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Wochenrückblick

Nein, liebe Grüne, das ist keine Schmutzkampagne, das ist normale Medienarbeit

Bei der Aufregung rund um die Plagiatsvorwürfe gegen die Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock geht einiges durcheinander. Die „Bild“ entschuldigt sich halbgar für einen krassen Fehler. Die ARD will lieber nicht das ZDF angreifen. Und Jessy und Basti fragen Jogi. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Das hatte sich Annalena Baerbock vermutlich anders vorgestellt, als ihr zum Antritts-Interview im ProSieben-Studio von den beiden Fragestellern noch applaudiert wurde. Seit Wochen steht die Kanzlerkandidatin der Grünen im Feuer. Von einem Medien-Hype kann aktuell keine Rede mehr sein. Und das ist zu allererst eine gute Nachricht. So zeigt sich doch, dass die journalistischen Beißreflexe noch in Ordnung sind, auch wenn es um Spitzenpersonal der angeblichen Lieblingspartei der Medienmenschen geht. Was die aktuelle Aufregung rund um Plagiatsvorwürfe betrifft, so geht da einiges durcheinander. Zunächst einmal ist es weitestgehend unerheblich, ob es sich bei den Abschreiber-Stellen in Baerbocks Buch „Jetzt“ teils um potenzielle Urheberrechtsverletzungen handelt oder nicht. Ihre Kritiker erheben diesen Vorwurf in den meisten Fällen auch gar nicht. Es geht um die Abschreiberei an sich und wie Baerbock und ihre Partei auf die Berichterstattung darüber reagieren. Dass Baerbock (oder ihr Ghostwriter) abgeschrieben, bzw. kopiert haben steht außer Frage, das sieht man anhand der Textstellen. Aber ist das jetzt schlimm oder nicht? Hat sie nun ein „Sachbuch“ geschrieben und was ist das überhaupt, ein „Sachbuch“? Sie hat, soviel kann man festhalten, ein Buch geschrieben, auf dem ihr Name als Autorin steht. Landläufig nimmt man ja an, dass derjenige, dessen Name da steht, das Ding auch geschrieben hat. Nun wurde ihr nachgewiesen, dass sie einige Stellen wortgleich oder fast wortgleich aus diversen Quellen übernommen hat. Das ist nicht verboten, aber es ist womöglich kein guter Stil und es sagt vielleicht auch etwas über die Autorin aus. Die Grünen tun nun aber so, als habe hier gar keine Abschreiberei stattgefunden, als handle es sich nur um Fakten-Übernahmen. Dabei kann jeder anhand der vielfach dokumentierten Stellen erkennen, dass dies Unfug ist.

Für sich genommen wären die Abschreibereien eine Petitesse. Sie kommen aber in einer ganzen Reihe von mehr oder weniger kleinen Fehltritten ans Licht. Da war die Sache mit den zu spät gemeldeten Nebeneinkünften der Kandidatin und mit ihrem unnötig aufgeblasenen Lebenslauf. Da hat sie sich entschuldigt. Sich jetzt schon wieder zu entschuldigen, das käme nicht gut an. Sie will Kanzlerin werden und muss sich dauernd für irgendwas entschuldigen … Also versucht man die Flucht nach vorne und nimmt sich den Medienanwalt Christian Schertz. Aber warum eigentlich? Um den „Plagiatsjäger“ zu verklagen? Das ist bisher wohl nicht passiert. Um ein „presserechtliches Informationsschreiben“ zu versenden? Es wirkt, als sei die Berufung von Schertz eine Art Signal. Die Grünen wollen damit vielleicht deutlich machen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Tatsächlich begeben sie sich damit aber öffentlich in die Opferrolle. Auch das steht einer Kanzlerkandidatin nicht gut. Auf Twitter schäumen nicht wenige Grüne und ihre Anhänger von „Rufmord“ und „Schmutzkampagne“. Das ist Unsinn. Die Vorgänge, die da kritisiert werden, sind ja alle wahr. Die Nebeneinkünfte wurden verspätet gemeldet, der Lebenslauf war aufgehübscht, im Buch finden sich abgeschriebene Passagen. Dass all dies grell ausgeleuchtet wird, das ist keine „Schmutzkampagne“. Das ist normale Medienarbeit.

