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Neuer Nachrichtensender

Bild TV – mediale Verwertungskette auf Steroiden

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet bei der "großen Kanzler-Nacht" bei Bild TV – Screenshot: Bild TV

Die Premiere von Bild TV hat technisch hier und da geruckelt. Inhaltlich dominierte am Abend „Die große Kanzler-Nacht“ mit Marathon-Interviews der Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD). Ob die trimediale Verwertungskette TV-Digital-Print langfristig funktioniert ist Springers Wette auf die Zukunft.

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Wer an diesem Montag ganz anachronistisch die gedruckte „Bild“ kauft oder online „Bild.de“ aufruft, der wird großflächig mit Zusammenfassungen und Schlagzeilen aus der „großen Kanzler-Nacht“ konfrontiert, der Primetime-Premieren-Sendung des neuen Senders Bild TV.

Armin Laschets „nie wieder Lockdown“-Versprechen und Olaf Scholz‘ Umfrage-Optimismus sind Schlagzeilen, die gestern live während der Sendung „generiert“ wurden und es tags darauf oder schon in der Nacht auf Website und in die Zeitung schafften. So in etwa stellen sie sich das auch langfristig vor bei Springer. Interviews im TV erzeugen Schlagzeilen, die laufen dann digital und in Print. Die „Bild“ als eine Art sich selbst reproduzierende Schlagzeilen-Maschine, eine mediale Verwertungskette auf Steroiden.

Allerdings fällt es als Zuschauer schwer, den atemlos auf Effekt getrimmten „Bild“-Interviews im TV länger als ein paar Minuten zu folgen. Vize-Chef Paul Ronzheimer löcherte Laschet im Fragen-Stakkato, immer auf der Suche nach verwertbarem Zeilenmaterial. Ein möglicher Erkenntnisgewinn blieb da leider auf der Strecke. Bild TV bedeutet vor allem Reizüberflutung. Das war schon bei den Live-Sendungen im Web so. Die Quoten des Premierentages waren zwar erstaunlich gut (ein Prozent Marktanteil am Morgen bei „Die Lage der Liga“, was ca. 50.000 Zuschauern entspricht; ebenfalls ein Prozent beim Laschet-Interview, was zu der Zeit etwa 110.000 Zuschauern entspricht) – allerdings hatte die „Bild“ mit den beiden Spitzenpolitikern auch sehr attraktives Personal im Angebot und es dürfte einen großen Neugier-Effekt gegeben haben. Trotzdem: Ein Prozent Marktanteil zum Auftakt sind ein sehr guter Wert. Zumal es zumindest Zuschauern mit Satelliten-Ampfang nicht ganz leicht gemacht wird, den Sender nach Suchlauf zu finden (bei mir landete Bild TV auf Programmplatz 826, gleich inter Nicer Dicer TV).

Neben der Reizüberflutung stellt sich die Frage der Werbe-Vermarktung. Haribo und Lidl waren Top-Werbekunden zum Auftakt. Marken tun sich in einem unkalkulierbaren Live-Umfeld, das zudem von einer gewissen Aggressivität geprägt ist, aber eher schwer. Brand Safety ist bei „Bild Live“ kaum zu realisieren. „Bad news are good news für news channels! – das sehen viele Kunden anders“, sagt etwa Jürgen Kievit. Er ist Managing Partner Activation TV bei OMD, einer der führenden Mediaagenturen Deutschlands und einer von mehreren Experten, die MEEDIA zu den Vermarktungschancen des neuen Senders befragt hat (+).

Und schließlich könnte sich beim Publikum auch irgendwann ein Überdruss an Selbstvermarktung einstellen, wenn die Homepage der „Bild“ zu dominant von selbst gemachten News aus dem hauseigenen TV-Programm dominiert wird.

Auf dem Papier liest sich der Dreiklang aus TV, Digital und Print gut. In der Realität ist kaum vermeidbar, dass es dabei auch zu Misstönen kommt.

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