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Protest wegen Klimaberichterstattung

Klimawandel in den Medien: Gefühlte Wahrheiten bei Extinction Rebellion

Aktivisten von Extinction Rebellion haben ihre Hände mit Klebstoff auf den Empfangstresen des BR geklebt – Foto: dpa

In einer offenkundig abgesprochenen Aktion haben Aktivisten der Umweltbewegung Extinction Rebellion am Donnerstag vor mehreren Medienhäusern gegen deren Klimaberichterstattung protestiert. Die Generalkritik der Gruppe erinnert an den „Lügenpresse“-Vorwurf.

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Stilkritik taugt nur begrenzt, um Sinn und Unsinn eines Protests zu bewerten. Denn freilich geht es um den höheren Zweck: eine bessere Gesellschaft, eine gerechtere. Und der Zweck heiligt bisweilen eben auch die Mittel. Insofern kann man fast froh sein, dass sich die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion bei ihren gestrigen Aktionen gegen die deutsche Presselandschaft – die offenkundig abgesprochen vor mehreren Medienhäusern stattfanden – auf vergleichsweise harmlose Protest-Mittel verständigt haben, darunter nackte Brüste und Sekundenkleber

Die Proteste der Klima-Aktivisten gegen Medien erinnern an „Lügenpresse“-Vorwürfe, meint MEEDIA-Redakteur Ben Krischke.

Manche zogen sich aus, um gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Klima-Berichterstattung zu protestieren, andere – etwa beim Bayerischen Rundfunk – klebten ihre Hände am Tresen fest. Aktionen wie diese liefern erstmal guten Stoff für gute Pointen. Sie sorgen aber auch dafür, sich ins Gespräch zu bringen, ohne groß irgendeinen Zorn auf sich zu ziehen. Außer den des Hausmeisters vielleicht, der die Festgeklebten beim BR wieder lösen musste. Aber da ist nichts Genaues überliefert.

Klimawandel in Pandemiezeiten

Einerseits kann ich den Unmut der Aktivisten verstehen. Schließlich haben sie sich den zweifellos wichtigen Kampf gegen den Klimawandel zur Lebensaufgabe gemacht. Und es ist ja schon so, dass das Themenspektrum in Pandemie-Zeiten weniger breit ist, als davor und auch weniger breit, als es danach wieder sein wird. Da kam aber nicht nur der Klimawandel zu kurz. Wie ist eigentlich die Lage in Syrien? Wie geht es den Menschen in Moria? Gibt es „Black Lives Matter“ noch? Und haben die eigentlich diese Wirecard-Typen gefunden? Was ich sicher weiß, ist dies: Der Inzidenzwert in München lag zuletzt unter 35.

Der Unmut geht also in Ordnung. Weniger in Ordnung ist allerdings die Generalkritik, die sich bei den diversen Protesten entladen hat. Beispielsweise der Vorwurf, „die Medien“ würden „kaum oder falsch über Klimakrise und Artensterben“ berichten, wie es in einem Tweet der München-Fraktion von Extinction Rebellion hieß. Die Gruppe hatte stille Verkäufer mit Klima-Schlagzeilen verschönert. Ihre Aktion war zwar speziell gegen die „tz“, die „Bild“, die „Abendzeitung“ und den „Münchner Merkur“ gerichtet, der Tenor aber war bundesweit der gleiche. Die Medien berichten zu wenig oder falsch über den Klimawandel? Woran erinnert uns das noch gleich? Ach ja, an den guten, alten “Lügenpresse”-Vorwurf. 

Ist das nun „Wahrheit“ oder nur „gefühlte Wahrheit“, was Extinction Rebellion behauptet? Vieles deutet auf Zweites hin. Denn Belege für ihre Generalkritik lieferte die Gruppe keine. Kann sie auch nicht. Denn während man „falsche“ Berichterstattung noch einigermaßen belegen könnte, wird’s bei „kaum“ schon deutlich schwieriger. Was soll das für eine Berichterstattung sein, die „kaum“ geschieht? Und wie viel Klimaberichterstattung ist „kaum“, „regelmäßig“ oder „genug“? Gerne wette ich mein letztes Bahnticket darauf, dass Greta Thunberg längst bekannter ist als der Papst. Das will doch was heißen, oder?

Gleichwohl habe ich eine kleine Stichprobe gemacht: Wer bei der Artikelsuche auf „merkur.de“ – also der Online-Seite des „Münchner Merkur“ – „Klimawandel“ eingibt, erhält, Stand gestern, 5.942 Ergebnisse. Die „Bild“ titelte vor wenigen Tagen erst „Arktis erwärmt sich noch schneller als gedacht!“. Beim BR wiederum gingen am 25. Mai gleich zwei Beiträge online, die sich mit Klimawandel und Artensterben beschäftigen. Einer über „Insektenschutz in Würzburg“, der andere erzählt von der „bedrohten Esche“. Es gibt sogar eine aktuelle Themenwoche in der ARD: „Unser Planet“ heißt sie. Den ersten Teil der 90-minütigen Dokumentation „Klimawandel in Zahlen“ kann man noch bis 2. Juni in der Mediathek angucken. Hoffen wir, dass bis dahin keiner mehr am Tresen klebt. 

mit dpa

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