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Dass die „Bild am Sonntag“ auf dem Titel eine unbeteiligte Person fälschlicherweise als „Messerkiller“ von Würzburg zeigte, war ein katastrophaler Fehler. Mittlerweile hat das Medium sich dafür entschuldigt. In dem Text in eigener Sache heißt es: „Wir hatten nach gründlichster Recherche keine vernünftigen Zweifel daran, dass die abgebildete Person auf der Titelseite der BamS den Beschuldigten zeigt. Mehrere Quellen hatten uns dies unabhängig voneinander bestätigt, eine in die Ermittlungen in Würzburg involvierte Person auf Nachfrage sogar schriftlich.“ Mein ehemaliger MEEDIA-Kollege Marvin Schade weist bei „Medieninsider“ (€) zu Recht daraufhin, dass man das Foto ohnehin höchstens verpixelt hätte zeigen dürfen. Außerdem, so schreibt er, hätten der „Bild“-Redaktion Fotos vorgelegen, die definitiv den echten Täter zeigten. Hm. „Keine vernünftigen Zweifel“?

Eine Stilfrage ist, dass der Entschuldigungstext nicht von den Chefredakteuren Alexandra Würzbach und Julian Reichelt unterzeichnet wurde. Bei einem derartig krassen Fehler wäre es das Mindeste gewesen.

(Update: Mittlerweile hat die „Bild am Sonntag“ in ihrer gedruckten Ausgabe auf der Titelseite eine Entschuldigung abgedruckt, die von Chefredakteurin Alexandra Würzbach gezeichnet ist. Dies war zum ursprünglichen Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Kolumne noch nicht der Fall gewesen.)

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Der „Spiegel“ berichtete diese Woche, dass die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl jetzt das ZDF angreifen wolle (€). U.a. plane das Erste eine Talkshow nach dem Vorbild des hyper-erfolgreichen „Markus Lanz“ und eine Comedy-Show nach Vorbild der „Heute Show“. Die ARD-Granden gaben daraufhin der dpa ganz aufgeregt ein Interview, in dem sie betonten, dass es ihnen ganz und gar fern läge, das ZDF „anzugreifen“, es gehe nur um „die Schärfung des Profils“, sagte Frau Strobl. Jaja. Trotzdem liegt der Gedanke nicht ganz fern, dass man bei der ARD bisweilen neidisch nach Mainz linst. Der scheidende Intendant Thomas Bellut hat das Zweite nämlich außerordentlich erfolgreich aufgestellt. Der Lohn sind konstant tolle Marktanteile, bei denen das Erste meist nur noch die Rücklichter sieht. Für den frisch gewählten Bellut-Nachfolger Norbert Himmler ist das Fluch und Segen zugleich.

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Die Deutsche Nationalmannschaft ist verdient aus der EM ausgeschieden. Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger dürfen aber weiter analysieren. Die Welt ist ungerecht. Das Duo durfte sich viel Kritik und Häme anhören, vor allem für das total vergurkte „Interview“ mit Joachim Löw nach der Niederlage gegen England. Ja, es stimmt, das Interview war miserabel. Das sind aber viele Sport-Interviews, vor allem direkt nach den Spielen. Es wurde bei dieser Gelegenheit aber auch offensichtlich, dass es eine sehr schlechte Idee ist, einen Ex-Nationalspieler kommentieren zu lassen, der mit dem aktuellen Trainer und vielen aus der aktuellen Mannschaft noch zusammen auf dem Platz stand. Schweinsteigers Eloge auf Joachim Löw hatte mit Analyse und Journalismus nix, aber auch gar nix zu tun. Da bewienerte einer seinen früheren Chef (Schweini: „Chapeau, Hut ab!“ Jogi: „Danke, Basti.“). Und Manuel Neuer guckte auch komisch, als sein Ex-Mannschaftskamerad dazu ansetzte, nun auf einmal sein Spiel zu analysieren.

Nie fehlten Delling und Netzer so sehr wie heute.

Schönes Wochenende!

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