Anzeige

Gastbeitrag von Julia Bellinghausen

Agenturen stecken in einem Teufelskreis

Julia Bellinghausen – Foto: studioselzam

Arbeiten in der Agentur, das bedeutet Spannung, Abwechslung, Hund, Kicker, kreative Freiräume und flache Hierarchien – so die Klischees. Was es aber hinter vorgehaltener Hand auch viel zu oft heißt: Zeitdruck und Überlastung durch die Vorgaben der Auftraggebenden sowie mehr Schein als Sein. Könnte die Agenturwelt nicht auch anders funktionieren?

Anzeige

Autorin Julia Bellinghausen beschäftigt sich in ihrem Gastbeitrag mit dem negativen Arbeitsalltag in Agenturen, der seit vielen Jahren wie zementiert erscheint. Der Beitrag ist auch eine Antwort auf eine Agenturanalyse von Oliver Blecken, nach der die Corona-Pandemie einige Missstände in Agenturen noch verschärft.

Die Arbeit in einer Agentur ist eigentlich wirklich reizvoll. Der Umgang ist entspannt, es gibt keinen konservativen Dresscode und Team-Events gehören zum Standard. Wer flexibel arbeiten möchte, kann die Arbeitszeit an das Privatleben anpassen – Gleitzeit wird hier mehr gelebt als anderswo. Die Hierarchien sind flach und wer als Trainee kommt, kann schnell aufsteigen. Auch fachlich ist viel drin, denn kaum jemand arbeitet nur auf einem einzelnen Projekt und somit sieht man sich ständig mit neuen Themen, neuen Menschen und neuen Herausforderungen konfrontiert. Drinks am Freitag und das schicke Equipment sind ein gern angenommenes Extra.

Zur Person

Julia Bellinghausen ist PR-Managerin Germany bei McDermott Will & Emery Rechtsanwälte Steuerberater LLP, Frankfurt. Sie hat Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Philosophie studiert.

Sie ist seit über acht Jahren in der Kommunikationsbranche tätig. Ihr Fokus liegt auf klassischer PR und der Entwicklung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien.

Doch abseits der Vorzüge spielen sich hinter den Kulissen einige Dramen ab. Es sind persönliche Erfahrungen, aber auch die Berichte von Freund*innen und Bekannten aus Agenturen, die mich bisweilen völlig fassungslos machen. Eine Freundin erzählte mir von ihrem Chef, der geäußerte Bedenken mit einem „Ach, Hase, nun sei halt nicht so!“ abbügelte, anstatt sich mit den Beobachtungen seiner Mitarbeiterin auseinanderzusetzen.

Alles Klischees oder traurige Wahrheit?

Ein Bekannter berichtet von Arbeitszeiten, die man sonst eher aus Krankenhäusern kennt. „Wenn der Pitch fertig werden muss, ist es egal, ob es nach Mitternacht, Samstag oder dein Geburtstag ist – du kennst das“, höre ich ihn sagen. In wieder einem anderen Gespräch tröstet man sich gegenseitig über ein Projekt, bei dem nicht nur persönliche Beleidigungen, Respektlosigkeit und realitätsferne Erwartungshaltung an der Tagesordnung sind, sondern am Ende auch so viele Überstunden auf dem Zettel stehen, dass von Wirtschaftlichkeit keine Rede mehr sein kann.

Am 3. März 2020 ging das Profil Agentur Boomer bei Instagram live und wurde schnell zu einer Art Therapiezentrum für all die Menschen, die emotional mit der Agenturwelt verbunden sind. Ob konsterniert, frustriert oder desillusioniert – für unterschiedlichste Gefühlslagen gibt es hier das richtige Material. Der Erfolg der Macher (die mittlerweile auch ihren Weg zu LinkedIn gefunden haben) kommt nicht von ungefähr: Die Realität in Agenturen sieht oft genauso aus, wie es Agentur Boomer überspitzt darstellt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll

Manchmal fällt die Entscheidung schwer, ob man lachen oder weinen soll, so sehr treffen die Inhalte des Accounts ins Schwarze. Mal abgesehen vom berüchtigten Zaubersalz, das mir in meiner Agenturzeit nie begegnet ist, ist da die Rede von Schaumschläger*innen, die alles an ihre Teams delegieren und sich aus der Verantwortung stehlen, aber immer gerne Lorbeeren anderer einstreichen.

