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Gastbeitrag

Warum das digital Mindset der Schlüssel zur Gleichberechtigung ist

Marc Schlegel – Foto: Zum goldenen Hirschen

Femvertising vs. Femwashing, Women Empowering vs. Emanzipation: Marc Schlegel, Director Marketing bei Zum goldenen Hirschen Hamburg , treibt die Frage um, wie man das alles im Blick behalten und im eigenen Tun Rechnung tragen kann. In seinem Gastbeitrag nähert er sich einer Lösung an.

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Von Marc Schlegel

Wir befinden uns in einer Zeit, in der uns gefühlt jeden Tag etwas Neues umtreibt. Seien es neue Möglichkeiten der Kommunikation, Politik, die in 280 Zeichen agiert, oder eben Produkte, die niemand braucht, aber alle wollen. Und da sind Frauen, die ihre Gleichberechtigung einfordern und für ihre Leistungen wahrgenommen werden wollen.

Die Frage, die mich im Hinblick auf dieses Thema umtreibt, ist Folgende: Wie kann man alles im Blick behalten und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen im eigenen Tun Rechnung tragen? Ich begegnete solcher Art von Themen vielfach nach den Vorgaben von Mark Manson, der in seinem Buch „The Subtile Art of Not Giving a F*ck“ ebendies beschreibt.

Das Gegenteil in meinem kleinen Kosmos bewirkt Caroline Criado-Perez mit ihrer schonungslosen, aber fakten- und evidenzbasierten Abrechnung der männlich dominierten Welt in „Unsichtbare Frauen”. Die Autorin beschreibt sehr trefflich, wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert und dabei erhebliche Datenlücken unbeachtet in Kauf nimmt. Als einen Beleg für die Gender Data Gap beleuchtet Caroline Criado-Perez unter anderem das Schneeräumen öffentlicher Straßen. So etwa basiert die Entscheidung, dass Autostraßen noch vor Gehwegen geräumt werden, auf der Tatsache, dass der Mann als die gesellschaftliche Norm betrachtet wird. Aus einer Untersuchung zur Reevaluierung bestehender Routinen und Maßnahmen der schwedischen Stadt Karlskoga aus dem Jahr 2011 geht deutlich hervor, dass in Großstädten anteilig wesentlich mehr Frauen Gehwege und öffentliche Verkehrsmittel nutzen als Männer. Gleiches Szenario in Supermärkten, wo Regale nicht erreichbar sind oder in Büros, wo die Temperatur auf das männliche Wohlempfinden ausgerichtet ist. Dem zugrunde liegt zwar keine böse Absicht, so die Autorin, allerdings haben sich über Jahrtausende Denkmuster eingeschlichen, welche Personenkreise nicht berücksichtigen und somit benachteiligen.

Meine Wahrnehmung hat sich im Prozess stark verändert, auch im Hinblick auf meine Passion, Kommunikation zu machen, die ein wirkliches Ergebnis hat. Impulse wie dieses Buch und persönliche Gespräche mit tollen Kolleginnen haben mich verstehen lassen, dass meine Wahrnehmung oder auch Nichtwahrnehmung Teil des Problems ist und ich meinen eigenen Blick weiten muss. Der anfänglichen Neugierde, mich gezielter mit der Frage nach Gleichberechtigung auseinanderzusetzen, folgte die bittere Erkenntnis, ich selbst bin ein „alter weißer Mann“. Die Emanzipation habe ich als schon bestehend abgetan, ohne dabei antrainierte Muster zu begreifen und die Scheuklappen abzulegen. Rückblickend frag ich mich, wieso ich nach der Anerkennung durch Männer gesucht habe, wo doch Frauen in Führungspositionen vielfach die besseren Chefs sind, eben weil sie (Achtung!, auch ein Stereotyp) empathischer agieren können und auch wollen.

Es braucht ein digitales Mindset

Zentraler Bestandteil und die Ausgangsbasis eines solchen Veränderungsprozesses ist dabei Neugierde und eine gewisse Offenheit. Anders formuliert, es braucht etwas, das als digitales Mindset beschrieben wird und bei dem die Neugier das Fundament bildet. Hierbei geht es um das Verlassen der eigenen Komfortzone, das Auseinandersetzen mit den verschiedenen Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft und der offene Umgang mit diesen Begebenheiten. Dabei geht es zunächst nicht um Wertung sondern um die Akzeptanz und das Zulassen von „neuen” Impulsen. Erst im zweiten Schritt widmet man sich dem Umgang damit – ebenso offen. Das hört sich erst mal groß an und beschreibt die Metaebene, aber eben diese Metaebene und deren Betrachtung fehlt bei einigen Kolleg*innen und Kund*innen.

