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Coaching Corner

Coaching-Thema: „Wie schaffe ich es, bei immer mehr Anfragen Nein zu sagen?“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Jeden Monat beantwortet Change & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA-Leser*innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und optimistisch. Ihre Kolumne „Coaching Corner“ beschäftigt sich dieses Mal mit der Frage, wie man es schafft, Nein zu sagen, wenn immer mehr Arbeit auf dem eigenen Schreibtisch landet.

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Leser*innen-Frage: „Seit zwei Jahren arbeite ich im Finance-Bereich eines TV-Senders und führe dort ein kleines Team. Inhaltlich macht es mir Spaß, aber seit ich dort angefangen hab, wird die Arbeit von Tag zu Tag mehr. Ein Zusatz-Projekt kommt nach dem nächsten, die Routine-Jobs stapeln sich und ich ersticke förmlich in Arbeit. Außerdem mache ich durch die Zusammenlegung zweier Abteilungen seit ein paar Monaten im Grunde zwei Jobs parallel. Manchmal fühle ich mich wie kurz vorm Burn-Out. Trotzdem fällt es mir wahnsinnig schwer, Nein zu sagen, wenn mein Chef mit dem x-ten neuen To-Do oder Projekt auf mich zukommt. Wie kann ich das ändern und es schaffen, selbstbewusster Nein zu sagen?“

Die Dynamik, die Sie beschreiben, ist typisch für Branchen, in denen – so wie in den Medien – viel umstrukturiert und konsolidiert wird. Die Aufgaben werden immer vielschichtiger, der operative Druck und die Komplexität nehmen zu und zugleich schrumpfen die Teams. 

Umso besser, dass Sie bereits einen Ansatzpunkt ausgemacht haben, über den Sie selbst positiv auf Ihre Arbeitssituation einwirken können: Mehr Mut, Nein zu sagen, stärken.

Um einen Überblick über die Situation zu bekommen, ist es zunächst hilfreich zu ergründen, wo die „Nein-Sage-Schwäche“ in der Organisation bzw. Ihrer Abteilung anfängt und wo sie endet. Konkret: Fällt es vielleicht auch Ihrem Chef schwer, Nein zu sagen und es landen deshalb immer mehr Themen auf Ihrem Tisch? Und: Inwiefern ist in der Folge auch Ihr Team von Ihrem Verhalten betroffen? Gehören Sie zu dem Typus „Ja-Sager“, der das „Zuviel“ auch an die Mitarbeiter*innen weitergibt oder machen Sie die Arbeit und die Überstunden alle selbst, um Ihr Team vor Überlastung zu schützen?

Im zweiten Schritt sollten Sie hinterfragen, welche Wünsche oder Befürchtungen hinter Ihrer Abneigung gegen das Wort „Nein“ stecken. Gründe für diese weit verbreitete Führungsschwäche gibt es viele. Überprüfen Sie also: „Was hindert mich am Nein sagen?“ Wollen Sie vielleicht Kontrolle behalten, indem Sie in möglichst vielen Projekten involviert sind? Fühlen Sie sich insgeheim geschmeichelt, weil man Ihnen viele Themen zutraut und Sie sich dadurch unentbehrlich fühlen? Scheuen Sie den Konflikt, den ein Nein mit sich bringen könnte? Fällt es Ihnen möglicherweise schwer, Prioritäten zu setzen? Oder machen Sie sich Sorgen um Ihre Karrierechancen, wenn Sie ein Projekt ablehnen? 

Was immer Ihre persönliche Antwort auf die Frage „Was hindert mich?“ ist, unterziehen Sie das Argument bitte einem „Reality Check“. Wie wichtig oder realistisch ist der dahinterstehende Wunsch oder die Befürchtung wirklich? Und zwar insbesondere im Abgleich mit dem Preis, den Sie fürs „Ja-Sagen“ zahlen?

Ein klares Bewusstsein über den Preis bzw. die Auswirkungen des eigenen Verhaltens kann die nötige Energie freisetzen, um Mut zum Nein-Sagen zu entwickeln. Fragen Sie sich: Wie viel operativen Druck und Gestresstheit bekommt mein Team zu spüren und entspricht das meinem Bild von guter Führung? Wie sehr betreibe ich Raubbau an meinen Kraftreserven? Riskiere ich womöglich wirklich ein Burn-Out? 

Und nicht zu vergessen: Wie schädigend, kann das viele Ja-Sagen für meine Reputation werden – zum Beispiel, weil es zu überlastungsbedingt schlechten Arbeitsergebnissen führt. 

Überhaupt: Was würden Sie selbst über jemanden denken, der zu allem Ja und Amen sagt? Schließlich kann so ein Verhalten schnell als mangelndes Rückgrat interpretiert werden.

Im Umkehrschluss stecken viele Gewinnchancen in einem selbstbewussten Nein zu unnötigen oder überbordenden Projekten und Aufgaben. Sie transportieren damit implizit Ihren Selbstwert, können außerdem besser steuern, in welche Themen Sie Ihre Lebenszeit und Energie stecken und auch Ihr Team und Ihr privates Umfeld wird es Ihnen danken, wenn Sie gesund und gut gelaunt bleiben. 

Ich hoffe, durch diese Überlegungen haben Sie schon etwas „Futter“ bekommen, um gestärkt in die Erweiterung Ihrer Komfortzone zu starten und bei der nächsten passenden Gelegenheit ganz (selbst)bewusst „Nein sagen“.

Parallel macht es Sinn, dass Sie im Gedanken von „Erster Hilfe“ für die Burn-Out-Prävention Möglichkeiten prüfen, schnellstmöglich den Arbeitsdruck zu reduzieren. Dabei hilft radikales Priorisieren und Weglassen üben. Vielleicht haben Sie als Tool fürs Priorisieren schon mal von der „Eisenhower-Matrix“ gehört – falls nicht einfach googlen. Mit diesem Modell können Sie Aufgaben nach ihrer Wichtigkeit und Dringlichkeit sortieren und bekommen einen übersichtlichen Blick auf die Dinge, die Sie tatsächlich selbst und sofort bearbeiten müssen. 

Fürs Weglassen üben, finde ich den Ansatz von „Reverse Pilots“ sehr hilfreich. Normalerweise werden Pilot-Projekte ja gemacht, um eine neue Vorgehensweise vor der dauerhaften Einführung zu testen. Genauso können Sie auch beherzt austesten, welche Routinen, Reportings oder auch Meetings Sie vor der dauerhaften Abschaffung testweise weglassen können. So können Sie ohne allzu langes Abwägen risikoarm Ihren Workload „entschlacken“. 

In diese Überlegungen zum Weglassen können Sie übrigens auch gut Ihren Chef einbeziehen. Wenn er Ihnen das nächste Thema übertragen will, fragen Sie ihn: „Wenn wir das machen, was machen wir dann nicht mehr?“

Das ist ein guter Weg, die eigenen Grenzen klar zu kommunizieren, ohne wie ein Blockierer dazustehen. Falls Ihr Chef selbst ein Thema mit dem Nein-Sagen hat, können Sie so im besten Fall für ihn sogar zum „lebenden Beweis“ dafür werden, dass sich Nein-Sagen an den richtigen Stellen lohnt. Wenn Ihr Chef offen für „Reverse Pilots“ ist, ist er vielleicht auch dankbar, wenn Sie mit dieser Form von „Reverse Leadership“ seinen Horizont erweitern.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bei Ihrem persönlichen Richtungswechsel. Geben Sie gut auf sich Acht!


JETZT SIND SIE DRAN

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

KLEINGEDRUCKTESDiese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

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