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Die GAFA-Kolumne

Warum mir das iPhone 13 egal ist und ich es trotzdem kaufen werde

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es war wieder so weit: Gestern hat Apple bei seinem wichtigsten Presse-Event des Jahres eine Serie neuer iPhones vorgestellt. Das Update fällt marginal aus, MEEDIA-Kolumnist Nils Jacobsen greift trotzdem zu. Warum? 


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Waren Sie gestern dabei, als Apple die neuen iPhones präsentierte? Ich kann es Ihnen nicht verübeln, wenn nicht. Tatsächlich zum bereits 15. Mal spielte sich das unvermeidliche Schauspiel ab. Wieder stieg Tim Cook auf die Bühne des Steve Jobs Theaters, zückte ein knapp 13 Zentimeter großes Stück Hightech und er- und verklärte es zum besten Smartphone aller Zeiten. 

Ob das stimmt, müssen Tech-Aficionados beurteilen. Längst jedoch hat sich die Diskussion über die Qualitätsmaßstäbe von Smartphones von ihren Spezifikationen verselbstständigt. Natürlich bekommt man für deutlich weniger Geld die gleiche oder eine bessere Performance, eine höhere Bildauflösung (Apple bietet anno 2021 immer noch nicht mehr als 12 MP bei seiner Hauptkamera) ggf. sogar ein faltbares zweites Display dazu.

Allein: Ist das anno 2021 noch ein Kriterium? Für mich nicht. Dabei kann man sich mich als Smartphone-Junkie a.D. und iPhone-Käufer der ersten Stunde vorstellen. Ich habe nicht nur das erste Modell im November 2007 erworben, als es in Deutschland, Frankreich und Großbritannien vier Monate nach dem Launch in den USA auf den Markt kam, sondern auch wirklich jedes Jahr ein neues Modell bis 2013.

Erst beim iPhone 5s im Jahr 2013 wurde es mir zu beliebig, und ich habe begonnen, in Zwei-, später sogar Drei-Jahresschritten zu denken, was die Erklärung für mein nächstes Upgrade ist. Tatsächlich verwende ich aktuell immer noch ein iPhone XS Max aus dem Herbst 2018 und habe in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal an ein Upgrade gedacht. 

Jetzt nach drei Jahren ist es wieder einmal an der Zeit, und das iPhone 13 Pro Max in der Maximal-Version zu 1 TB dürfte in den nächsten Wochen bei mir eintreffen. Bin ich aufgeregt wie beim ersten iPhone, dem grundlegend überholten iPhone 4 oder dem endlich großen iPhone 6? Kein bisschen. Freue ich mich auch auf das Gerät? Geht so. Im Grunde ist mir das iPhone 13 egal.  Warum ich es dann trotzdem kaufe und kein anderes Modell?

Weil ich längst in der Apple-Falle sitze und über die Jahre zum perfekten Kunden geworden bin, der den Techpionier mit Käufen von ein paar Tausend Euro alle paar Jahre zum wertvollsten Konzern der Welt gemacht hat. Warum ist es nun so schwer, dem Apple-Universum zu entrinnen?

Erstaunlicherweise liegt es nicht an dem, was Apple in erster Linie zu einem ikonischen Konzern gemacht hat: dem Design, der Hardware. Es ist das Ökosystem, der Walled Garden! Meine 180.000 Fotos, meine Mails aus den letzten 15 Jahren, meine Lesezeichen –  mit einem Wort: das Wichtigste meines digitalen Lebens aus den letzten eineinhalb Jahrzehnten aus der Cloud.

In meiner Pawlowschen Bedürfnispyramide sind Kamerasysteme aus Haupt-, Weitwinkel- und Telelinsen, gigantomanische Megapixelgrößen und anderer Schnickschnack inzwischen so weit nach hinten gerückt, dass ich sogar noch ein weiteres Jahr mein 2018er-iPhone vorziehen würde, als in der Android-Welt mit einem Gerät von Samsung, Xiaomi oder One Plus wieder bei Null anzufangen. Tatsächlich bin ich in einer Phase meines Lebens angekommen, in der ich viel darauf gebe, dass Dinge einfach funktionieren – ich habe nach eineinhalb Jahren Pandemie-Wahnsinn und einem Kind im Kindergartenalter schlicht keine Nerven mehr für zusätzliche Experimente.

Für Apple sind Kunden wie ich am Ende das Fundament seiner Marktmacht. Apple muss für eine Käuferschaft zwischen 30 und 60 nicht das technologisch beste Produkt anbieten, sondern das beste Konsensprodukt für den Mainstream. Es geht nicht um das Kaufargument des einen Features beim iPhone 12, 13 oder 14 –  es geht um eine langlebig aufgebaute Kundenbindung, die Marketingguru Scott Galloway als „monogam“ bezeichnet.   

Solange mittelalte Familienväter wie ich, die mit Apple groß geworden sind, bereit sind, sich beständig Tausende Euro aus der Tasche ziehen zu lassen, um in der knapp bemessenen Offtime nur ihre Ruhe zu haben, hat der Konzern in seiner Vormachtstellung wenig zu befürchten.

Die größte Aufgabe für Tim Cook in seiner restlichen Zeit als Apple-CEO besteht damit weiter weniger darin, ein bahnbrechendes neues one more thing zu finden, als vielmehr darin, nicht kaputt zu machen, was über Jahrzehnte funktioniert hat. (It just works pflegte Steve Jobs in Keynotes stets anzumerken.)

