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Jette Keppler

Paranoia the Destroyer oder Wände mit Ohren

Jette Keppler – Foto: Jette Keppler / MEEDIA

Wie ich mich eines Tages in einem schmalen Zimmer im Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses aus den Siebzigern wiederfand und dafür bezahlt wurde, etwas höchst Unmoralisches zu tun.

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Jeder lebt doch irgendwie in seiner eigenen Realität. Das wurde mir in einem Job besonders bewusst, den ich einmal aus Verlegenheit angenommen hatte. (Verlegen war ich um ausreichend Geld, insofern kam die Gelegenheit, die sich mehrfach telefonisch gemeldet hatte, gerade günstig.)

So saß ich also in diesem schmalen Raum an einem etwas zu hohen Tisch. Außer mir und dem Tisch befand sich nur ein Stuhl, ein Laptop und ein Fernglas in dem Zimmer. Überhaupt gab es im gesamten Büro lediglich meine ebenfalls völlig über- oder fehlqualifizierte Kollegin (Hey Christiane, long time no see!), einen monströsen Chef-Schreibtisch mit Lederstuhl, zwei hüfthohe Porzellantiger daneben und (zum Glück!) eine Kaffeemaschine.

Der Chef saß nie an seinem einschüchternden Schreibtisch, denn er war nie da. Als Detektiv observierte er immerzu irgendwelche Ehemänner, die in Frauenklamotten im Rotlichtbezirk abhingen, Arbeitnehmer, die mit Krankmeldung illegalerweise Wohnungen renovierten oder andere Menschen mit betrügerischen Absichten. Doch warum war ich eigentlich da?

Ich sollte Geschichten über dieses verwerfliche Treiben schreiben: Berichte, Städtebeschreibungen, Fallbeispiele. Fiktive Storys auf der Basis des Deprimierenden, das sich tatsächlich zutrug. Texterinnen und Texter kennen das. Wie oft verfasste ich Reiseberichte über Länder, die ich mein Lebtag lang noch nie live gesehen hatte! Meine größte Herausforderung hier war jedoch eine andere: die maximale Keyword-Dichte der Texte. Und die Paranoia unseres Chefs! Wer in die Niederungen der menschlichen Psyche hinabsteigt, kommt mit schwerem Gepäck wieder nach oben.

Folglich waren die Inhalte unserer Kaffeegespräche, der Wortlaut meiner privaten E-Mails und was ich recherchierte, wenn die Langeweile mich übermannte, ihm stets bekannt. Wahrscheinlich auch der Zeitpunkt meiner überstürzten Kündigung, als mein yogisches Gewissen mir einen sofortigen Jobwechsel nahelegte.

Jette Keppler arbeitet selbständig als Creative Consultant unter dem Label JettesText.

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