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Die GAFA-Kolumne

Warum Apple-Aktionäre 2021 in die Röhre gucken

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es läuft einfach nicht bei Apple in diesem Jahr – an der Börse. Während der Kultkonzern aus Cupertino so schnell wächst wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, haben Anleger seit Jahresbeginn nichts als Verluste zu beklagen. Wie kann das sein?

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Was meinen Sie, wer hat in diesem Jahr bisher besser performt: Daimler oder Apple? Die Deutsche Bank oder Apple? Die Deutsche Telekom oder Apple? Die Deutsche Post oder Apple? Ja, Prügelknabe Bitcoin oder Apple?

Die Antwort lautet – wie schon die Überschrift suggeriert – in allen Fällen: nicht Apple. Das erste Börsenhalbjahr ist fast herum – und der wertvollste Konzern der Welt hat Anlegern nichts als Verluste eingebracht. Das Minus fällt mit aktuell 5 Prozent nicht dramatisch aus, aber dass der GAFA-Champion einmal ein Halbjahr lang Anlegern eine negative Rendite einbringt, ist an sich schon erstaunlich. 

Wie ist die Schwächephase zu erklären? Zumindest nicht fundamental. (Auch wenn die Entwicklerkonferenz WWDC diese Woche für wenig Impulse sorgte.) Tatsächlich feuert Apple aus allen Rohren. Zwischen Anfang Januar und Ende März legten die Umsätze um gleich 54 Prozent von 58,31 auf bereits 89,59 Milliarden Dollar zu und lagen damit sehr deutlich über den Konsensschätzungen der Wall Street.

Es waren die höchsten Umsätze, die Apple jemals im ersten Kalenderquartal eines Jahres, das bereits dem zweiten Quartal des neuen Fiskaljahres entspricht, eingefahren hat. Der Nettogewinn zog unterdessen noch weitaus explosiver an – er wurde nämlich mehr als verdoppelt! Nach 11,25 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal konnte der Techpionier nunmehr bereits 23,63 Milliarden Dollar einfahren – ein spektakuläres Plus von 110 Prozent

Jede Konzernunit befindet sich im zweistelligen Wachstumsmodus: Die iPhone-Sparte legte zuletzt um 65 Prozent zu, das Mac-Segment um 70 Prozent, das iPad-Geschäft gar um 79 Prozent. Auch die jüngeren Hoffnungsträger Wearables und Services wuchsen mit 27 bzw. 24 Prozent weiter respektabel.   

Was läuft also schief bei Apple? Fundamental nichts. Was läuft schief bei der Apple-Aktie, dass die Anteilsscheine nach knapp der Hälfte des Jahres 2021 nicht vom Fleck kommen bzw. gar fallen?

Die Antwort liegt im vergangenen Jahr. Mitten in der Corona-Pandemie, in der Apples Zuwächse mit einem Umsatzplus von 5,5 Prozent und einem Mini-Gewinnplus von weniger als 4 Prozent vollkommen unspektakulär ausfielen, legte die Aktie zu, als hätte Tim Cook ein neues Produkt in der Güteklasse des iPhones erfunden. Die Anteilsscheine legten von Anfang Januar bis Ende 2020 um sage und schreibe 83 Prozent zu, trotz des Corona-Crashs im Frühjahr, als die Aktie mehr als ein Drittel an Wert verlor. Und mehr noch: Bereits 2019 hatte Apple 89 Prozent an Wert gewonnen, obwohl sich Apples Geschäfte gar rückläufig entwickelt hatten – der Umsatz sank um 2 Prozent während der Nettogewinn um 7 Prozent nachgegeben hatte.

Die eigentliche Überraschung hat sich somit in den vergangenen Jahren ereignet, nicht in den letzten sechs Monaten. Dass Apple gegen jede Rechtfertigung des Geschäftswachstums gleich zwei Jahre  hintereinander an der Wall Street die größten Kurszuwächse seit den Nullerjahren verbucht hat, in denen bekanntlich das iPhone und iPod erfunden und das iPad entwickelt wurde, war eine Anomalie, die wohl nur ein- oder zweimal in einer Dekade vorkommt. Chapeau, wer sie genutzt hat.

Nach der exzessivsten Party seit einem Jahrzehnt scheint die Börse nun zumindest bei den GAFAMs in diesem Jahr damit zu beginnen, wieder Realismus walten zu lassen. Nichtsdestotrotz: Nach fundamentalen Kriterien ist Apple mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 weiterhin historisch hoch bewertet. Auf der Basis der aktuellen Bewertung preisen Anleger zumindest in den nächsten Zwölf Monaten weiter strammes Wachstum ein. Bleibt es aus, drohen neue Enttäuschungen. Entsprechend droht 2021 für Apple-Aktionäre vollkommen gegen die Geschäftsentwicklung zu einem Non-Event wenn  nicht gar Verlustbringer zu werden, weil die enormen Kursgewinne der Vorjahre verdaut werden müssen. 

