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Wochenrückblick

Was vom Interview mit Claas Relotius übrig bleibt

Das Claas-Relotius-Interview in „Reportagen“ wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Lesenswert ist es trotzdem. Sat.1 schwört dem Reality-TV ab. Und Vorsicht ist angebracht: Wenn „Party-Urologen“ zur Hafenrundfahrt laden, kann es teuer und unangenehm werden. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Er ist wieder da: Claas Relotius hat dem Schweizer Magazin „Reportagen“, das er einst mit gefälschten Reportagen reinlegte, ein Groß-Interview gegeben. Dass er überhaupt ein Interview gibt, finde ich schon überraschend und dann noch ein 90-Fragen-Monstrum. Darunter geht es bei einem Fall von seiner Komplexität wohl nicht. Jeder, der sich für Medien interessiert, sollte das Stück lesen. Es ist mega interessant, obwohl es mehr Fragen hinterlässt als beantwortet. Relotius zeichnet im Interview das Bild von sich selbst als psychisch krankem Menschen, der das „rauschhafte“ Schreiben als Selbst-Therapie nutzte. Das Interview ist wie Relotius selbst voller Widersprüche. Er sagt an einer Stelle, seine Fälschungen seien nicht mit psychiatrischen Begriffen zu erklären und tut doch genau das. Er lobt seine früheren Kollegen beim „Spiegel“ als tadellose, aufrichtige Journalisten und bezeichnet seine Fälschungen als derart offensichtlich, dass man sich fragt, warum das niemandem beim „Spiegel“ auffallen konnte. Er dankt Juan Moreno, der den Fälschungsskandal enthüllt hat, und lässt schwerste Vorwürfe gegen die Lauterkeit Morenos und dessen Buch im Raum stehen. Am Ende der Lektüre wird man immer noch nicht schlau aus Claas Relotius. Man weiß auch nicht, ob und wo er die Wahrheit sagt oder ob vieles oder alles schon wieder nur zusammenkonstruiert ist. Relotius wird damit leben müssen, dass man ihm nicht mehr glauben kann. Bezeichnend sind ein paar Stellen im Interview, in denen er erläutert, warum er sich bei der ganzen Fälscherei nie schuldig gefühlt hat:

„Ich habe in der unverrückbaren Überzeugung geschrieben, es würde bei der Erzählform Reportage keinen Unterschied machen, ob alles 1:1 der Realität entspricht oder nicht. Als seien Reportagen ohnehin nie Tatsachenberichte, sondern immer Geschichten, also verdichtete, konstruierte Wirklichkeiten, und als ginge es in erster Linie darum, Leserinnen und Lesern ein Thema so nahe wie möglich zu bringen.“

Das hat Elke Lehrenkrauss, die Autorin des gefälschten Dokumentarfilms „Lovemobil“ ganz ähnlich formuliert. Abgesehen von eventuellen Krankheitsbildern: Wer „Geschichten“ erzählen will, sollte sich vielleicht einen anderen Job suchen als Journalist oder Dokumentarfilmer.

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Sat.1 beerdigt nicht nur das Voyeurismus-Format „Plötzlich arm, plötzlich reich“, sondern auch die Trash-Show „Promis unter Palmen“. RTL dagegen werkelt fleißig an einer Neuauflage vom „Sommerhaus der Stars“. In Bocholt wurde schon das Garten-Mobiliar aufgestellt. Bei der vergangenen Auflage gab es mächtig Ärger, weil die Show in ein Hass- und Mobbing-Festival ausartete. Wie der „Bild“ zu entnehmen ist (€), sollen Teilnehmer, die rumpöbeln, in der Neuauflage sofort entfernt werden. Da könnte es unter Umständen recht schnell recht leer werden im Sommerhaus. Für den anvisierten Imagewechsel des Senders wäre es auch für RTL konsequenter, künftig ganz auf solche Formate zu verzichten. Wäre da nicht die Sache mit der Einschaltquote …

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Hier noch ein Twitter-Fundstück:

„Party-Urologen“, „teure Hafenrundfahrt“, „quacksalberische Beutelschneider“, „Bierlaune mit Folgen“. Klingt wie „Hangover – die Uro-Edition“.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ natürlich das große Relotius-Interview. Außerdem widmen wir uns den Folgen, die der Ikke-Hüftgold-Skandal fürs Privat-TV haben könnte. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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