder fast amüsant. Fast.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ debattiere ich mich Kollege Christian Meier von der „Welt“ auch über die Causa Nemi El-Hassan. Außerdem befassen wir uns letztmalig mit Wahlkampf- und Wahlwerbe-Themen und Christian berichtet über sein Mittagessen mit Netflix-Chef Reed Hastings. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

Anzeige