Lesen Sie hier das MEEDIA-Interview mit Susanne Krings von Ressourcenmangel zum Thema Femvertising (€).

Nehmen wir uns das hochrelevante Thema „Frauen in der Kommunikation” vor. Dabei fällt auf, dass hier vielfach die Zeit stehen geblieben ist. Susanne Krings, eine Kollegin von Ressourcenmangel, hat sich mit dem Thema des Femvertisings auseinandergesetzt. Femvertising beginnt damit, Frauen zu sehen, Evidenz und Daten genau auf Frauen und deren Bedürfnisse abzulesen und auszuwerten. Femvertising ist aber nicht erledigt mit dem Sprechen des Binnen-I. Femvertising ist, so wie ich es verstehe, die Akzeptanz, dass es nicht die eine Lösung gibt, sondern dass Frauen in sich mindestens genauso divers sind wie wir Männer – nur das findet aus meiner Sicht noch nicht den Einfluss in Kommunikation, welche es braucht, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Der Weg zu guter Kommunikation wird hier nicht durch das Abbilden von Personas zur weiteren Bearbeitung geprägt sein. Diese „alte” Herangehensweise stößt ganz erheblich an Grenzen, eben weil Personas vielfach aus Bubbles heraus beschrieben werden. „Das haben wir immer schon so gemacht“ führt – um auf das Beispiel von Caroline Criado-Perez zurückzukommen – dazu, dass wir uns wissentlich auf den ungeräumten Fußweg begeben und an eine sichere Passage glauben, es aber nicht wissen.

Hier ein kleines Gedankenspiel: Google hat herausgefunden, dass wir bis zu 500 Kontaktpunkte mit Kommunikation rund um das Thema Reisen haben, bevor wir in den Flieger zur Urlaubsdestination steigen. Wie sollen wir 500 Kontaktpunkte beherrschen, um unseren Kund*innen den Sale zu ermöglichen? Die Antwort ist: müssen wir nicht. Wir müssen „nur“ an den relevanten Punkten der Customer Decision Journey auftauchen, allerdings bitte mit mehrwertiger Kommunikation. Und eben hier hilft das „Digital Mindset“: Neugierig sein, Daten betrachten, Schlüsse ziehen und neue Ansätze zulassen.

Gucke ich mich in vielen Entscheiderkreisen um, so sehe ich Männer im mittleren Alter, die oft nach Gefühl oder jahrelanger Erfahrung in der eigenen „Suppe“ entscheiden. Wie soll ein solcher Entscheiderkreis erfolgreiche und verständige Kommunikation für Frauen machen, wenn Frauen hier nicht ausreichend vertreten sind? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Trust in your Data! Daten lügen nicht. Also, wo erreichen wir die Entscheider*innen für beispielsweise eine Flugreise, wie sprechen wir sie an und welche Mehrwerte können wirklich angeboten werden? Nicht verwunderlich ist das Ergebnis ebensolcher Daten, nämlich, dass es in Sachen Reise eigentlich die Frauen sind, die vielfach die Entscheidung treffen oder so beeinflussen, dass kein Weg um sie herumführt oder herumführen sollte. Aber wie sehen wir Frauen aktuell tatsächlich in Katalogen oder TVCs inszeniert? Als Begleitung? Als Mutter, die sich endlich mal entspannen kann? Trifft das die Realitäten, wie Frauen sich selbst sehen (wollen) und sich ihren Urlaub vorstellen? Mit dieser Frage entlasse ich in die Neugier.

Das Digital Mindset ist nicht Agenturen vorbehalten, wir sollten es aber zu unserer Maxime machen, denn es geht um so viel mehr als das Bespielen „digitaler“ Kanäle – es geht um relevante Kommunikation unter Betrachtung der „harten“ (evidenzbasierten) Realität und die Rücksichtnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen. Lasst uns neugierig werden.

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