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Wochenrückblick

Ist Paul Ronzheimer die deutsche Entsprechung zu Clarissa Ward?

In der ersten Woche sucht die neue Nachrichtensendung „RTL Direkt“ noch ihr Format. Das journalistische Gesicht der Afghanistan-Krise ist wohl ohne Zweifel die mutige CNN-Reporterin Clarissa Ward. Wer fiele einem da als deutsches Pendant ein? Und die „Geo“-Redaktion springt auf den Gender-Zug auf. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Als ich am Dienstag meine Kritik zur ersten Ausgabe von „RTL Direkt“ veröffentlicht habe und danach die anderen TV-Kritiken zur Sendung sah, bin ich ein bisschen erschrocken. Ich hatte die Auftakt-Sendung des neuen Nachrichtenformats von RTL vergleichsweise positiv beschrieben – so war auch mein Eindruck während des Sehens gewesen. Alle anderen Kritiken, die ich las, waren dagegen sehr negativ bis vernichtend. Klar, der Wochenbeginn war nachrichtenmäßig dominiert von der Eskalation in Afghanistan. Nun war es aber so, dass sie sich bei RTL Annalena Baerbock als Premieren-Gast ausgesucht hatten. Die kann man ja dann auch nicht einfach wieder ausladen. Das Thema Afghanistan kam zwar in der Premierensendung vor, aber sehr kurz. Immerhin ist „RTL Direkt“ auch nur 20 Minuten lang. Diese Kürze, gepaart mit einem Studiogast vor Ort, dem man entsprechend Zeit widmet, schafft konzeptionelle Probleme. Dass man sich dachte, die Zuschauer „mit einem Lächeln“, also eher unlustigen Kabarett-Nümmerchen, in den Abend zu entlassen, wird hoffentlich bald wieder kassiert. Also: So positiv wie am Anfang der Woche würde ich jetzt über „RTL Direkt“ wohl nicht mehr schreiben. So ein ganz schrecklicher Totalausfall, wie mancherorts zu lesen war, waren die ersten Sendungen jetzt aber auch nicht.

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Es zeigt sich auch, das TV-News ein schwieriges und aufwändiges Geschäft sind. Nicht zuletzt darum sind sie bei uns die Domäne von ARD und ZDF. Doch auch dort gibt es hier und da Verbesserungsbedarf. So empfinde ich es als Zuschauer ziemlich lächerlich, wenn in den Nachrichten zu einer Korrespondentin nach Neu-Delhi geschaltet wird, die dann recht oberflächlich etwas zur Lage in Kabul sagt. Schon klar: Das Büro Neu-Delhi der ARD hat vermutlich auch die Zuständigkeit für den Nahen Osten.

Und man kann von der Frau jetzt auch nicht verlangen, sofort ins sackgefährliche Afghanistan zu fliegen, zumal das vermutlich gar nicht gegangen wäre. Aber wenn man schon niemanden vor Ort hat, braucht man für 08/15-Einschätzungen auch nicht groß nach Neu-Delhi schalten. Das ist dann wirklich Behörden-TV.

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Ganz anders die CNN-Reporterin Clarissa Ward, die so etwas wie das journalistische Gesicht dieser Krise ist. Die Frau befand sich offenkundig bereits vor Ort und machte auch keine Anstalten auszureisen, als es richtig brenzlig wurde. Stattdessen warf sie sich einen Schleier über und berichtete weiter – auch im Angesicht von schwer bewaffneten Taliban.

Es ist nicht jedem gegeben, so etwas zu machen. Muss es auch nicht. Aber man darf den Mut von Clarissa Ward durchaus bewundern. Welchen deutschen Journalisten oder welche deutsche Journalistin könnte man sich in einer solchen Rolle vorstellen. Mir fällt da ehrlich gesagt nur Paul Ronzheimer von der „Bild“ ein (zumindest als er noch mehr unterwegs war).

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Die Sache mit dem Gendern treibt die Medien immer noch und immer wieder um. Jetzt hat auch „Geo“ eine Titelgeschichte zum Thema gemacht und die Redaktion erklärt wortreich, warum und wie sie künftig auf „gendersensible Sprache“ achtet. Man will dort – wenn möglich – auf das umstrittene Sternchen verzichten. Man habe einen „Baukasten“ erarbeitet, der es der Redaktion leichter mache, „sanft zu gendern.“ Ganz ähnlich geht die DPA vor. Dort verzichtet man allerdings (noch) komplett auf das Sternchen, will das generische Maskulinum aber „schrittweise zurückdrängen“. Deutlich forscher geht es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Sache. Die „Bild“ regte sich diese Woche auf, weil die „Heute“-Nachrichten des ZDF auf Instagram von „Islamist*innen“ schrieben. Das klingt natürlich einerseits lächerlich: Islamist*innen. Aber auf der anderen Seite kritisieren Gegner des Genderns immer wieder, dass nur in positiven Kontexten gegendert werde und nicht bei negativen Begriffen, wie Terroristen, Mördern oder Vergewaltigern. Insofern sind die Islamist*innen des ZDF ja vielleicht sogar konsequent. Mir persönlich fällt jenseits der Medienblase auf, dass das Thema mit sehr starken Emotionen behaftet ist. Leute, die nicht in der Medienbranche arbeiten, reagieren auf das Thema Gendersprache noch häufig mit starker Ablehnung. Das deckt sich mit Umfragen, laut denen eine Mehrheit die geschlechtersensible Sprache ablehnt. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Mehrheit immer recht hat. Wir leben wohl gerade in einer Findungsphase, in der noch nicht klar ist, ob und in welche Richtung sich die Sprache verändert. Wie wird das Thema eigentlich im englischen Sprachraum diskutiert? Die englische Sprache ist ja per se um einiges geschlechtsneutraler als die deutsche. Über Hinweise zu Beiträgen hierzu, würde ich mich freuen: stefan.winterbauer@meedia.de.

Ansonsten: Schönes Wochenende!

PS: Die Themen „RTL Direkt“ und Gendersprache diskutiere ich auch in der neuen Folge unseres Podcasts „Die Medien-Woche“ mit Kollege Christian Meier von der „Welt“. Außerdem geht es um Wahlplakate im Allgemeinen und Anti-CDU- und Anti-Grünen-Wahlkampagnen im Besonderen. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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