Es werden geistlose Kund*innen aus der Hölle genauso thematisiert wie eine lange Liste agenturinterner Pathologien: Sexismus, Diskriminierung und rauer Umgangston, zahllose Überstunden, ständiger Druck, Personalmangel, fehlender Rückhalt und ausgefahrene Ellbogen, pseudo-familiäre Strukturen und überzogene Erwartungshaltung von übergriffigen und empathielosen Führungskräften. Dabei dient der Begriff der Agenturfamilie ohnehin meist nur einem Zweck: Er soll für Loyalität sorgen und einen Rückhalt suggerieren, den es zu oft gar nicht gibt.

Egal ob von Kund*innen oder von Führungskräften, sind solche und andere Grenzüberschreitungen leider keine Seltenheit. Ständige Erreichbarkeit und Videozwang in Calls sind genau so selbstverständlich wie persönliche statt fachliche Kritik. Das macht es als Mitarbeiter*in fast unmöglich, sich abzugrenzen und die notwendige Distanz zum Job zu schaffen. Die langfristigen Konsequenzen dieser Umstände sind nicht zu unterschätzen. Während einige Agenturler*innen völlig frustriert und/oder ausgebrannt irgendwann das Handtuch werfen und die Branche wechseln, entwickeln andere einen Schutzpanzer aus Distanz und Egoismus, den sie mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen.

Auf der Suche nach den Gründen

Es ist ziemlich genau zehn Jahre her, dass der „Spiegel“ ein Interview mit Mirko Kaminski, CEO bei Achtung, veröffentlichte. Damals ging er mit der Branche hart ins Gericht: „Bei den meisten Agenturen gehört die Überbelastung der eigenen Mitarbeiter zum Konzept. Die Gewinnmargen wurden in den vergangenen Jahren durch Überstunden der Angestellten generiert. Die Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter galt lange Zeit als sexy und gehörte wie selbstverständlich dazu“, wird Kaminski damals zitiert. Er beschreibt, wie sich Agenturen mit dieser Mentalität selbst disqualifizieren, wie groß die Herausforderung ist, Nachwuchstalente zu finden und dass Burnout sich längst zur Branchenkrankheit gemausert hat. Die Begründung sieht er in der 24/7-Erreichbarkeit und dem wachsenden Druck von Seite der Auftraggebenden, die immer mehr fordern, aber immer weniger zahlen.

Kaminski erklärt weiter: „Es sind viele kleine Fehler, die sich zu etwas Großem aufbauen. Ich habe Aufgaben zum Beispiel oft immer an dieselben delegiert, an besonders verlässliche Mitarbeiter. Und die neigen irgendwann zum Burnout, weil sie immer alles zu 100 Prozent erledigen wollen und ständig unter Druck stehen. […].“ Das traurige an seiner Beschreibung ist, dass sich bis heute kaum etwas an diesen Zuständen geändert hat. 2021 werden immer noch riesige Pitches bearbeitet, die viel Zeit, Hirnschmalz und Einsatz verlangen, aber von Auftraggebenden nicht honoriert werden – weder mit Anerkennung, geschweige denn mit Geld.

