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Was Führungskräfte von Simone Biles lernen können

Virginie Briand – Illustration: Bertil Brahm

„Die mentale Gesundheit steht an erster Stelle.“: Mit diesem starken Satz hatte sich der amerikanische Superstar Simone Biles eine Auszeit von den Olympischen Sommerspielen in Tokio genommen. Nach ihrer Rückkehr gewann sie Bronze am Schwebebalken. Warum Schwäche erkennen eine Stärke ist.

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„Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich manchmal das Gewicht der Welt auf meinen Schultern trage.“ Das sagte Simone Biles im Nachgang ihrer Entscheidung, bei den Olympischen Spielen von Tokio zu pausieren. Ich bin zwar (leider) keine Olympionikin, aber das Gefühl kenne ich nur allzu gut. Als Unternehmerin, als Führungskraft, als Mutter. Und ich kann mir vorstellen, dass viele der MEEDIA-Leser*Innen diesen emotionalen Zustand ebenfalls schon erlebt haben. Auch oder vielmehr vor allem in den letzten 15 Monaten.

Viele von uns stehen beruflich und privat unter enormen Druck. Und dieser Druck scheint sich während der Pandemie noch zu verstärken. Ich persönlich spüre das bei meinen Kunden, erfahre es im Freundeskreis und sehe es im eigenen Team.

Eine in der Zeitschrift „Fast Company“ zitierte, aktuelle Studie hat den Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und seinen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Produktivität von Mitarbeitern untersucht: 49 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre psychische Gesundheit im vergangenen Jahr großen Einfluss auf ihre Produktivität hatte. Die Studie ergab zudem, dass die psychische Gesundheit von Mitarbeitern um 22 Prozent, die von Führungskräften um 12 Prozent abnahm.

Historisch ist die Idee von Führung eher mit Stärke, vielleicht sogar mit Härte (zumindest gegenüber den eigenen Bedürfnissen) verbunden. Die amerikanische Professorin Brené Brown hat mit ihrem Konzept von Verletzlichkeit und Führung schon vor einigen Jahren einen neuen Ansatz in die Diskussion um Leadership eingebracht, der angesichts der aktuellen Herausforderung eine echte Renaissance erleben dürfte. Brown definiert Verletzlichkeit als „die Bereitschaft zu Unsicherheit, Risiko und emotionaler Exposition“. Sie geht davon aus, dass viele von uns nie gelernt haben, mit der eigenen Unsicherheit offen umzugehen. Grundsätzlich fürchten wir uns vor der Reaktion anderer, wenn wir einen Einblick in unserer Innerstes geben. „Es erfordert Mut, seine Schattenseiten zu zeigen. Aber nur wer sich verletzlich zeigt, erfährt Verbundenheit“, so Brené Brown.

Andersherum heißt das auch: Wahre Stärke gibt es nicht ohne Verletzlichkeit. Und die ist aktuell gefragt. Nur die Chefin und der Chef, die ein Exempel statuieren, in dem sie über ihre eigenen Ängste, ihre Unsicherheit und Überforderung sprechen, schaffen ein Klima, in dem auch ihre Kollegen und Mitarbeiter dies tun. Und genau diese Kultur schafft auf dem Fundament couragierter Führung innovative und kreative Unternehmen, die gut durch diese anspruchsvollen, intensiven Zeit kommen.

Genau deswegen können wir von Simone Biles lernen. Ihre Offenheit ist inspirierend. Wenn eine der erfolgreichsten Sportlerinnen sich so verletzlich zeigt, ermutigt sie andere, das Gleiche zu tun. Es sind genau solche Vorbilder, die die Macht haben, das vermeintliche Stigma von Erschöpfung und Schwäche aufzulösen. 

„Unsere Gesellschaft ist schon sehr gereift, was den Umgang mit mentalen Problemen betrifft.“

Die positive Resonanz und das mediale Echo zeigen – unsere Gesellschaft ist schon sehr gereift, was den Umgang mit mentalen Problemen betrifft. Umso wichtiger ist, dass Führungskräfte sehr genau in ihre Teams hineinhören und -fühlen, was in Zeiten von „remote working“ ungleich schwieriger ist. 

Auch für mich persönlich ist dies eine größere Herausforderung. Ich bin in der Automobilindustrie groß geworden. Die Kultur meines damaligen Arbeitgebers wurde als „Haifischbecken“ bezeichnet – mit der starken Leistungsorientierung kokettierte man eher, als dass man sie in Frage stellte. Und als selbstständige Unternehmerin eines Dienstleistungsunternehmens habe ich immer das Gefühl, 100 Prozent da sein zu müssen und gerade meinen Kunden gegenüber keine Schwäche zu zeigen. Sonst kommt eben der nächste Berater und macht den Job. Auch die Leistungsträger in meinem Team tragen diesen Druck mit. 

Umso mehr hat mich die Entscheidung von Simone Biles beeindruckt und berührt. Vier Jahre hat „The Greatest of all Times“ auf die Olympischen Spiele hingearbeitet. Um dann ganz einfach in aller Öffentlichkeit zuzugeben, dass sie dem Druck dieses Mal nicht stand halten kann, dass es ihr nicht gut geht. Führungspersönlichkeiten können hier viel lernen: die Entwicklung eines Selbstbewusstseins, das die eigene mentale Gesundheit und den Gesamterfolg des Teams in den Vordergrund stellt. 

Dies war wahrscheinlich einer der schwierigsten Momente in ihrer Karriere, aber Simone Biles hat gezeigt, was für eine starke Kämpferin sie ist. Und was für ein Vorbild.

Und genau diese Klarheit können wir von ihr lernen, denn: Letztlich sind auch wir nur Menschen.


Virginie Briand ist Co-Gründerin und Managing Partner der Agentur 19:13. Hier schreibt sie darüber, wie Marken sich erfolgreich wandeln können.

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