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Debatte um die Allianz-Arena

Der Regenbogenprotest, die Uefa und die Doppelmoral deutscher Marken

Wie Marken wie BMW, Allianz, und Volkswagen beim Regenbogen-Protest gegen die Uefa Pinkwashing betreiben

Wie Marken wie BMW, Allianz, und Volkswagen beim Regenbogen-Protest gegen die Uefa Pinkwashing betreiben Foto: Imago/ Collage MEEDIA

Die Entscheidung der Uefa, den Regenbogenprotest mit der Allianz-Arena zu verbieten, ist verlogen. Diese Beurteilung trifft aber ebenso Marken und Sponsoren. Und auch Zuschauer und Fans müssen sich den Vorwurf teilweise gefallen lassen.

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Was für keine Überraschung. Die Uefa verbietet den Regenbogenprotest in München. Eine wirkliche Überraschung wäre ja diese Kette: München stellt den Antrag, die Allianz-Arena in Regenbogenfarben erleuchten zu lassen und die Uefa stimmt zu. Das würde für so viel Verwirrung sorgen, dass sich vor Schreck das Erdmagnetfeld umpolt, eine Schar Einhörner gen Himmel aufsteigt und Jan Böhmermann die AfD als großangelegte Gesellschaftssatire enttarnt. Sie wissen, worauf ich hinaus möchte. 

Stattdessen kam es, nun ja, wie es eben kommt, wenn es um den Profisport geht. Antrag abgelehnt. Eklat produziert, aber dafür die „Neutralität“ gewahrt, so sieht es die Uefa. Die Show muss weitergehen, bitte ohne politische Zeichen gegen Victor Orbáns homophoben Regierungskurs. Dass das im Umkehrschluss ein politisches Zeichen für Orbán ist, dürfte auch dem Verband klar sein. Das ist übrigens der Verband, der im August 2019 noch auf Twitter postete: „Proud that #Euro2020 will be a tournament for everyone“. Garniert mit einem Regenbogen-Emoji und dem Hashtag #Equalgame. Über den Zeitraum von knapp zwei Jahren kann man das schon mal vergessen. War ja auch noch eine Pandemie dazwischen. Dass der Protest jetzt in Regenbogenfarben aufflammt, ist also ein gutes Zeichen. Die Zivilgesellschaft funktioniert. Nichts ist wichtiger, als jetzt Flagge zu zeigen. Soll die Allianz-Arena auf der Deutschlandkarte ein schwarzer Fleck der Intoleranz im bunten Fahnenmeer sein. Vielleicht verschafft das Orbán beim Ungarn-Spiel das gewisse Unwohlsein.  

Und jetzt zu keine Überraschung, die Zweite: Der ein oder andere hat es schon bemerkt. Im Regenbogenprotest gegen die Uefa-Entscheidung finden sich nicht nur Fußballfans, Städte und LGBTQ-Aktivist*innen. Nicht nur der Olympiaturm in München oder das Windrad an der Allianzarena erleuchten bunt, auch BMW, Siemens, die Sparkasse, die Telekom. 

Wer sein Logo wegen des Pride-Month hierzulande nicht schon umgestellt hat, ist jetzt beim Protest dabei. Auch Sponsoren wie Volkswagen bekennen Farbe auf Twitter. Die Marken positionieren sich, so liest man.  

Die Allianz hat „LGBTQIA“ auf Twitter richtig buchstabiert, Glückwunsch, und angekündigt, die Arena im Juli in Regenbogenfarben erleuchten zu lassen. Schön. Am Ende aber auch nicht besser als der Vorschlag des DFBs, die Arena an einem anderen Tag einzufärben. Wie schön wäre denn ein Quäntchen ziviler Ungehorsam, einfach den Schalter auf Bunt umlegen. Aber wer weiß, vielleicht kommt der spontane Protest ja am Spielabend. 

Jetzt zeigen also alle Flagge. Jetzt ist alles bunt. Sogar Sixt ist wieder dabei. Und die Ungarn, klar, die sind böse. Willkommen im Marvel-Universum, in dem jeder weiß, wer Superheld und wer Superschurke ist. Da kann man glatt vergessen, dass der FC Bayern, der jetzt kein Problem damit hätte, die Arena einzufärben, von Qatar Airways gesponsert wird und sein Wintertraining regelmäßig in Katar abhält. Dem Land der Menschenrechte und der WM 2022. Ein Teil des letzten Satzes ist übrigens Fake.

Wer es also ernst mit dem Protesten meint, der muss mehr tun, als einmal Farbe zu bekennen, wenn es gerade in den PR-Kram passt. Empfindlich trifft die Profiverbände nicht die Kritik. Empfindlich trifft die Uefa, wenn der Geldhahn nur noch tröpfelt. Das Einzige, was zählt, ist nicht „Respect“, es sind Zahlen. Dass VW und Co. jetzt das eigene Logo in Regenbogenfarben tauchen, ist ein Zeichen, vor allem aber ist es bequem. Man nennt es auch Pinkwashing. Wenn die großen Sponsoren auch Flagge in Ländern zeigen würden, in denen der Pridemonth nicht gesellschaftlicher Konsens ist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, wenn Sender Übertragungen boykottieren würden, Flaggen einblenden, wenn Fußballfans auf Tickets verzichten würden und auf Trikotkäufe, dann könnte der Protest vielleicht einen Unterschied machen.

Ich bin für ein #Muenchenmachestrotzdem – setzt die Beleuchtung gegen den Widerstand der Uefa auf Regenbogen und lasst Einhörner fliegen. Aber zeigt nicht heute mit der Regenbogenflagge auf Ungarn und sponsert morgen weiter die Uefa oder die Fifa mit euren Geldern.

PS: Da hilft es übrigens nicht, wenn die Uefa am Spieltag und nach viel Kritik das eigene Logo in die Regenbogenfahne taucht und sich auf Werte beruft, die der Verband selbst nicht lebt.

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