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Forderungen nach "Disziplinierung der Presse"

Die gefährliche Geisteshaltung in der Startup-Szene

Die Deutsche Börse in Frankfurt – Foto: Imago

Ein Positionspapier des Beirats Junge Digitale Wirtschaft sorgte für Aufsehen. Das Gremium, das die Regierung berät, forderte darin eine staatliche Kontrolle von Berichterstattung über Börsengänge. Das mittlerweile zurückgezogene Papier offenbart eine gefährliche Geisteshaltung in der Startup-Szene.

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„Disziplinierung der Presse“, „Erlass von Regeln zur Vermeidung einseitig diffamierender Artikel“,  „Gewährleistung einer ausgewogenen Berichterstattung“. Die Begriffe und Formulierungen, die in dem Positionspapier des Beirats Junge Digitale Wirtschaft auftauchten, sind gruselig und erinnern an autokratische Systeme (MEEDIA berichtete). Mindestens. Das Beratungsgremium, das Gründer und Startups vertritt und die Regierung berät, wollte mit dem „Positionspapier“ auf ein „Problem“ aufmerksam machen, das die Szene – oder Teile der Szene – offensichtlich bedrückt: kritische Medien.

Startups, Plattformen und Firmen sind weder „Freunde“, noch „Partner“ von Medien. Sie sind Objekte der Berichterstattung, meint MEEDIA-Redakteur Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Man wollte den Medien per Regierungs-Erlass vorschreiben, wie und über welche Börsengänge berichtet werden darf. Der Gedanke dahinter ist, dass „die Medien“ mit ihrer notorischen Miesepetrigkeit irgendwie schuld seien an dem schlechten Umfeld für IPOs und der fehlenden Startup-Kultur hierzulande. Man weiß gar nicht, wo man da anfangen soll. Der DJV hat dieses Ansinnen absolut berechtigt  als absurd zurückgewiesen. Und gottlob kam schnell und deutlich eine Reaktion aus dem Wirtschaftsministerium. Minister Peter Altmaier (CDU) hat verfügt, das das unerträgliche Paper von der Website des Beirats entfernt wird. „Pressefreiheit ist ein herausragendes Grundrecht, dessen Schutz wir verpflichtet sind“, twitterte Altmaier. Eine Selbstverständlichkeit in einer Demokratie. Dass man die Damen und Herren Gründer daran erinnern muss, ist ein Armutszeugnis.

Denn das ist das eigentlich Verstörende an diesem Vorgang: die Geisteshaltung, die dahinter steckt. Die Chuzpe, mit der eine gewisse Gruppe meint, dass Grundprinzipien unserer Gesellschaft für sie nicht gelten sollen.

Diese Geisteshaltung lässt sich freilich nicht nur nur bei einigen Startups und ihren Vertretern feststellen. Wenn auch weniger krass. Auch große Plattformen tendieren gerne dazu, die volle Kontrolle über Berichterstattung haben zu wollen. Da kommt es schon mal vor, das Vertreter einer Plattform verlangen, dass eine Überschrift nach ihrem Gusto verändert wird. Ansonsten könne man Interviews künftig womöglich nicht mehr „in dieser Form“ ermöglichen. Das ist eine insgesamt ungute Entwicklung. Und es ist vielleicht auch ein Ergebnis davon, dass Medien Plattformen, Firmen, Startups oder wen auch immer teils als „Partner“ begreifen und ansprechen.

Man soll und muss diese Akteure fair nach den Grundsätzen guten journalistischen Handwerks behandeln, keine Frage. Aber Facebook, Google, Spotify etc. und Startups sind keine „Freunde“ oder „Partner“ der Medien. Sie sind zu allererst Objekte der Berichterstattung.

Update: Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer hat sich mittlerweile auf LinkedIn geäußert und von dem Positionspapier distanziert. Es sei mit ihr nicht abgestimmt gewesen. Das Papier vertrete „Einzelpositionen und Formulierungen, die in keinster Weise meine eigenen bzw. die Positionen des Beirats ‚Junge Digitale Wirtschaft‘ reflektieren oder die der Startup Szene.“. Hier seien „Einzelne in einer Form über das Ziel hinausgeschossen, die inakzeptabel ist“, so Cramer. 

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