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Die GAFA-Kolumne

AMC und GameStop reloaded: Die Rückkehr der Glücksritter

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Das Casino nimmt wieder Wetten an. Wie der Phönix aus der Asche sind in den vergangenen Wochen zwei altbekannte Zockeraktien erneut in die Höhe geschossen: GameStop und AMC. Hintergrund ist erneut das Reddit-Forum „Wall Street Bets“. Hört der Wahnsinn nie auf?

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Investieren Sie noch oder zocken Sie fröhlich (weiter)? Das ist die Frage, die sich Anleger 2021 wohl des Öfteren gestellt haben – nicht zuletzt angesichts exorbitanter oder ausbleibender Renditen.

Da sind auf der einen Seite Big Tech-Qualitätsunternehmen wie Apple und Amazon, die Aktionären in den ersten fünf Monaten des Jahres sogar Verluste beschert haben, die nichts mit dem Kerngeschäft, sondern der hohen Bewertung zu tun haben. 

Astronomische Kurszuwächse sind dagegen erneut bei zwei Unternehmen zu beobachten, denen es fundamental nicht besonders gut geht –  dem Computerspiele-Händler GameStop und der angeschlagenen Kinokette AMC.

GameStop und AMC? Da war doch was. Schon zu Jahresbeginn schossen zwei der unwahrscheinlichsten Kandidaten durch die Decke, als wäre es noch einmal 1999. Von 17 Dollar auf in der Spitze knapp 500 Dollar schoss der Kurs von GameStop in die Höhe, bevor der absehbare Kollaps folgte, der etwas von einer Spekulationsblase wie der Tulpenzwiebelmanie im Zeitraffer hatte. Bei der Kinokette AMC verhielt es sich in den ersten Wochen des Jahres ähnlich: Vom Startniveau bei 2 Dollar ging es in der Spitze auf 20 Dollar empor, ehe die Börsenparty ein schnelles Ende fand.

Der Ausgangspunkt der Rallye war indes nicht fundamentaler, sondern höchst spekulativer Natur. Im Reddit-Forum „Wall Street Bets“ diskutieren(Klein-)Anleger seit Jahren die Chancen spekulativer Aktien, um die ein oder andere entsteht ein Hype, Käufe befeuern neue Käufe, der Hype wird größer und erreicht irgendwann größere Aufmerksamkeit, die Kurse schießen in astronomische Höhen, bis das Kartenhaus bald wieder in sich zusammenbricht.    

Der GameStop- und AMC-Mania lag dabei eine nicht vollkommen abwegige Wette (die Betonung liegt allerdings auf Wette) zugrunde. Sie geht folgendermaßen: Die am meisten leerverkauften Aktien (Anteilsscheine, bei denen Anleger auf fallende Kurse setzen) zu identifizieren und einen sogenannten „Shortsqueeze“ zu erzwingen (das Glattstellen der „Shorts“).

Es ist, verkürzt dargestellt, der Versuch, Hedgefonds mit eigenen Waffen zu schlagen – ein hoch riskantes, spekulatives Unterfangen, das aber eine neue Qualität als Zockerei im Dunklen besitzt: nämlich die Macht von Social Media. Zählte „Wall Street Bets“ vor einer Woche noch gut zwei Millionen Mitglieder, sind es heute bereits acht Millionen, die Gewinne als „Tendies“ und hartgesottene Langzeitanleger als „Diamond Hands“ feiern.

GameStop ist das Symptom hinter einer möglichen Zeitenwende in der Finanzszene, die durch eine neue, junge Anlegergeneration, die kurz entschlossen am Smartphone tradet, vor der Disruption steht. Donald Trumps früherer Kommunikationsberater Anthony Scaramucci spricht bereits von der „französischen Revolution des Investierens“.

Allein: Die Revolution schien dann doch schnell wieder auszufallen. Schon wenige Wochen später sackte GameStop- und AMC-Mania in sich zusammen wie ein Souflé. Wie gewonen, so zerronnen, dachte man.

Doch schon einen Monat später probten die Redditors erneut den Aufstand.  Bereits Mitte März hatten sich die Kurse von GameStop nach einem 90-prozentigen Absturz schon wieder verfünffacht und der von AMC nach einem 75-prozentigen Crash verdreifacht. 

