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Constanze Sauer

Rollenverständnis wie in den 1950er-Jahren

Constanze Sauer – Foto: Constanze Sauer / MEEDIA

Ein Vorstellungsgespräch wird für die Bewerberin zur Groteske: Sätze wie „Verdient dein Mann nicht genug?“ fallen. Eigentlich hätte sie das Gespräch vorzeitig verlassen sollen.

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Als meine zweite Tochter drei Monate alt war, wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Eine Designagentur wollte eine Vollzeitstelle fürs Projektmanagement besetzen. Die beiden Geschäftsführer kannte ich von vorangegangenen Projekten. Natürlich hatte ich die Kleine dabei, sie lag im Kinderwagen und schlief, als ich an diesem Morgen in die Agentur kam.

Zu meinem Erstaunen meinte einer der beiden, wir sollten einander vorstellen, schließlich kenne er mich gar nicht – worauf ihn sein Kollege sichtlich irritiert an gemeinsame Projekte erinnerte. Noch mehr erstaunte mich seine Aussage, die vakante Stelle sei bereits vergeben. Bevor ich fragen konnte, warum ich eingeladen worden sei, bekam ich die Antwort: Man könne ja einfach mal reden.

Alle weiteren Fragen stellte dann der Typ, der meinte, mich nicht zu kennen: Wie ich denn arbeiten wolle? Ach Vollzeit! – Warum bekommt man denn dann überhaupt Kinder – Oder verdient dein Mann nicht genug? Daraufhin erwiderte (warum ich das überhaupt beantwortet habe, ist mir im Nachhinein schleierhaft) ich: „Mein Beruf ist für mich Berufung, ich habe bereits mit einem Kind immer Vollzeit gearbeitet, sowohl frei als auch fest. Home Office war immer ein Bestandteil und sonst haben wir Zuhause auch eine faire Arbeitsteilung, darüber hinaus haben wir für Engpässe einen Babysitter.“

Die Antwort seinerseits fiel eher wie ein: „So – so…“ aus. Dann wandte er den Kopf Richtung Kinderwagen und fragte mit einem Nicken: „Und das, was ist das da?“ Auch diese Unverschämtheit habe ich noch freundlich beantwortet. Schließlich kamen wir zu einem möglichen Jahresgehalt. Dieses habe ich branchenüblich angesetzt und bekam dazu prompt eine zynische Antwort: „Das willst du dann also am Tag verdienen?!“

Ich hätte das Gespräch lange vorher verlassen sollen. Das weiß ich jetzt. Und auch, dass wir in der Branche wohl teilweise noch in den 1950er-Jahren sind und nicht in der heutigen Zeit.

Constanze Sauer ist freie Art-Producerin und Projektmanagerin.

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