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Fazit zum TV-Format

Bitte keine Trielle mehr

Triell-Übertragung im ZDF mit den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet (v.l.) – Foto: Imago Images

Die Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grüne haben die drei Trielle im TV endlich hinter sich. Fazit: Was von diesen Triellen bleibt, ist die Erkenntnis, dass sie keine Erkenntnisse liefern. Schaffen wir sie besser wieder ab.

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Neulich in einem Podcast: Drei Journalisten treffen sich, um die Themen der Woche zu diskutieren. Einer fragt, wo der Begriff „Triell“ eigentlich herkommt. Die Runde weiß keine Antwort. Ein Blick ins Internet: Er kommt eigentlich aus der Mathematik, ist da zu lesen. Und auch: „Bekannt wurde das Triell durch seine paradoxe Eigenschaft, dass unter bestimmten Bedingungen gute Schützen gegenüber schlechten Schützen im Nachteil sind.“ Und damit wäre fast schon alles gesagt über den Sinn solcher Formate in der politischen Auseinandersetzung.

Was von diesen Triellen zur Bundestagswahl bleibt, ist die Erkenntnis, dass Trielle keine Erkenntnisse liefern. Das hat zum einen mit dem Konzept zu tun. In einem Duell muss man nicht nur agieren, sondern auch reagieren. Fällt einem im Triell nichts ein, hält man den Mund. Wer doch mal ausholen will, dem setzt der obsessive Blick der Moderatoren auf die Redeanteile Grenzen. Und wer qua Format leisten muss, möglichst viele Themen mit gleich drei Gästen abzuhaken, dem bleibt weniger Zeit für anderes; das Drängen auf mehr Tiefe in der Argumentation zum Beispiel.

Überhaupt hat das Triell-Format wenig mit dem zu tun, was der normale Mensch unter einem Streitgespräch versteht. Echte Diskussionen zur Zukunft dieses Landes fanden nur in Nuancen statt, oft blieb es beim Monolog oder bei Vorwürfen, was der jeweils andere nicht auf dem Kasten hatte oder haben wird. Stichwort: Klimaschutz. Und wenn es doch mal um Handfestes ging – etwa zur Frage, ob Olaf Scholz mit den Linken koalieren würde – fanden sich schon irgendwelche Ausflüchte. Dabei würde das, so mein Eindruck, den Wähler wirklich interessieren.

Wo soll das Selbstbewusstsein herkommen?

Ein Triell ist ein Assessment-Center auf Kanzlersuche. Die TV-Studios mögen besser ausgeleuchtet sein als ein seelenloses Zimmer in einem Bürogebäude. Die Atmosphäre war trotzdem mehr bedrückend als feierlich, mehr Kreuzverhör auf Koks als substantieller Wahlkampf. Da springt bei den Kandidaten, das ist nur menschlich, der Überlebensinstinkt an: Bloß nicht gefressen werden! Hoffen, dass sich einer der anderen so blamiert, dass man fein raus ist am Ende – und darauf, dass die Kamera nicht zu nah rankommt an das vom Wahlkampf blasse Gesicht mit den toten Augen.

Mehr Sendezeit und Muse für mehr politische Bildung statt Trielle, fordert MEEDIA-Redakteur Ben Krischke. – Illustration: Bertil Brahm

Das eine ist das Konzept, das andere sind die Protagonisten. Verglichen mit, sagen wir, Schröder, Stoiber und Westerwelle, der sich einst in eine Art Triell erfolglos einklagen wollte, mögen Scholz, Laschet und Baerbock vieles sein, aber sicher keine Alpha-Tiere. Und wo soll es auch herkommen, das Selbstbewusstsein, trotzdem mutig das Beste draus zu machen, wenn die meisten Zuschauer ohnehin finden, man tauge nicht fürs Kanzleramt? Oder man sei nur wegen einer Quote im Spiel. Oder man sei nur ein trojanisches Pferd. 

Ich habe jedenfalls meine Zweifel, dass diese Trielle einen nennenswerten Einfluss auf irgendeine Wahlentscheidung haben werden. Und das ist auch gut so. Denn der Parteiendemokratie erweisen sie einen Bärendienst. Rund 40 Parteien treten zu dieser Bundestagswahl an, schlimme und obskure, lustige und peinliche; und solche wie die Freien Wähler, die immerhin eine Chance haben, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. Und warum hat man eigentlich keinen vierten Tisch dazugestellt beim letzten Triell, wenn die Grünen mittlerweile nur noch knapp vor der FDP liegen? 

Gerne noch mehr Wahlarenen, die einen Erkenntnisgewinn versprechen

Die Zeit der großen Volksparteien ist vorüber. Wer seine Wahlentscheidung fundiert treffen will, braucht deshalb einen wirklichen Überblick, keine Notizen zur Primetime. 38 Fragen beim Wahl-O-Mat und eine Handvoll „Das sind die Sonstigen“-Dokus zu später Stunde sind als Alternative deutlich zu wenig. Am Besten lernen wir aus diesem Wahlkampf – und schaffen diesen Klamauk für immer ab. Ich sage: Nie wieder Trielle!

Stattdessen mehr Sendezeit und Muse für mehr politische Bildung in Tiefe und Breite. Vielleicht eine Stunde pro Partei, in der man Schritt für Schritt das Wahlprogramm seziert samt Fokus auf die Themen, die die Menschen wirklich interessieren. Oder mal eine Elefantenrunde mit den vielversprechendsten „Sonstigen“. Und gerne noch mehr Wahlarenen, in denen echte Bürger echte Fragen aus dem echten Leben an den künftigen Kanzler stellen können. Die waren, anders als diese drei Trielle, nämlich wirklich erhellend. Teilweise jedenfalls.

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