Agenturen spielen das Spiel aber munter mit, denn die Konkurrenz ist groß und oft lassen sich nur so neue Aufträge an Land ziehen. Trainees, die als Lernwillige in Agenturen einsteigen, werden innerhalb von Wochen zu Account-Verantwortlichen gemacht, weil es an Personal fehlt. Mitarbeiter*innen, die immer 110 Prozent geben, Aufgaben außerhalb ihrer Stellenbeschreibung übernehmen und maximalen Einsatz zeigen, werden völlig selbstverständlich bis zum Punkt des Zusammenbruchs überladen – und müssen sich dennoch fehlende Belastbarkeit vorwerfen lassen. Der Druck kommt von allen Seiten.

Agentur muss auch anders gehen

Das hier soll, trotz allem, keine plumpe Verunglimpfung der Agenturwelt sein. Ich war jahrelang selbst in einer Agentur tätig und habe in dieser Zeit viel gelernt und konnte viel mitnehmen. Agenturen schaffen Raum für Individualität, Flexibilität und Kreativität. Dort entstehen in bestenfalls bunten Teams tolle Ideen, preisgekrönte Kampagnen und auch die ein oder andere Freundschaft.

Aber: Das allein reicht nicht. Erfolg darf nicht auf Kosten der seelischen und körperlichen Gesundheit der Mitarbeiter*innen erreicht werden. Personalplanung muss mehr sein, als eine Excel-Tabelle, die mit Zahlen, aber nicht mit echten Menschen rechnet. Ein Macbook ersetzt keine Wertschätzung durch Vorgesetzte – und erst recht keine mangelnde Rückdeckung in einer Notsituation.

Es darf nicht passieren, dass High-Performer ausgebrannt und Low-Performer durchgeschleppt werden, Gehälter für den Agenturnachwuchs kaum zum Leben reichen, Auftraggebende immer am längeren Hebel sitzen und Überlastung der Normalzustand ist. Zu oft sind Agenturen selbst nur Getriebene, die unter einem enormen wirtschaftlichen Druck stehen und dennoch versuchen, bestmögliche Ergebnisse abzuliefern. So entsteht ein Teufelskreis, in dem durch internes Missmanagement die ohnehin prekäre Situation verschärft wird. Gute Leute werden überlastet und schlechte Führungskräfte und Mitarbeiter*innen, die nicht gut performen, werden nicht abgestraft, solange es das fragile System hergibt. Leidtragende sind die High-Performer im Unter- und Mittelbau, die den Laden auf Kosten ihrer Gesundheit am Laufen halten.

„Setzt den Auftraggebenden Grenzen, anstatt sie beim Personal zu überschreiten!“

Um die Zustände zu verändern, müssen Agenturen endlich Gespräche führen und zuhören. Was braucht das Team? Woran scheitert es? Was haben die leisen Stimmen zu vermelden? Wie kann der wirtschaftliche Druck abgebaut und der Zusammenhalt gestärkt werden? Die Branche muss mehr zusammenrücken. Nur gemeinsam lässt sich die Situation nachhaltig verändern, etwa durch einen Branchen-Kodex, der in Sachen Pitch-Honorare, Stundensätze und Projektplanung Orientierung bietet. Der wirtschaftliche Druck darf nicht zu immer niedrigeren Honoraren für immer umfangreichere Projekte führen, die im Zweifel nicht mal als Referenz auf der Website taugen.

Intern wiederum muss das Ziel sein, Aufgaben im Team dauerhaft gleichmäßig zu verteilen und mit ausreichenden Puffern zu planen. Krankheit, ausgefallene Kinderbetreuung oder Urlaub dürfen nicht zu Problemen führen. Das Personal braucht klare Anlaufstellen für Unterstützung im Krisenfall, aber auch für allgemeines Feedback zu Auslastung, Projekten und Business Opportunities.

Am Ende geht es in meinen Augen um Respekt und Anerkennung. Ich kann nur an die Branche appellieren: Bitte behandelt, bezahlt und beachtet eure Mitarbeiter*innen besser und fangt an, Grenzen in Richtung der Auftraggebenden zu setzen, anstatt sie beim Personal zu überschreiten.

Anzeige