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Wochenrückblick

Warum der Putin-Gastbeitrag in der „Zeit hochproblematisch ist

Finale Worte zum Regenbogentheater rund um die ausgefallene Protest-Beleuchtung der Allianz Arena. ProSieben versucht „Die Alm“ zu reanimieren. Mit überschaubarem Erfolg. „Bild“ und Deutschlandfunk sind sich, was die Ablehnung des Putin-Gastbeitrags in der „Zeit“ anbelangt, ausnahmsweise mal einig. Und Bild TV hat eine Sendelizenz. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Am eindrücklichsten bei dem ganzen Theater rund um die ausgefallene, weil verbotene Regenbogenbeleuchtung der Allianz Arena beim Deutschland-Ungarn-Spiel fand ich, wie sich die „Brands“ demaskiert haben. Sehr viele waren sehr schnell dabei, ihre Logos in Regenbogenfarbe zu tunken, weil man ja ach so solidarisch war mit der Queer-Community. „Diversity“ allerorten. Nur in den Märkten, in denen Homosexuelle teils noch verfolgt werden und Autokraten regieren, da hat man lieber die Finger vom Regenbogentopf gelassen. Könnte ja den Absatz gefährden. „Haltung“ und „Purpose“ gelten als die großen Themen für „Brands“ heute. Aber so, wie sich viele Marken hier benommen haben, zeigt sich, dass das offensichtlich Lippenbekenntnisse sind. „Glaubwürdigkeit“ ist ein etwas altmodischer Wert, der hier flöten geht. Die Verbraucher können sich ihren Teil denken.

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Am Donnerstag reanimierte ProSieben den Reality-Oldie „Die Alm“. Nanu, Promi-Trash auf ProSieben? Wir lesen doch seit Wochen, dass die Privatsender jetzt viel seriöser werden wollen … Ganz ohne die Promi-Kirmes geht es halt doch nicht. „Die Alm“ war schon in ihren früheren Iterationen ein Abklatsch des RTL-Dschungelcamps und daran hat sich nichts geändert. Das Personal ist u.a. mit einem Nerv-Typen aus der „Bachelorette“, einem Bodybuilder-YouTuber, einem „Erotik-Star“, der früheren Turnerin Magdalena Brzeska und Ex-Sky-DuMont-Gattin Mirja DuMont sogar einigermaßen gelungen besetzt. Aber Collien Ulmen-Fernandes und Christian Düren moderieren das Alm-Treiben mit derart aufgesetzter Ironie und spitzen Fingern, als sei es ihnen selbst so ein bisschen peinlich. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Dschungelcamp, da lieben die Moderatoren ihr Format offensichtlich. Und wenn auch noch die gewitzte Produktion und das tägliche Sich-Hochschaukeln des Dschungels fehlen, dann wird es halt schnell ein bisserl öde mit Öhi. Die Quoten zum Auftakt waren entsprechend ausbaufähig. Prognose: Reality-TV läuft sich tot. Zumindest in der Primetime.

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Wann passiert es schon mal, dass Samira El Ouassil im Deutschlandfunk und die „Bild“ einer Meinung sind? Diese Woche war es soweit. Anlass war der Gastbeitrag des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der „Zeit“. Zum 80. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion durfte Putin in der Hamburger Wochenzeitung ausführlich seine Sicht auf die Weltlage darlegen. Die Annexion der Krim mit militärischen Mitteln bezeichnet Putin in dem Text als „Austritt“. Es ist die vielleicht krasseste Geschichtsklitterung und Desinformation in einem an Desinformationen überreichen Artikel. Die „Zeit“ hat dem Beitrag einen kleinen Text beigestellt, in dem man erfährt, dass die russische Botschaft an die Redaktion herangetreten war und den Beitrag angeboten hat. Da wird schon auch kurz erwähnt, dass das mit dem „Austritt“ und dem „Staatsstreich“ in der Ukraine eine Sicht ist, die der Herr Putin mehr oder weniger exklusiv hat. Außerdem verweist die „Zeit“-Redaktion auf weitere Texte, die als „Entgegnungen“ in den kommenden Tagen und Wochen veröffentlicht würden. Der erste ist mittlerweile auch schon erschienen.

Trotzdem ist der Gastbeitrag hoch problematisch. Warum? Weil die „Zeit“ einem autokratischen Machthaber hier eine Bühne für unwidersprochene Selbstdarstellung gibt (von dem kleinen Textkästchen abgesehen). Die Leser sollen sich das ganze Bild dann in den kommenden „Tagen und Wochen“ selbst zusammenpuzzeln und immer schön aufpassen, wann wieder eine Replik erscheint, die die Putin-Fake-News ins rechte Licht rückt. Medien können und sollen Leute wie Putin schon zu Wort kommen lassen, aber doch nicht in einem „Gastbeitrag“. Wenn, dann bitte ein Interview, in dem der Autokrat direkt mit seinen Lügen konfrontiert werden kann. Allermindestens hätte man sofort (!) umfangreiche Einordnungen der Falschaussagen Putins mit veröffentlichen müssen. An dieser Stelle könnte man kurz überlegen, ob Gastbeiträge von aktiven Politikern überhaupt so eine gute Idee sind.

Die „Bild“ hat die Desinformation Putins in der „Zeit“ mit sehr klaren Worten auseinandergenommen. Und auch Samira El Ouassil findet in ihrer Deutschlandfunk-Kolumne deutliche Worte:

„Im Falle von Putins in der ‚Zeit‘ erschienenem Text ist offensichtlich, dass er historische Sachverhalte weggelassen und willentlich Fehleinschätzungen publiziert hat. Putin wirkt nicht gerade wie jemand, der Kritik oder einem strengen Redigat aufgeschlossen gegenüber eingestellt zu sein scheint, und auch diese Information wäre relevant: Wie wurde dieser Text überhaupt abgenommen?“

„Bild“ und Deutschlandfunk Seite an Seite. Strange Times.

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Bild TV hat nunmehr eine Sendelizenz als lineares TV-Programm erhalten. D.h., das Boulevardmedium kann in Kürze den Sendebetrieb aufnehmen. Es ist eines der spannendsten Medien-Projekte der jüngeren Zeit und für „Bild“ und Axel Springer eine Wette auf die Zukunft. In einem Trailer, der für die Screenforce Days produziert wurde, übt sich die „Bild“-Redaktion und Selbstironie. Kann das gut gehen, „Bild“ und „Selbstironie“? Nicht so wirklich, aber urteilen Sie selbst:

Schönes Wochenende!

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