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Ewiges Sender-Sorgenkind

Warum der Umbau von Sat.1 für den P7S1-Vorstand zum Problem wird

Rainer Beaujean – Foto: ProSiebenSat.1

ProSiebenSat.1-Chef Rainer Beaujean hat den notwendigen Umbau von Sat.1 zu lange schleifen lassen. Jetzt wird der Weg wesentlich beschwerlicher, den Sorgensender aus der Krise zu steuern. Das wird den Druck aus dem Aktionärskreis auf ihn erhöhen.

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Kein Sender hat in den vergangenen Monaten seinen Ruf bei den Vermarktern so schnell ramponiert wie Sat.1. Erst ein Homophobie-Eklat bei „Promis unter Palmen“, dann der öffentlich-ausgetragene Streit mit dem Entertainer Matthias Distel, der haltlose Zustände beim Dreh von „Plötzlich reich, plötzlich arm“ publik machte. Vom Quoten-Verlierer zum Skandal-Kanal. 

Allein die gute Performance von ProSieben reicht nicht, um die Bedürfnisse der Aktionäre zu befriedigen, meint MEEDIA-Redakteur Gregory Lipinski.

Dass der ehemalige Finanzchef von T-Online Beaujean den langjährigen ProSieben-Chef Daniel Rosemann nun mit den Aufräumarbeiten betreut, ist richtig. Doch der Schritt war überfällig. Der Medienmanager hätte bereits die Corona-Phase nutzen müssen, um den Sender bei den Zuschauern wieder beliebter zu machen. Viele Familien saßen in der Ausnahmezeit vor dem Fernseher, um sich den Lockdown zu versüßen. Stattdessen hat Beaujean das Problem schleifen lassen. 

Jetzt wird der Umbau von Sat.1 beschwerlicher. Und das aus mehrerem Gründen. Zum einen dürfte das Zuschauerinteresse an analogen TV-Kanälen nach Ende der Home-Office-Ära deutlich abebben. Zum anderen werden die großen Streaming-Dienste wie Netflix, Prime Video oder Disney+ mit ihren attraktiven Angeboten bei den Deutschen immer beliebter. Das macht es schwierig, die Reichweite von Sat.1 rasch zu steigern. 

Um hier schnell Fahrt aufzunehmen, müsste das Programmgefüge von Sat.1  grundlegend geändert werden: Radikal sollte der TV-Kanal seine Scripted-Reality-Formate eindampfen. Hier gibt es immer noch genügend Katastrophen- und Arzt-Serien, die aus der Zeit gefallen sind. Stattdessen sollte der Vorstand mehr Talks a la „Frühstücksfernsehen“ oder Unterhaltungssendungen wie „The Voice“ verstärkt ins Programm heben, um abgesprungene Zuschauer zurückzuholen. Auch intelligent gemachte Dokus wären eine Möglichkeit. Das zeigt beispielsweise Konkurrent RTL mit der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals. 

Damit wird der Sat.1-Umbau für Konzernchef Beaujean aber zum großen Problem: Zum einem muss er mehr Geld in die Hand nehmen, um dem Sender eine neue zielgruppenspezifische Programmfarbe zu verleihen. Zum anderen verpasst der Vorstandschef die Chance, vom wieder anziehenden Werbemarkt zu profitieren. Solange sich das Image der einstigen Familiensenders nicht deutlich wandelt, werden die Vermarkter ihren Kunden kaum empfehlen, Werbung zu buchen.

Damit sitzen Beaujean die Aktionäre im Nacken. Denn die Anteilseigner sind an steigenden Erträgen interessiert, um dem Aktienkurs Auftrieb zu verleihen. Da reicht die gute Performance von ProSieben alleine nicht. Mit seiner Absage, eine Fusion mit dem Mailänder Medienkonzern Mediaset einzugehen, raubt Beaujean den Investoren auch noch die letzte Kursfantasie. Das macht sich nicht gut an der Börse.

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