Dass diese Gefahr allerdings nicht unterschätzt werden darf und keine Vormachtstellung automatisch ewig währt, erleben wir gerade auf den letzten Metern des aktuellen Bundeswahlkampfs mit der Implosion der CDU. Aber das ist ein anderes Thema – und der Kauf eines Smartphones zum Glück eher kein politisches Statement… 

+++ Short Tech Reads +++

Bloomberg: Apples kleine Epic-Niederlage ist am Ende ein großer Gewinn 

Apple dürfte das Urteil im App Store-Prozess, nachdem der Techpionier allen Entwicklern die Möglichkeit einräumen muss, in Apps alternative Bezahloptionen anzubieten,   mutmaßlich Milliarden kosten. Es hätte jedoch noch viel schlimmer kommen können, analysiert Bloomberg Techreporter Mark Gurman, der glaubt, dass die meisten Nutzer zu träge sein werden, innerhalb einer App auf weiterführende Links zu klicken um separat  eine neue Bezahlmethode auszufüllen.  

500ish: Apple ist zu selbstzufrieden, um einzusehen, die App Store-Regeln weiter anzupassen 

Der frühere Tech Crunch-Reporter M.G. Siegler und heutige Venture Capitalist schlägt sich in seinem Medium-Blog 500ish nach dem App Store-Urteil indes auf die andere Seite und analysiert pointiert, dass Apple den App Store und das zugrunde liegende Vergütungssystem neu denken muss, um die Milliarden-Gelddruckmaschine nicht ganz zu verlieren. 

The Information: Apple TV+ will Content-Angebot 2022 verdoppeln 

Apples Streaming-Dienst Apple TV+ läuft auch zwei Jahre nach dem Start mäßig an. Gewiss: Es gibt hochdekorierte Starproduktionen wie „The Morning Show“, deren zweite Staffel endlich am Freitag anläuft und den Überraschungshit „Ted Lasso“, doch in der bisherigen Form stellt das für Neukunden von Apple-Produkten kräftig subventionierte Angebot nicht im Entferntesten eine Konkurrenz zu Netflix oder Disney+ dar. Nach Angaben des Premium-Techportals The Information will Apple seine Bewegtbild-Ambitionen zumindest weiter unterstreichen und das Content-Angebot im nächsten Jahr auf mindestens einen neuen Inhalt pro Woche verdoppeln.    

+++ One more Thing: Was ist bei der Apple Watch 7 schiefgelaufen?  +++

Alle reden über die neuen iPhones, doch Apple hat gestern auf seiner Keynote noch mehr vorgestellt. U.a. neue iPads: einmal das Einsteigermodell mit einem kleinen Upgrade unter der Oberfläche und dann – endlich – das iPad mini im Design der iPad Pro-Reihe. Schick!

Mein persönliches Highlight war indes die bloße Ankündigung, dass Apples virtuelle Trainingskurse Fitness+ bis Ende des Jahres endlich auch nach Deutschland kommen. Seit einem Jahr ringe ich mit mir: Peloton oder nicht – und komme als echter Outdoor-Biker zu dem Schluss, dass zum Radfahren einfach die Natur gehört. (Mein unterirdisches Monatspensum liefert trotz Gravelbike indes das beste Gegenargument – die Regelmäßigkeit macht’s.) Immerhin: Von Apples virtuellem Trainingsangebot verspreche ich mir einige Workouts at Home für den fünf Monate langen, grauen Hamburger Herbstwinter.     

Die Steilvorlage für eine neue Apple Watch könnte damit schärfer kaum hereingeflankt worden sein – allein: Apple droht sie in bester Ted Lasso-Manier zu versemmeln. Tim Cooks Vorzeigeprodukt, das in den letzten sechs Jahren – Verzeihung, unvermeidliche Metapher – wie ein Uhrwerk um Generation für Generation überholt wurde, lässt diesmal länger auf sich warten. 

Die im Vorfeld geäußerten Gerüchte um Produktionsprobleme scheinen sich bestätigt zu haben: „Später im Herbst“ soll die Apple Watch Series 7 nämlich auf den Markt kommen. Später im Herbst? Das könnte rein rechnerisch auch fünf Tage vor Weihnachten der Fall sein. (Ein solches Ankündigungsdebakel erlebte zuletzt die erste AirPod-Generation Ende 2016.) Für ein Apple Watch-Upgrade, das seit fünf Jahren stets im September erfolgte, ist das eine bemerkenswert vage Verschiebung.

Ebenso auffällig: Bis auf bunte Hochglanzclips blieb Apple bei der Apple Watch 7 ungewöhnlich nebulös. Technische Spezifikationen und ein neues Killerfeature? Fehlanzeige. Das sicher geglaubte große Redesign scheint auszufallen, die Smartwatch soll indes robuster und leistungsfähiger werden, schneller zu laden sein und eine um 20 Prozent größere Bildschirmfläche besitzen. Fair enough.

Aber warum Apple das offenkundig unfertige Modell (9to5Mac: „Nicht mal Apple scheint zu wissen, wann die Apple Watch 7 auf den Markt kommt“) dann bereits auf der Keynote präsentiert hat, bleibt ein Mysterium.

Cheers + bis nächste Woche!

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