Erfolgsverwöhnte Apple-Aktionäre sind damit auf der Kehrseite der Wall Street angekommen: Selbst der am meisten bewunderte, schillerndste und am höchsten bewertete Konzern der Welt kann an der Börse eine Weile schlechter performen als die langweiligsten Unternehmen der vermeintlich alten Wirtschaft.   

+++ Short Tech Reads +++

Was fängt Jeff Bezos in seinem neuen Leben nach 27 Jahren als Amazon-CEO an? Die Antwort hat der 57 Jährige schnell gefunden: Bezos erfüllt sich einen Kindheitstraum und wird auf dem ersten bemannten Flug seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin höchst persönlich mitfliegen – und zwar bereits in gut einem Monat, am 20. Juli. 

Das möglicherweise ungute Gefühl manchen Amazon-Aktionärs – denn schließlich will Bezos in der Zukunft ja noch jede Menge Projekte in anderer Funktion anschieben – vor dem Jungfernflug ins All formulierte der AI-Experte John Carmack auf Twitter.   

Market Insider: Alphabet überholt Amazon als wertvollsten Internetkonzern 

Apropos Amazon: In der vorvergangenen Woche musste Jeff Bezos bereits kurzfristig den Verlust des Spitzenplatzes als reichster Mann der Welt verkraften – der Franzose Bernard Arnault, Gründer des Luxusgüter-Konzerns LVMH, hat mit einem Vermögen von über 192 Milliarden Dollar den Thron der Superreichen bestiegen.

Auch auf Unternehmensebene muss Bezos anderen inzwischen den Vortritt lassen. Zu Wochenbeginn überholte tatsächlich Alphabet nach Jahren Amazon als wertvollsten Internetkonzern der Welt. Während Amazon mit Apple 2021 das Schicksal einer bislang negativen Börsenperformance teilt, bescherte Alphabet seinen Anteilseignern seit Januar Zuwächse von sage und schreibe 41 Prozent. Beide Börsenwerte liegen bei über 1,6 Billionen Dollar.    

NYT: Tausende pilgern ins Bitcoin-Wunderland Miami 

Die größte Bitcoin-Konferenz aller Zeiten fand am vergangenen Wochenende in Miami, Florida statt. Es war die erwartet große Pilgerreise für Kryptofans und -apologeten. Die Winklevoss-Brüder erklärten heutige Bitcoin-Besitzer zu den Millionären der Zukunft, Twitter- und Square-Gründer Jack Dorsey erklärte, es gebe in seiner Lebenszeit nichts Wichtigeres als Bitcoin – und der seit Monaten zusammengeprügelte Bitcoin-Kurs verlor weiter kräftig an Wert, was Bitcoin-Basher Peter Schiff mit Schadenfreude und immer tieferen Kurszielen auf Twitter kommentierte. 

Randnotiz: Es war die erste Techkonferenz seit dem Corona-Ausbruch, bei der wieder Tausende Menschen zusammentrafen, als hätte es Covid-19 nicht gegeben – die niedrigen Fallzahlen in Miami machen’s möglich. 

+++One more Thing: Haben Apple-Mitarbeiter ein Luxusproblem? +++

Und noch mal Apple. Stellen Sie sich vor, Sie verdienen im Jahr 175.000 Dollar und mehr. Sie kommen zur Arbeit – und zwar in einen der modernsten Bürokomplexe der Welt im Raumschiff-Design, bekommen kostenloses Mittagessen, Snacks und sonstige Goodies – und müssen nach dem Ende der Corona-Pandemie auch nur noch dreimal in der Woche persönlich im Büro erscheinen. Klingt gut?

Nicht für einige Apple-Mitarbeiter, die sich in einem Brief an CEO Tim Cook gegen die Rückkehr zur Präsenzpflicht ausgesprochen haben. Luxusproblem? Für 99 Prozent der arbeitenden Bevölkerung vermutlich.         

Ich kann das Aufbegehren indes gut verstehen. Wenn wir eines aus den inzwischen 16 Monaten der Corona-Zeit gelernt haben sollten, dann das: Das Leben ist vermutlich kürzer als man denkt und eine Work-Life-Balance mehr als ein Hygge-Modewort. Die Ära des Mad Men-Bürolebens ist Geschichte, leben wir im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts also eine smartere und achtsamere Form der Arbeit. In diesem Sinne: Schöne Sommertage zwischen Home-Office und Strand.

Cheers + bis nächste Woche!

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