Dabei hätte man die Anomalie, die es so oft in der Börsenhistorie gegeben hat, bewenden lassen können, wenn die sogenannten „Memaktien“ nicht noch einen Plot-Twist bereithielten, der sich in den vergangenen Tagen ereignete.

Bei auch schon wieder über 260 Dollar notierte die GameStop-Aktie in der vergangenen Woche auf dem höchsten Kurs seit den Kursexzessen von Anfang Februar – und damit „nur“ noch knapp 50 Prozent unter den einstigen Höchstkursen.

Noch deutlich fortgeschrittener ist das Comeback von AMC: Die Kinokette schoss zu Wochenbeginn gar auf neue Allzeithochs, die gestern um weitere 22 Prozent auf Kurse von nunmehr 32 Dollar ausgebaut wurden. Im heutigen Handelsverlauf trieben Zocker die Aktie gar noch mal um 100 Prozent auf über 60 Dollar nach oben!

Wo die Fahnenstange der Memaktien diesmal erreicht ist, erscheint vollkommen offen. Fest steht nur: Der Zirkus ist zurück in der Stadt – und der Hunger nach ein bisschen Nervenkitzel mit hoch spekulativen Aktien besonders bei jungen Anlegern mit einem Smartphone offenbar ungebremst. Wie hieß es doch früher im Werbefernsehen unserer Kindheit: Don’t try this at home…

+++ Short Tech Reads +++ 

CNBC: Jeff Bezos verlässt Amazon in fünf Wochen 

Das Ende ist nah – sogar näher als erwartet. Dass Jeff Bezos Amazon als CEO verlassen würde, wissen Aktionäre und Mitarbeiter bereits seit Anfang Februar. Seinerzeit hieß es jedoch, Bezos wolle irgendwann im dritten Quartal den Chefsessel räumen, nun scheint es der 57-Jährige doch etwas eiliger zu haben. Bereits zum 5. Juli, also ein paar Tage nach Anbruch des dritten Quartals, wird Andy Jassy schon neuer Amazon-CEO sein. Verstehen kann man Bezos ja: Wer möchte zum Sommerbeginn nicht sofort in den Urlaub?

CNN: Bitcoin verbucht schlechtesten Monat seit einer Dekade 

Apropos Casino: Was hochfliegt…. Sie wissen schon. Der Bitcoin, großes Thema der letzten beiden Kolumnen, ist auch in den vergangenen Tagen weiter zurückgefallen und hat mit Verlusten von 37 Prozent im Mai den schlechtesten Monat seit einem Jahrzehnt verbucht. Der Fear-Greed-Index zeigt aktuell die größten Panik-Ausschläge seit dem Corona-Crash 2020 – wer weiß, vielleicht ein Kontraindikator…  

+++ One more Thing:  Michael Burry strickt mit Facebook und Alphabet weiter an seiner Trading-Legende +++

Dass Michael J. Burry einer der smartesten Köpfe der Wall Street ist, wissen seit 2015 selbst Millionen Kinozuschauer. Der Hedgefondsmanager wettete in den Nullerjahren, legendär auf der Leinwand von Christian Bale in Szene gesetzt, bekanntlich auf den Kollaps des amerikanischen Immobilienmarktes und die damit verbundenen Schrottanleihen.

Dass Burry auch lange nach seiner Hollywoodkarriere weiter ein schier untrügliches Gespür für den Fluss des Geldes hat, bewies der heute 49-Jährige im vergangenen Jahr: Burry wettete erst auf den Aufstieg, dann auf den Absturz von Tesla. Beide Hochrisikowetten mit Optionen gingen spektakulär auf.

Neuestes Spekulationsobjekt sind nun zwei Big Tech-Stars: Alphabet und Facebook. Per Ende März hielt Burry Long-Positionen in Höhe von 161 Millionen bzw. 165 Millionen Dollar in den beiden Internetstars. Monate später ist klar: Burry lag schon wieder goldrichtig.

Die nach Amazon zweit- und drittwertvollsten Konzerne des Internetsektors stellten in der vergangenen Woche neue Allzeithochs auf, während sich Tech- und Internetaktien seit Monaten eher volatil seitwärts bewegten. Merke Regel Nummer eins: Nicht gegen Burry wetten. Regel Nummer zwei: Nicht Regel Nummer eins vergessen.

Cheers + bis nächste Woche!

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