Anzeige

New Mobility

Eurobike vs. IAA Mobility und gemeinsam für das Fahrradland Deutschland

IAA Fahrrad

Eine Halle voller Räder und Cargobikes soll auch künftig zum neuen Look der IAA gehören – Foto: VDA / Messe München

Die Eurobike und die IAA widmeten sich der Elektromobilität – aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven. Beide Messen sind sich einig, dass mehr gefördert werden muss. Die Frage lautet: Was?

Anzeige

Wenn Angela Merkel gleich zwei Messen innerhalb von einer Woche eröffnet, dann muss das Thema wichtig sein. Wichtig ist die Wende hin zur Elektromobilität zweifellos. Doch über die Richtung streiten sich zwei Branchen genauso wie die Parteien, die zur Wahl stehen. Kann das Fahrrad einen signifikanten Beitrag zur CO2-Reduktion leisten?

Yasmine M´Barek, Kommentatorin bei der „Zeit“ ist der Auffassung, dass das ein Irrglaube ist. Sie wirft den Grünen Klientelpolitik vor, die an den Bedürfnissen der kleinen Leute vorbei gehe. Herman van Beveren, verantwortlich für Urban Bikes bei der Decathlon-Tochter BTWin rechnet dagegen vor: „Wenn morgen alle ihre Kurzstrecken unter fünf Kilometer auf das Fahrrad verlagern, reduzieren wir die CO2-Emmissionen um 25 Prozent.“

Aktueller Stein des Anstoßes ist vor allem das Cargo-Bike, das elektrische Lastenrad. Die Grünen wollen eine Kaufprämie von 1.000 Euro pro Rad ausloben und dadurch über vier Jahre eine Million solcher Räder auf die Straße bringen. Die werden natürlich nicht nur von Privatpersonen gefahren sondern auch von Kleinbetrieben und Lieferdiensten. Die Letzte Meile soll elektrisch werden.

Cem Özdemir
„Sollten wir die Wahl gewinnen, werde ich mich sehr dafür einsetzen, dass wir von Bündnis 90/ Die Grünen uns um das Verkehrsministerium bemühen“, meint Cem Özdemir

Spannend ist, dass man eigentlich von zwei Mobilitätsmärkten gar nicht mehr sprechen kann. Längst gibt es ein Kontinuum der elektrischen Fahrzeuge. Die großen Cargo-Bikes und Kabinenroller kommen den kleinen Auto-Varianten wie einem Renault Twizzy sehr nahe. Und auch in Sachen Kosten stehen sie sich in nichts nach. Christoph Neye, Startup-Gründer aus Berlin, hat ausgerechnet, dass inklusive der Förderprämien ein kleines E-Auto genauso viel kostet wie ein großes Cargo-Bike. „Wenn wir von Finanzierung und Leasing sprechen, wird es noch krasser. Da bekommt man einen Renault Zoe für 39 Euro im Monat und für ein elektrisches Lastenrad bezahlt man mit Dienstradklausel etwa 180 Euro monatlich“, rechnet Neye vor.

Die Radbranche leidet auf hohem Niveau

Den großen Unterschied macht in erster Linie die Infrastruktur. Während die Niederlande oder Dänemark zwischen 25 Euro pro Jahr und Radfahrer für den Radwegebau ausgeben, sind es hierzulande gerade mal vier Euro. Belgien investierte 2020 sogar 60 Euro pro Kopf, berichtet der frühere Decathlon-Chef in Belgien, Herman van Beveren. Im Gegensatz dazu beansprucht das Verkehrsministerium zwölf Mrd. Euro für den Straßenbau. Pro Jahr.

Der Grünen Spitzenpolitiker Cem Özdemir ließ es sich nicht nehmen, die Eröffnung der Eurobike für seine Partei zu besetzen. Und im Rahmen der IAA Mobility prämierte Özdemir die radfreundlichste Schule. Der Radwegebau kranke daran, dass eine langfristige Finanzierung fehle, die über die Grenzen von Legislaturperioden hinaus reicht. Ein permanenter „Verkehrswende-Fonds“ schwebt dem ehemaligen Grünen-Chef vor, finanziert durch Reduktion der Dieselsubventionen und durch die LKW-Maut.

Cube BMW
BMW und Cube präsentierten auf der IAA ein neues Lastenradkonzept – Foto: Cube

Aber Özdemir lässt auch keinen Zweifel daran, dass der entscheidende Wegebereiter für eine Mobilitätswende ein breiter, gesellschaftlicher Konsens sein müsse. „Keiner will das Auto abschaffen“, sagte er in Friedrichshafen. Aber es soll eben nur dann eingesetzt werden, wenn es am sinnvollsten ist.

Dieser Konsens steht auch den beiden Wirtschaftspolen Radbranche und Automobilbranche gut zu Gesicht. Längst hat sich der klassische Auto-Zulieferer Bosch zur festen Größe in der E-Bike-Branche gemausert und feiert dort einen Erfolg nach dem anderen. Auch Schäffler war auf der Eurobike mit eigenen Rädern vertreten. Auf die Kooperation mit dem deutschen Mittelstand und vor allem mit den (ehemaligen) Automobilzulieferern, setzt die ganze Radbranche. Denn sie kann nicht liefern. 500 Tage beträgt die Vorbestellzeit für Radkomponenten aus Asien. Der Preis für den Schiffstransport vormontierter Räder hat sich in drei Jahren versiebenfacht.

Die Radbranche sehnt Fertigungskapazitäten für Radkomponenten in Europa herbei, mag aber nicht selbst ins Risiko gehen. Wer weiß, wie lange der Boom noch anhält. Auch dafür braucht es stabile politische Rahmenbedingungen. Einzig Portugal hat sich in den letzten Jahren zum europäischen Bike-Eldorado entwickelt und ist vom Nachfrageboom überwältigt.

Und die Automobilhersteller? Man hält sich bedeckt. Zwar planen die Hersteller alle umfassende Mobilitätskonzepte inklusive passender Abo-Modelle. Da gehört natürlich auch das E-Bike ins Konzept. Aber selbst fertigen will man (noch) nicht. Stattdessen setzt man auf risikolose Kooperationsmodelle. Porsche hat mit der Rad-Edelschmiede Storck soeben einen Kooperationsvertrag geschlossen für hochwertige Elektro-Räder. BMW arbeitet mit Cube zusammen an einem Lastenrad.

Ob des enormen Nachfrageüberhangs und der potentiell zu erwirtschaftenden Margen, erwarten einige Experten demnächst den Markteintritt ganz neuer Wettbewerber. Google oder Apple auf der Herstellerseite, Amazon im Handel. Nicht alle in der Branche sehen disruptiven Kräften ängstlich entgegen. „Wenn Elon Musk in die Radbranche kommt und einer Mrd. Menschen aufs Fahrrad hilft, ist er willkommen“, meint Hermann van Beveren.

Anzeige