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Bundestagswahl

Viel Weißraum um Nichts – Der Streit um Annalena Baerbock und das „Bild“-Interview

Annelena Baerbock hat ein Interview mit der "Bild am Sonntag" abgelehnt

Annelena Baerbock hat ein Interview mit der "Bild am Sonntag" abgelehnt. Die Zeitung druckte daraufhin eine fast leere Seite. – Foto: Imago

„Das ist ihre Seite, Frau Baerbock“ war in der „Bild am Sonntag“ zu lesen. Dann kam nichts. Die Kanzlerkandidatin der Grünen hatte ein Interview abgelehnt. „BamS“ druckte eine leere Seite. Warum das nicht zum Aufreger reicht, kommentiert Tobias Singer.

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Vielleicht erinnern Sie sich noch, 2019, im Oktober. Da hatte der „Journalist“ ein Interview mit komplett ausgeschwärzten Antworten abgedruckt. Der Grund: Gabor Steingart war mit seinen eigenen Aussagen auf einmal nicht mehr ganz so zufrieden. Das Interview, das er dem Branchenmagazin damals kurz nach Start von Media Pioneer gab, hatte sich in der autorisierten Fassung wohl stark verändert. Beim „Journalist“ wollte man das so nicht abdrucken, stattdessen gab es nur die Fragen und schwarze Balken zu lesen.

Oder 2006, da erschien in der „Zeit“ der Text „Die Angst des Torwarts“. Ein Beitrag von Henning Susebach über das Interview mit Oliver Kahn, das der Torhüter mit einem kurzen Anruf persönlich zurückzog. Oder 2003 bei der „Taz“: Der heutige Kanzlerkandidat und damalige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz gab der „Tageszeitung“ ein Interview, seine Pressestelle wollte im Nachgang eine Entschärfung der Fragen. Die Autorisierung blieb aus. Die „Taz“ druckte nur die Fragen

Es gibt kein Recht auf ein („Bild“)-Interview

„Journalist“, „Zeit“, „Taz“ und andere: Es gibt viele Beispiele, die zeigen, wie Medien die Macht umkehren können, wenn die Mächtigen ihre Autorisierungsmuskeln spielen lassen. Was das alles mit der „Bild“ zu tun hat? Nichts. Wirklich überhaupt gar nichts. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag.

Auf Seite 8 der aktuellen „Bild am Sonntag“ ist groß zu lesen: „Das ist Ihre Seite, Frau Baerbock.“ Was dann folgt, ist eine kurze Erklärung und die große Leere. Bei „Bild“ wünscht man sich, dass es eine große Lehre sei, für die Grünen und die Kanzlerkandidatin. Schließlich haben die anderen Kandidaten aus CDU/CSU und SPD ebenso zu gesagt.

Die Seite 8 in der aktuellen „Bild am Sonntag“ – Annalena Baerbock hatte ein Interview mit der Zeitung abgelehnt.

Nur: Annalena Baerbock hat kein Interview zurückgezogen, hat keine Autorisierungswut ausgelebt. Sie hat, wie in der „BamS“ zu lesen ist, „ein Interview abgelehnt“. Aus Termingründen, wie es heißt. Ob es sich dabei jetzt um eine Baerbock-Version des Drosten’schen „Ich habe Besseres zu tun“ handelt oder es einfach der Tatsache geschuldet ist, dass sie keine Zeit hatte – das spielt am Ende keine Rolle.

Denn: Es gibt kein Recht auf ein Interview, auch nicht für „Bild“. Andere mussten da auch durch. Wenn Rezo und Tilo Jung eine Absage von Armin Laschet einfahren, dann ist das vielleicht eine vertane Chance für ein junges Publikum, aber: Es gibt kein Recht auf ein Interview. Wenn Baerbock auch für Markus Lanz keine Zeit findet, dann ist das journalistisch zu bedauern, aber auch in diesem Fall gilt: Es gibt kein Recht auf ein Interview.

Annalena Baerbock und die „Bild“

Und es ist ja nicht so, dass Annelana Baerbock gegenüber „Bild“ eine Politik der Nichtbeachtung ausleben würde. Ende Mai stellte sich die Spitzenkandidatin der Grünen im Bild Live Format „Die richtigen Fragen“ „Bild“-Vize Paul Ronzheimer. Und wissen Sie, wo folgende Worte fielen:  „Ja, ich traue auch mir das Kanzleramt zu.“ Genau, in der „Bild am Sonntag“

Weißraum hat ja grafisch gesehen durchaus seinen Reiz, aber soll jetzt jedes Interview, das nicht gegeben wurde, eine leere Seite werden? Die Seite 8 in der „BamS“, sie ist kein Ausdruck im Kampf für die Pressefreiheit, sie ist ein Ausdruck gekränkter Eitelkeiten. Das zeigt sich gut in der „Fußnote“. Ganz unten auf der entsprechenden Seite ist zu lesen: „Annalena Baerbock ist die erste grüne Spitzenkandidatin, die vor einer Bundestagswahl keine Zeit für ein Interview mit ‚Bild am Sonntag‘ hat.“ Frechheit. Was also bleibt? Viel Weißraum um nichts.  

P.S. Ob Annalena Baerbock nun wirklich keine Zeit hatte, das bekommt vielleicht Micky Beisenherz heraus. Die Kanzlerkandidatin ist zu Gast in seinem Podcast „Apokalypse und Filterkaffee“. Es soll dabei auch um das nie geführte „Bild“-Interview gehen. 

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