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Wochenrückblick

Entenhausen und das Auswärtige Amt werden „woke“

Eine Riesenaufregung gab es diese Woche um die Super-Intellektuelle Carolin Emcke und ihre Rede auf dem Grünen-Parteitag. Im Auswärtigen Amt und Entenhausen geht es nunmehr „woke“ zu. Privatsender bereiten trotz angekündigter Seriositäts-Offensiven neue Reality-Shows vor. Und es gibt sie noch, die Print-Neugründungen. Wenn auch sehr speziell. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Auf dem Grünen-Parteitag wurde die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke zugeschaltet und hielt eine Rede. Dort sagte sie u.a.:

„Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.“

Der letzte Satz ist der Casus Knacksus. Hat Frau Emcke da etwa die Juden-Verfolgung im Dritten Reich mit Kritik an Klimaforschern verglichen? Man kann es zumindest so lesen. „Bild“, CDU-Politiker und natürlich auch viele Dösköppe auf Twitter und anderswo sind daraufhin über Emcke hergefallen. In einigen Medien und auch auf Social Media wurden andererseits umfängliche Verteidigungsreden für Emcke verfasst, die in der linksliberalen Szene für einige ein Idol ist. Es wurde teils sehr kompliziert gewunden erklärt, warum ihre Rede gerade KEIN Vergleich zwischen Juden-Verfolgung und Kritik/Protest/Wasauchimmer gegen Klimaforscher sei. Stichwort: Aus dem Kontext gerissen usw. Offen gestanden: Ich hab’s nicht kapiert. Ich habe mir die Rede ganz angehört und die Passage mehrmals gelesen. Ich finde schon, dass man einen Vergleich da herauslesen kann. Natürlich ist Carolin Emcke keine Antisemitin oder Holocaust-Relativiererin. Sie hat einfach einen unpassenden, zumindest sehr missverständlichen Vergleich gezogen. Das passiert den schlausten Köpfen mal. Eine andere Frage ist, ob eine Journalistin unbedingt auf einem Parteitag eine Rede halten sollte.

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Bei „Bild“ lese ich, dass das Mitarbeitermagazin des Auswärtigen Amtes (AA) nun dazu auffordern würde, die Leute dort müssten „woke“ werden. Diagnose: zu viele blasse, weiße Männer im Ministerium! Zu viel pale & male. Die „Bild“ illustriert das mit einem Foto des AA-Chefs, Außenminister Heiko Maas, mithin ein lupenreiner Vertreter der Pale-Male-Fraktion. Wenn es mit der Kanzlerschaft nicht klappt, wäre das ja vielleicht mal ein Job für Annalena Baerbock. Abgesehen davon: Denkt Heiko Maas wirklich, dass dieses Foto mit dem seltsam sitzenden Zweireiher „gut“ aussieht?

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So ein bisschen „woke“ sind jetzt auch die „Lustigen Taschenbücher“. Die „FAZ“ – bekanntlich Heimat diverser Profi-Donaldisten – reportiert (€), dass Begriffe wie „Bleichgesicht“, „Indianerhäuptling“ und „der liebe Gott“ gestrichen wurden. Schlimmer noch: Aus „Fridolin Freudenfett“ wurde „Fridolin Freundlich“. Bodyshaming Adieu! Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek unterstützt laut „FAZ“ den Protest gegen die Änderungen und bezeichnete es als ihre „heilige Pflicht“ „gegen die Schändung der göttlichen Erika Fuchs“ vorzugehen. Dr. Erika Fuchs war für die legendären Übersetzungen der Donald-Duck-Comics ins Deutsche verantwortlich und wird in Donaldisten-Kreisen ähnlich kultisch verehrt wie Carolin Emcke bei den Linken.

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Auf den Screenforce Days diese Woche überboten sich die Sender-Verantwortlichen von RTL und ProSiebenSat.1 geradezu in Bekenntnissen zu mehr „Haltung“ und gesellschaftlicher Verantwortung. Hier unsere Zusammenfassung zum Event (€). Schön. Parallel war im einschlägigen Trash-TV-Fachorgan „Bild“ zu lesen, dass sowohl Sat.1 als auch RTL an neuen Reality-Formaten schrauben. Bei Sat.1 soll wohl ein Nachfolger für das in Ungnade gefallene „Promis unter Palmen“ kommen. Arbeitstitel: „Die härteste Realityshow der Welt – das große Promi-Büßen“. Mit dabei ist angeblich bewährtes Trash-TV-Personal wie Elena Miras oder Calvin Kleinen, die schon bei der abgesetzten zweiten „Promis unter Palmen“-Staffel mit dabei waren. Und bei RTL laufen die Vorbereitungen für eine neue Staffel „Sommerhaus der Stars“. Und – ebenfalls laut „Bild“ – werden für RTL Teilnehmer für eine Adaption des Formats „Unbreakable“ gesucht (€), bei dem Prominente sich ihren Süchten oder anderen Krankheiten stellen. Das Ganze soll als „Lebenshilfe“ laufen. Naja. „Hartz und herzlich“ bei RTL 2 wird ja auch als „Sozial-Reportage“ gelabelt. Ich habe den Eindruck, man will hier einerseits auf die Reality-Quoten nicht verzichten, die genre-typischen Eskalationen aber vermeiden. Wir werden sehen, ob’s klappt. Normalerweis gilt ja: You can’t have the cake and eat it.

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Print lebt! Diese Woche trudelte die Pressemitteilung zu diesem neuen Magazin aus dem Segment der Jagd-Zeitschriften herein.

Jede einzelne Zeile auf dem Titel weckt die Neugier. Mein Favorit: „Voll- und Sprengmast: Urknall der Sauenschwemme“. Very special Interest …

Schönes Wochenende!

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