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New Work

Das virtuelle Feierabendbier schmeckt schal

David Eicher – Illustration: Bertil Brahm

Homeoffice lässt den Agenturspirit erlahmen. Aktuell doktern alle an scheinheiligen Kompromissen herum– und vergessen die, um die es geht. Dabei ist die Lösung einfach: Employee Centricity.

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Die Serie „Mad Men“ zeigte uns den Agentur-Lifestyle der 60er Jahre, Frédéric Beigbeders Roman „39,90“ leuchtete die grelle Werbewelt der 90er Jahre aus. Müsste man heute die ­Faszination der Werbebranche beschreiben, würde man ein leeres Blatt Papier abgeben. Aus die Maus.

Aus der Ferne betrachtet, unterscheidet sich die ­Arbeit in einer Agentur im Jahr 2021 nur unwesentlich von der im Controlling eines Mittelständlers in Bielefeld-Süd. Man sitzt vor dem heimischen PC, arbeitet seine Tasks ab, absolviert mehr oder weniger gelangweilt Video-Calls und stimmt sich mit den Kollegen per Slack ab. Das Für und Wider des häuslichen Arbeitsstils ist in den vergangenen Monaten hinlänglich erörtert worden. Auf einer grundsätzlichen Ebene ebenso wie auf der individuellen: Was bedeutet Remote Work für die Gesellschaft? Für jeden einzelnen von uns? Für die Arbeits- und Werbewelt? So langsam setzt sich die Erkenntnis durch: ganze ohne Präsenz vor Ort geht’s dann doch nicht. Alles steuert gerade auf einen Kompromiss zu: ein, maximal zwei Tage in der Agentur; der Rest zuhause. Ein ­fauler Kompromiss. Denn: Agenturen und Remote Work – das beißt sich grundsätzlich.

„So langsam setzt sich die Erkenntnis durch: Ganz ohne Präsenz vor Ort geht’s dann doch nicht.“

Das hat viele Gründe:

  • Homeoffice entfacht keine Leidenschaft. Keiner leugnet ernsthaft die Leidenschaftslüge, und auch jeder stöhnt über zu viel Routine- und administrative Tätigkeiten. Aber jeder Freigeist, also jeder, der ab und zu herkömmliche Denkmodelle in Frage stellt, braucht dafür vor allem eines: einen entsprechenden Freiraum. Homeoffice jedoch standardisiert Arbeitsprozesse. Tasks, Calls, Reportings. Alles nachprüfbar, alles effizient. Alles Zufällige bleibt auf der Strecke: der Gedankenaustausch an der Espresso-Maschine, das mittägliche Treffen mit dem Team beim Italiener um die Ecke oder manchmal auch nur der Schulterblick. Das fehlt.
  • Kommunikation ist Teamwork. Mehr Band als Solist. Die besten Lösungen ergeben sich zumeist gemeinsam durchs Ausprobieren – durch ständiges Üben und optimieren. Um im Bilde zu bleiben: Mal den Beat nur leicht versetzt spielen, schon ergibt sich ein völlig anderer Groove. Sicher: Das kann man auch alleine machen – klingt dann aber eher wie Kraftwerk. Eine gute Präsentation ist in den seltensten Fällen ein Soloprojekt, viel häufiger vereint sie die unterschiedlichsten Einflüsse. Diese zu einem konsistenten Werk zusammen zu fügen – da fliegen manchmal die Fetzen, häufig sprühen aber auch Funken. Eine solche Atmosphäre lässt sich übers Home Office nicht annähernd erzeugen.
  • Agenturen leiden unter zu hoher Fluktuation. Homeoffice fördert noch die Wechselbereitschaft und senkt die Identifikation mit dem Arbeitgeber. Die Arbeitsumgebung bleibt gleich, nur die Kunden ändern sich. Warum nicht gleich das nächstbeste Angebot annehmen? Die netten Kollegen sieht man zum entspannten Plausch eh nur einmal wöchentlich beim virtuellen Feierabendbier. Es entsteht ein Heer von Kreativ-Söldnern.
  • Arbeit in Agenturen, das ist mehr als Geld verdienen. Wir beklagen einen Nachwuchsmangel und zahlen bescheiden. Zugleich wollen wir die besten High Potentials haben. Also müssen wir ihnen etwas bieten, das über den ergonomisch geformten Stuhl zuhause vor dem Bildschirm hinausgeht. Wie wäre es mit einer echten Alternative? Ihr könnt bei uns im Office arbeiten – in toller Atmosphäre, mit tollen Kollegen und auf ­tollen ­Projekten.

Die Kernfrage dabei ist: Wie wird die Arbeit in der Agentur attraktiver als zuhause? Wenn Manager-­Legende Lee Iacocca recht hat, steht das Team vor Produkten und Profiten. Das heißt dann aber auch: Vor Consumer Centricity kommt Employee Centricity. Employee Centricity hat viele Facetten, vielleicht können wir uns dem in kleinen praktischen Schritten ­nähern. Ihr Zuhause haben sich die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nach eigenem Geschmack eingerichtet, in der Agentur eher selten. Warum gestalten Mit­arbeiter nicht mal ihr berufliches Zuhause selbst? ­Lasst das Team ran!

Investieren in Identifikation heißt wieder echte Events. Hüttenwochenenden, Partys, ­Lagerfeuer …. Purpose ist auch ein großes Thema. Aushelfen bei der Tafel, ausmisten im Tierheim, die Altstadt vom Müll befreien – all das schweißt zusammen und bildet die Basis für ein ­gemeinsames ­Arbeiten.


David Eicher gründete 2000 die Social-Media- und Digitalagentur Webguerillas. Nach seinem Ausstieg gründete er die Business-Beratung Müllers Garage.

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