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Wochenrückblick

Wie die „Bild“ von der Veröffentlichung der Drosten-Studie „überrascht“ wurde

Die „Bild“ hat schlechtes Timing bei einem Drosten-Artikel. Der Stimmungssänger Ikke Hüftgold legt sich mit Sat.1 an. Joko & Klaas 15 Minuten Sendezeit zu schenken, erweist sich für ProSieben als Gold-Idee. Und der „Freitag“ protokolliert den Bedeutungsverlust von Gruner + Jahr. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die „Bild“ veröffentlichte diese Woche einen Artikel über die Viruslast-Studie der Berliner Charité unter maßgeblicher Beteiligung von Prof. Christian Drosten. Wir erinnern uns: Vor rund einem Jahr gab es mächtig Zoff, weil die „Bild“ von Drosten mit einer unangemessen kurzen Frist eine Stellungnahme zu kritischen Anmerkungen zu der damals im Vor-Veröffentlichungsstadium befindlichen Studie verlangte. Drosten machte die freche Anfrage öffentlich und schrieb den Satz „Ich habe Besseres zu tun“, mittlerweile eine geflügeltes Wort. Am Dienstag nun titelte „Bild.de“: „Nach Riesen-Debatte 2020 um Schulschließungen – Drosten-Studie immer noch nicht veröffentlicht“. Der Text rekapitulierte die Vorgänge aus „Bild“-Sicht und zwischen den Zeilen konnte man herauslesen, dass hier Zweifel geschürt wurden, ob die lange Zeit der Begutachtung der Studie nicht etwas zu bedeuten hätte … Dummerweise wurde die massiv erweiterte Studie dann kurz nach Veröffentlichung des „Bild“-Stücks im renommierten Magazin „Science“ veröffentlicht. „Bild“ textete schnell um: „Nach acht Monaten Begutachtung – Drosten-Studie ‚überraschend‘ veröffentlicht„.

Im Journalismus muss man immer so schreiben, dass man mit minimalen Wort-Umstellungen quasi das Gegenteil ausdrücken kann.

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Für reichlich Medien-Schlagzeilen sorgte diese Woche Ballermann-Stimmungssänger Ikke Hüftgold (bürgerlich: Matthias Distel). Er brach den Dreh zu einer Folge des Reality-Trash-Formats „Plötzlich arm, plötzlich reich“ für Sat.1 ab, weil er dort – wie er sagt – Zeuge wurde, wie das Kindeswohl massiv missachtet worden sei. Kinder der „Tauschfamilie“ hätten sich erkennbar in psychiatrischer Behandlung befunden, Verhaltensauffälligkeiten gezeigt und seien „schwer traumatisiert“ gewesen. Hüftgold brach den Dreh ab und machte seine Beobachtungen öffentlich. In einem Instagram-Video und einem Statement auf seiner Website erhob er schwere Vorwürfe gegen den Sender und die Produktionsfirma, sprach von einer „Quotenjagd auf dem Rücken missbrauchter Kinder“. Später erstattete er gegen Sat.1 und die Produktionsfirma Imago TV sogar Strafanzeige. Der Sender und die Produzenten weisen die Vorwürfe Hüftgolds zurück, die Produktionsfirma fordert sogar Unterlassung. Ich frage mich: Was wäre passiert, wenn Hüftgold/Distel die Klappe gehalten und weitergedreht hätte? Hätten wir dann demnächst die Folge „Plötzlich arm, plötzlich reich“ mit den traumatisierten Kindern gesehen? Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Bei den sehr präsenten Trash-Reality-Formaten, mit den vor allem RTL2 das Abendprogramm pflastert, ist es doch häufig mehr als fraglich, ob es für die Protagonisten empfehlenswert ist, dass sie im TV ausgestellt werden. Mal ganz vorsichtig gesprochen …

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Vielleicht kann der neue Sat.1-Chef Daniel Rosemann da ja was machen. Nachdem Rosemann ProSieben im Eiltempo eine Seriositäts-Kur verabreicht hat, kann er vielleicht mal eben auch Sat.1 aus dem Sumpf ziehen. An dem Job sind allerdings schon einige vor ihm gescheitert. Bei ProSieben dagegen läuft es. Die Kanzlerkandidaten-Interviews wurden weitgehend freundlich besprochen. Und den beiden Entertainern Joko & Klaas nach Gewinn der „Joko & Klaas gegen ProSieben“-Show eine Viertelstunde Sendezeit zur Primetime zu „schenken“, war vermutlich die beste Idee, die man beim Sender seit langer Zeit hatte. Regelmäßig nutzen die beiden die Aufmerksamkeit, um sperrige, relevante oder auch mal Gaga-Inhalte („Klaas-Denkmal“) einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Für die Folge „Männerwelten“, in der Moderatorin Sophie Passmann Alltagssexismus in Form einer fiktiven Ausstellung präsentierte, gab es jetzt sogar Preise satt. Einmal den Grimme-Preis und jetzt auch noch den Sonderpreis beim Nannen-Preis. Für die acht Stunden lange Pflege-Doku von neulich kann man schon mal Platz auf dem Regal für weiteren Auszeichnungen freihalten.

Falls es Rosemann gelingen sollte, Sat.1 wieder zu revitalisieren, wäre das sicher auch preisverdächtig.

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Der Nannen-Preis wird kommende Woche als Online-„Event“ verliehen. Früher feierte man sich und die Branche selbstbewusst mit einer pompösen Gala im Hamburger Schauspielhaus. Dann fiel die Verleihung irgendwann mal ganz aus, später kam die Verleihung deutlich abgespeckt im Curio-Haus zurück. Jetzt gibt’s halt noch ein Online-„Event“. Das ist natürlich der Pandemie geschuldet aber die Entwicklung des Nannen-Preises ist so ein bisschen auch Sinnbild des Bedeutungsverlustes von Gruner + Jahr. Wer eine Chronologie dieses Bedeutungsverlustes lesen will, dem sei dieses Stück des früheren „Geo“-Reporters Wolfgang Michal aus dem „Freitag“ empfohlen. Ich wurde jetzt erst durch den Facebook-Feed von Franz Sommerfeld darauf aufmerksam. Ich teile nicht jede Beobachtung Michals – in Summe gibt der Artikel die Entwicklung aber ganz korrekt wieder, denke ich.

Schönes Wochenende!

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