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TV-Triell in der Kritik

Medien sehen neuen Lagerwahlkampf, Linda Zervakis punktet mit altem „Micky Maus“-Heft beim Publikum

Foto: Imago

Das dritte TV-„Triell“ ist Geschichte. Die Kanzlerkandidaten durften sich bei ProSieben und Sat.1 zum letzten Mal vor der Wahl messen. Die Beobachter waren sich einig: Diesmal wurde weit weniger hitzig diskutiert, stattdessen gibt es einen klar erkennbaren Lagerwahlkampf – jedoch zu den alten Themen. Linda Zervakis punktet beim Publikum mit einem „Micky Maus“-Heft von 1993. Eine Übersicht von Presse bis Twitter.

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Am Ende hieß der Gewinner für die Zuschauenden dieses letzten „Triells“ wieder einmal Olaf Scholz. Laut einer Forsa-Blitzumfrage lag der SPD-Kandidat mit 42 Prozent vorne. Mit großem Abstand stimmten 27 Prozent für CDU-Mann Armin Laschet, dicht gefolgt von Annalena Baerbock auf Platz drei mit 25 Prozent der Stimmen.

Für „Süddeutsche“-Autorin Alexandra Föderl-Schmid keine Überraschung, hätten doch weder Sender noch Kandidat:innen mit Themensetzung oder einzelnen Aussagen für Überraschungen gesorgt. „Auch das letzte Triell trug nicht dazu bei, tatsächlich Entscheidungshilfe für Unentschlossene anzubieten“, konstatiert sie.

Dass das Publikumsinteresse an den Wahl-Dreikämpfen insgesamt abgenommen hat, stellte MEEDIA-Redakteur Jens Schröder bereits in seinem Social-Meedia-Radar am Morgen fest.

Lagerwahlkampf im dritten „Triell“

Für die „Bild“-Zeitung zeichnete sich im Triell ein rot-grünes Bündnis ab. „Scholz und Baerbock verbünden sich gegen Laschet“ ist dort in der Überschrift zu lesen. Auch beim „Spiegel“ sieht man das ähnlich: „Rot-Grün gegen Laschet“ titelt die Hamburger über der Analyse. Für die „Welt“ schreibt Chefreporterin Anna Schneider: „Manche Dinge sind so schön, dass man sie gar nicht oft genug sehen kann. Das TV-Format Triell gehört nicht dazu.“ Schneider kritisiert die Moderation, die „ein reines Geschenk an Rot-Grün“ gewesen sei.

Bei der „Tagesschau“ sieht Lothar Lenz vom ARD-Hauptstadtstudio „Zum Schluss wenig Neues“. Sein Fazit, man spüre dass die drei Kanzlerkandidat:innen langsam müde werden „nach ungezählten Fernsehauftritten und einem Wahlkampf, der so sehr auf sie, die drei Spitzenkandidaten, zugeschnitten ist.“

In der „FAZ“ bescheinigt Peter Carstens Olaf Scholz, diesmal vorbereitet gewesen zu sein. In Richtung der Privatsender konstatiert er: „Wer gedacht hatte, bei den privaten Sendern, die mehr vom Kochduell und Boxen herkommen als vom Völkerrecht, werde es heißer und kampfbetonter, wurde enttäuscht. Wer hingegen sachliche Diskussion schätzt, bekam was geboten.“

Bei der „Taz“ zieht man historische Vergleiche mit der Headline „Weder Kennedy noch Nixon“ und sieht Annalena Baerbock in der Klimadebatte vorne. Scholz und Laschet seien „im Guten wie im Schlechten zwei durchschnittliche Biedermeierpolitiker, die sich inhaltlich näherstehen als es im Wahlkampf erscheinen soll.“ Annalena Baerbock spielt laut Inlandsredakteur Pascal Beucker „ohnehin nur auf Platz.“

Twitter uneinig bei Moderatorinnen

Bei den Moderatorinnen zeigte sich die Twitter-Community derweil ebenso uneinig wie die Presse: Linda Zervakis wurde für ihren Auftritt vielfach gelobt, Schriftsteller Saša Stanišić outete sich als Zervakis-Fan. 

Linda Zervakis und das „Micky Maus“-Heft

Linda Zervakis überraschte die Zuschauer wie auch Kanzlerkandidat Armin Laschet mit einem „Micky Maus“-Heft von 1993. Ihre Eltern hatten damals einen Kiosk, erklärt die Moderatorin, weswegen sie sich an diese Ausgabe erinnere, in der es um die Abholzung des Regenwaldes ging. „Vor über 30 Jahren hat sich die Micky Maus schon mit dem Klimawandel beschäftigt“, konfrontierte sie Armin Laschet. Bei der CDU habe man das Heft wohl nicht gelesen. Laschet erwiderte, dass bereits damals Klaus Töpfer als Umweltminister viel für den Klimaschutz getan hätte.

Redezeitfehler bei von Brauchitsch gegen Annalena Baerbock

Kritik wurde gegen Co-Moderatorin Claudia von Brauchitsch laut. Das hatte mehrere Gründe. Als ehemalige Moderatorin von CDU-Wahlkampfveranstaltungen und von „CDU TV“ ging sie aus Sicht einiger Zuschauenden bereits vorbelastet in das Triell. Bestätigt sahen sich dieselben, als von Brauchitsch dann Annalena Baerbock, die Kandidatin mit dem bis dahin geringsten Redeanteil, ermahnte, sich kürzer zu halten. Ein Fehler, den die Moderatorin später selbst korrigierte.

Andere warfen von Brauchitsch vor, zu sanft mit Laschet umzugehen und bei Falschaussagen nicht konsequent nachzuhaken.

Erfolgreichste Tweets zum Triell von Jan Böhmermann

Der reichweitenstärkste Tweet zum Triell kam laut MEEDIA-Analyse von Jens Schröder von Jan Böhmermann mit einem Satz in Versalien. Der ZDF-Satiriker konnte noch weitere Topplatzierungen auf Twitter zum Thema landen.

Auch die Themenverteilung bei P7S1 passte einigen Nutzer:innen nicht: Statt neue Punkte wie die Außen- und Europapolitik zu besprechen, seien mit Corona, sozialen Fragestellungen oder dem Klimaschutz beinahe deckungsgleiche Fragen wie bei den vorigen Triellen gestellt worden. Pflege, innere Sicherheit und Digitalisierung seien diesmal aber immerhin angesprochen worden.

Doch bei den „neuen“ Themen blieben die Kandidat:innen – so der Tenor – meist zu oberflächlich. Über allgemeine Zielsetzungen hinaus wurden demnach nur selten wirkliche Maßnahmen diskutiert.

ts/th

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