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Debatte um INSM-Anzeige

Lassen wir Moses auf dem Berg – und die Kirche im Dorf

Grüne-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock – Foto: Imago Images

Eine Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) sorgt für Aufregung, weil sie Annalena Baerbock als „Moses mit den zehn Verboten“ illustriert. Die Kritik ist in Teilen aber genauso unseriös und aufgekratzt wie die Anzeige selbst.

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„Beleidigend“, „frauenfeindlich“, „antisemitisch“: Die Kritik an der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock als „Moses mit den zehn Verboten“ zeigt, fällt in Teilen heftig aus. Die Kampagne gegen die Grünen, die als Anzeige unter anderem in der “FAZ”, in der “Süddeutschen Zeitung” und im “Handelsblatt” gedruckt, beziehungsweise auf deren Online-Seiten geschaltet wurde, ist tatsächlich ziemlich platt – ja, auch unseriös, weil sie einfach nur den Narrativ von den Grünen als doofe “Verbotspartei” bedient. Man könnte sogar sagen, die Anzeige ist – herrje – populistisch. (MEEDIA berichtete)

Die Aktion kommt selbst bei denen, die die Grünen wirklich doof finden, nur mäßig bis gar nicht an. Gab’s bei der INSM wirklich keine besseren Ideen? Aufklärung im Sinne einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Öko-Partei sieht jedenfalls anders aus. Dabei sind die Flanken offen. Wer, wie die Grünen, keine Gelegenheit scheut, den eigenen moralischen Anspruch zu betonen, bietet freilich auch Angriffsfläche für etwa jene, die lieber auf ideologiearmen Pragmatismus setzen; also auf Kompromisse zwischen Mutter Erde und Erdenbürger zum Beispiel. Hier muss politische Kommunikation ansetzen, beim Inhalt. Und das funktioniert deutlich besser, wenn die Kritik wohl dosiert ist, und nicht durch den Gartenschlauch kommt.

MEEDIA-Redakteur Ben Krischke

Denn nach der Lektüre des Grüne-Programms und dessen, was Teile der Partei in den sozialen Netzwerken posten, kann man sehr wohl zu dem Schluss kommen, dass die Grünen weder eine liberale noch eine soziale Partei sind. Auch Widersprüche lassen sich identifizieren, etwa beim Arten- und Klimaschutz. Wer Windräder baut, ist wahrscheinlich kein Mitglied des örtlichen Vereins der Vogelfreunde. Wer sich überdies beim Klimawandel auf die Wissenschaft beruft, bei Homöopathie aber nicht vom Placebo-Effekt, sondern von „alternativer Medizin“ spricht, den kann man als Journalist auch ruhig mal fragen, wie er oder sie es nun hält mit der Wissenschaft.

Und noch ein Punkt: Ja, die Anzeige ist unseriös. Aber auch die teils heftige Kritik an ihr ist es. Der ein oder andere greift dafür nämlich ganz tief in die Schmuddel-Kiste, um die INSM zu dämonisieren und jene Medien, die die Anzeige druckten, gleich mit. „Beleidigend“ lasse ich noch durchgehen, aber „parteiisch“ (bezogen auf die genannten Medien), „frauenfeindlich“ und „antisemitisch“? Dafür muss man sehr viel Wut im Bauch haben. Und man muss auch aufpassen, keine unterschiedlichen Standards zu setzen. Wer brüllt, dass es uncool sei, Frau Baerbock als religiöse Figur zu inszenieren, der hätte sich auch daran reiben dürfen, dass Frau Baerbock noch vor wenigen Wochen als politische Heilsbringerin von den Titelblättern der Republik strahlte. Das kam – Hand auf’s Herz – nur etwas weniger sakral daher als das andere. 

Vorschlag zur Güte: Lassen wir in dieser Debatte doch den Moses auf dem Berg und die Kirche im Dorf. Und dann fordern wir gemeinsam einen Hauch des gleichen Eifers, mit dem Frau Baerbock nun verteidigt wird, bei der kritischen und ergebnisoffenen Analyse des Partei-Programms der Grünen. Gerade auch von jenen Medien, die mehr oder minder subtil für die Partei trommeln – und halt von allen, die ihr Kreuz im September garantiert bei den Grünen machen. Ich gehöre da offensichtlich nicht dazu. Aber das kann ich auch sachlich begründen.

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