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Bundestagswahlkampf 2021

Wie die Wut der CDU den umstrittenen SPD-Wahlkampfspot groß gemacht hat

Wie die CDU-Kritik den SPD-Spot groß gemacht hat. Auf dem Bild: Nathanael Liminski und Armin Laschet

Hat die CDU-Kritik den umstrittenen SPD-Spot erst groß gemacht? Auf dem Bild: Nathanael Liminski, Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei und Armin Laschet, NRW-Landeschef und Unions-Kanzlerkandidat – Foto: Imgo

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat versichert, dass der Anti-CDU-Spot nicht mehr zum Einsatz kommt. Faktisch ist er das auch nie. Für die Verbreitung hat die Empörung der Unions-Politiker gesorgt. Der SPD ist mit der Kampagne ein echter Coup gelungen.

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Nathanael Liminski, schon mal gehört? Wenn Sie nicht gerade Politinsider sind oder aus NRW stammen, dürfte Ihnen der Name nicht unbedingt geläufig sein. Zumindest galt das noch bis vor ein paar Tagen. Ganz anders sieht es aus, wenn man die Frage heute stellt. „Riesenärger um Lästerspot“, „Affront gegen Katholiken“, „Kein Sex im Wahlkampf“, „SPD in der Kritik“ – das sind nur einige der Artikel der letzten Stunden, in denen der 35-jährige Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei thematisiert wird. Zwischenzeitlich trendete der Laschet-Vertraute auch mit Hashtag #Liminski auf Twitter. 

Warum reden auf einmal alle über Liminski? Weil die CDU der SPD diesen Gefallen getan hat, anders kann man es nicht ausdrücken. Das Stöckchen hat Lars Klingbeil am 4. August der Medienlandschaft hingehalten. Und es wurde prompt gesprungen. An dem Tag stellte der Generalsekretär der Sozialdemokraten die neue SPD-Kampagne vor, unter anderem auch einen Anti-CDU Spot. „Wer Armin Laschet und die CDU wählt, wählt…“ ist dort zu hören. Illustriert wird das mit einer Matrjoschka-Puppe, die bei jedem Kritikpunkt ein neues Gesicht aus der Union zeigt. An einer Stelle taucht das Gesicht von Nathanael Liminski auf. Dann ist der Satz zu hören: „… erzkatholische Laschet-Vertraute, für die Sex vor der Ehe ein Tabu ist“. Dazu gibt es keine weitere Information, keinen Namen, nichts. Am selben Tag gab es ein erstes Echo (auch MEEDIA berichtete).

Übers Wochenende mehrten sich die Stimmen. Die Union übte sich im PR-Stabhochsprung. Armin Laschet wunderte sich über die Methoden der SPD, der NRW-Landesgruppenchef sprach von Angriffen im Wahlkampf, die es so in der Nachkriegszeit noch nicht gegeben habe, Paul Ziemiak ging aufs Maximale und forderte, dass der Spot zurückgezogen werden sollte. Und mit jeder Stellungnahme, mit jedem Medienbericht stieg das Interesse an der eher unbekannten und vor allem unbenannten Person aus dem SPD-Spot.

Die Union fügt sich den Schaden selbst zu

Bemerkenswert dabei: Wissen Sie, wo man den Anti-Unions-Spot nicht findet? Bei der SPD. In der digitalen Pressemappe zur Wahlkampfkampagne nicht – dort gibt es nur den umgekehrten Matrjoschka-Spot, der zeigt, warum man die SPD wählen solle.

Fehlanzeige auch auf den sozialen Kanälen: Weder auf Facebook, noch auf YouTube und Twitter ist er zu finden. Jedenfalls nicht auf den offiziellen Kanälen. Das viel diskutierte Video, der Aufreger – die SPD selbst teilt ihn nicht, verbreitet ihn nicht. Auch Raphael Brinkert von der Agentur Brinkert Lück, die für die Kreation verantwortlich ist, teilt das Video nicht, weder privat, noch über den Account der Firma. Ob man den Dreh des Clips nun mag oder nicht, man muss sagen, die SPD hat einen echten Coup gelandet. Sie hat es geschafft, die CDU aus der Reserve zu locken, mit einem Spot, den die Partei selbst gar nicht aktiv verbreitet, die CDU aber am liebsten wieder aus dem Verkehr ziehen würde. Die Aufregung der Union sorgt für das Gegenteil: Er ist im Zentrum der Aufmerksamkeit. An dem Punkt kann Olaf Scholz auch ganz entspannt verkünden, dass das Video nicht zum Einsatz kommt. Und er hat Recht, das ist es ja auch nie.  

Der Streisand-Effekt lässt grüßen

Regelmäßige Social-Media-Nutzer wissen übrigens, dass das Baby einen Namen hat. Klar, es handelt sich um den Streisand-Effekt. Für alle anderen: Anfang der 2000er verklagte die Schauspielerin Barbara Streisand einen Fotografen auf Schadensersatz. Der Vorwurf: Unter über 12.000 Luftaufnahmen von der kalifornischen Westküste habe er auch ihr Haus fotografiert. Das Problem: Vor der Klage war die Information nicht gesichert, nach der Klage wusste jeder, wem das besagte Anwesen gehört. Klingt so, als hätte man bei der CDU den Basis-Kurs Public Relations nicht belegt. 

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