Anzeige

Überraschendes Urteil im Epic Games-Prozess

Apple muss im App Store alternative Bezahlmöglichkeiten für alle Anbieter zulassen

Foto: IMAGO / NurPhoto

Unerwarteter Rückschlag für Apple: Der wertvollste Konzern der Welt muss die Bezahlmöglichkeiten im App Store für alle Entwickler öffnen. App-Anbieter können damit künftig Apples Provisionsmodell umgehen, bei dem bis zu 30 Prozent der Erlöse einbehalten werden. Apple drohen durch das überraschende Urteil eines Gerichts in Kalifornien nun Milliardeneinbußen.

Anzeige

Der Streit schwelt seit Jahren. Dass Apples App Store eine Gelddruckmaschine ist, ist keine Neuigkeit – die hohe Kommission von bis zu 30 Prozent auf die Erlöse der App-Anbieter auch nicht. Entsprechend laufen seit Jahren Inhalteanbieter wie Spotify oder Epic Games Sturm gegen das Geschäftsgebaren aus Cupertino.

Der Anbieter des weltweit beliebtesten Online-Spiels Fortnite war im vergangenen Sommer etwa in einen bitteren Zwist mit Apple geraten, als Epic Games versucht hatte, Apples und Googles App Store-Preismodell auszuhebeln, dafür aber postwendend von den Plattformen verbannt wurde. In der Folge eskalierte die Auseinandersetzung mit einer dauerhaften Verbannung aus Apples App Store und anschließenden Gerichtsprozess.

Apple mit unerwarteter Niederlage im Epic Games-Prozess

Das Urteil hat die Richterin Yvonne Gonzalez Rogers am Bundesgericht in Oakland, Kalifornien, nun gefällt. Man kann es einen unerwarteten Rückschlag für den siegesgewissen Erfolgskonzern aus Cupertino nennen: So muss Apple künftig seine lukrativen App Store-Regeln ändern und allen App-Anbietern die Möglichkeit bieten, eine eigene Bezahloption innerhalb einer App anzubieten.

In der Praxis sieht das so aus: App-Anbieter haben ab Dezember die Möglichkeit, Nutzer innerhalb der App zum Bezahlvorgang auf die eigene Webseite weiterzuleiten und damit Apples App Store-Gebühr zu umgehen, sofern der Nutzer gewillt ist, den Mehraufwand auf sich zu nehmen. (Zur Anmeldung in Apples App Store benötigt der Nutzer lediglich ein Konto für alle Apps, die er kostenpflichtig herunterlädt bzw. deren Abonnements er abschließt.)

Apple lenkte bei App Store-Gebühr bei Medien-Apps wie Netflix, Spotify und Verlagen im Vorfeld ein

Für Medienanbieter hatte Apple die neuen Regeln im App Store bereits vergangene Woche im Rahmen einer Einigung mit der japanischen Wettbewerbsbehörde quasi nebenbei angekündigt. Obwohl zunächst die Einigung nur für den japanischen Markt getroffen worden war, sollte sie ab Anfang 2022 weltweit ausgeweitet werden.

„Das Update ermöglicht es Entwickler:innen von „Reader“-Apps, in der App einen Link zu ihrer Website einzubinden, über den Nutzer:innen ein Konto einrichten oder verwalten können“, hieß es in der Pressemitteilung in der vergangenen Woche.

Ewiger Zwist um App Store-Gebühren

Verlage hatten Apple im Vorfeld seit Jahren für die hohen Provisionen kritisiert. „Die Bedingungen von Apples einzigartigem Marktplatz beeinflussen stark die Möglichkeiten, weiter in hoch qualitative, vertrauenswürdige Nachrichten und Unterhaltung zu investieren – ganz besonders im Verhältnis zu größeren Firmen“, erklärte etwa Jason Kint vom Branchenverband Digital Content Next (DCN), dem u.a. die „New York Times“, das „Wall Street Journal“ oder die „Washington Post“ angehören, im vergangenen Sommer in einem offenen Brief.

Seitdem hatte sich Apple mehrfach bewegt – nicht zuletzt vor der Drohkulisse einer möglichen Kartellrechtsklage. Bislang führen Verlage als auch Medienanbieter wie Spotify oder Netflix bei im App Store abgeschlossenen Abonnements im ersten Jahr 30 Prozent Provision ab; ab dem zweiten Jahr verringert sich die Gebühr auf 15 Prozent.

Negatives PR-Echo

Nach dem Einlenken gegenüber Medien-App-Anbietern erntete Apple in der vergangenen Woche trotzdem jede Menge Kritik. „Apples ausgewählte Kniffe bei den App Store-Regeln sind zwar willkommen, gehen aber nicht weit genug“, bemängelte etwa Spotifys Rechtschef Horacio Gutierrez vor einer Woche. Der Hintergrund: Für Spieleentwickler, die den Löwenanteil der Erlöse im App Store ausmachen, sollten die neuen Vergütungsregeln im App Store nicht gelten.

Das Techportal The Information kritisierte etwa: „Apples App Store-Zugeständnisse machen es nur schlimmer. Apple sollte im größeren Stil handeln, und zwar schneller“, befand das Premiumportal. Und selbst das Cupertino grundsätzlich freundlich gesonnene Apple-Blog 9to5Mac kommentierte: „Die Wahl besteht für Apple in einer großen Entscheidung, die viel positive PR kreiert oder in einer Infusion aus vielen kleinen schlechten PR-Nachrichten“, folgerte das Apple-Blog.

Apple könnte beim App Store Milliarden-Gewinn einbüßen

Der Grund für die App Store-Politik der kleinen Schritte ist nur allzu offenkundig: Apple hat bei seiner Gelddruckmaschine viel zu verlieren. Wie Techreporter Mark Gurman vom Finanzinformationsdienst Bloomberg berichtete, soll Apple 2019 beim App Store eine traumhafte Gewinnmarge von 78 Prozent erzielt haben.

Die Erhebung des Marktforschers Sensor Tower, der Apple 2020 App Store-Umsätze von über 72 Milliarden Dollar bescheinigt, zugrunde gelegt, wäre der Marktplatz für mobile Kleinprogramme damit bereits für operative Gewinne in Höhe von etwa 17 Milliarden Dollar verantwortlich – und damit mutmaßlich für den Löwenanteil des Service-Segments.

Apple verliert 80 Milliarden an Börsenwert

Wäre es bei den Zugeständnissen für Medienanbieter geblieben, rechnete Morgan Stanley-Analystin Katy Huberty noch im schlechtesten Fall mit Einbußen beim Gewinn je Aktie von jährlich „ein bis zwei Prozent„, die entsprechend verkraftbar erschienen. Durch die Ausweitung der App Store-Konzessionen auf alle Anbieter dürften dem wertvollsten Konzern der Welt indes mutmaßlich schnell Milliardengewinne durch die Lappen gehen.

Die Wall Street reagierte unterdessen reflexartig auf die unerwartete Kehrtwende im App Store-Prozess: Nach dem Urteil tauchte die Apple-Aktie, die zuvor noch im positiven Terrain notiert hatte, deutlich ab und brach zum Handelsschluss an der Wall Street um 3,3 Prozent ein. Durch den Kurssturz verringerte sich Apples Börsenwert binnen Stunden um rund 80 Milliarden Dollar. Es war zudem Apples größter Kurseinbruch seit vier Monaten.

Anzeige