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Die GAFA-Kolumne

Bitcoin-Mania: Der Aufstieg und Fall eines Kult-Tech-Investments

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es ist das perfekte Drama: Bitcoin – und kein Ende. Nach fast vier Monaten in Überschallgeschwindigkeit wird die Kryptowährung nun doch von unzähligen Mahnungen eingeholt – der Kurs ging zuletzt in den freien Fall und halbierte sich binnen Tagen. Big Tech bleibt beim Bitcoin auffällig zurückhaltend.

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Na, haben Sie in den letzten Wochen mit Bitcoin gezockt? Oder schön auf der Couch mit Schadenfreude frohlockt, dass die obskure Webwährung nach einem Traumlauf, der zu gut war, um wahr zu sein, nun endlich so richtig krachend zusammenbricht? 

Genau das ist in den vergangenen zwei Wochen nämlich passiert, wie wohl fast jeder Tech-Interessierte mitbekommen hat. Der Bitcoin ist nicht eingebrochen, er ist regelrecht kollabiert.  Notierte die wertvollste Kryptowährung der Welt noch Mitte April bei Rekordhochs von knapp 65.000 Dollar, waren es nun in der vergangenen Woche phasenweise kaum mehr 30.000 Dollar, ehe Schnäppchenjäger für eine moderate Kurserholung sorgten. Vor allem die letzte Woche von Elon Musk beschriebenen Twitter-Eskapaden haben dem Bitcoin-Kurs einen heftigen Schlag versetzt und rund um den Globus einen regelrechten Glaubenskrieg ausgelöst.   

Auf der einen Seite stehen die Unerschütterlichen, die Hodler, die auch im Crash von in der Spitze 53 Prozent nicht mehr als eine normale Korrektur sehen. Auf der anderen Seite die Kassandrarufer, die den Untergang des Bitcoin beschwören, der keinen inneren Wert habe und damit im schlimmsten Fall Richtung null tendieren könne. 

Das Ausmaß des Absturzes ist fast genauso rasend wie der vorangegangene Aufstieg. In anderen Worten: Es ist das perfekte Drama.  In den knapp 25 Jahren, in denen ich die Börse nun aktiv verfolge, habe ich ein solches Tauziehen um ein Investmentvehikel noch nie gesehen. 

Natürlich ist der Bitcoin Spekulation, natürlich ist ein Chart, der von 4000 auf 65000 Dollar emporschießt eine gigantische Blase. Aber waren die letzten Bitcoin-Käufer in der Nähe des Tops deswegen so fahrlässig wie Teilnehmer eines Hütchenspiels? 

So einfach ist es nicht. Knapp vier Monate ist es her, dass ich an dieser Stelle die Argumente für Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie beschrieben habe. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass sowohl die Finanzindustrie als auch das Finanzwesen als auch am Ende die tradierten Zahlungsmittel, besser bekannt als das FIAT-Geld, vor einer Disruption stehen dürften. Ob Bitcoin oder Ether oder eine andere, möglicherweise noch zu erfindende Kryptowährung darauf die Antwort sein werden, ist heute vollkommen offen.

Doch der Reihe nach. Was die Finanzindustrie angeht, weisen Anbieter wie PayPal seit Jahren den Weg. Geld muss schneller und nutzerfreundlicher zu transferieren sein als wir es vor allem im eingestaubten deutschen Bankensystem gewohnt sind – es gibt bis heute Überweisungen, die kommen erst Tage später beim Empfänger an. Viele Fintechs zeigen hier, was möglich ist.

Beim Finanzwesen wird die Sache komplizierter. Der aktuelle Status quo – das zentralisierte Finanzsystem – ist politisch fest verankert. Die EZB in Europa und Fed in den USA sind die Herren des Geldes, die mit ihrer Zinspolitik ganz maßgeblich über unser Leben bestimmen, ohne dass der Großteil der Bevölkerung davon überhaupt etwas mitbekommt. Ließen die Notenbanker die Zügel locker, wäre der Weg zur monetären Anarchie frei – also zum dezentralisierten Prinzip, auf das Bitcoiner setzen. Man muss kein Prophet sein, um maximalen staatlichen Widerstand gegen den Siegeszug der Kryptos zu prognostizieren, manche Staaten wie China machen aktuell bereits teilweise Ernst. 

Entsprechend schwer dürften es die aktuell bekannten Kryptowährungen haben, als Zahlungsmittel Akzeptanz zu finden – der konzertierte Launch eines digitalen Yuans, Dollars oder Euros erscheint absehbar. Allein: Über den Wert entscheiden die Marktteilnehmer selber.

An dieser Stelle hellt sich das Bild für den Bitcoin und andere Kryptowährungen auf, denn am Ende sind es die Kräfte Gier und Panik, die den Wert von Börseninvestments – soweit frei handelbar – bestimmen. Und hier gehen aktuell nicht nur an den Kryptomärkten die Gäule durch.

Auch auf Twitter hat man die großen Akteure der Techszene und Popkultur selten so entfesselt gesehen.  Da sind etwa die Fürsprecher, die den Wert und das Potenzial von Bitcoin und Co. mit teilweise sechsstelligen Kurszielen einpreisen – von den Winklevoss-Brüdern über Microstrategy-CEO und Bitcoin-Großinvestor Michael Saylor, die Fondsmanagerin Cathie Wood (Kursziel: 500.000 Dollar!), bis hin zum früheren TechCrunch-Gründer Michael Arrington oder etwa den kurzzeitigen Trump-Kommunikationschef Anthony Scaramucci oder sogar Football-Superstar Tom Brady.   

Die Skeptiker werden unterdessen angeführt von Wall Street-Legende Warren Buffet und Charlie Munger oder Fondsmanager Peter Schiff. 

Selbst Dallas Mavericks-Eigentümer Mark Cuban, eigentlich ein Bitcoin-Believer, scheint inzwischen  Bammel zu bekommen.

Mittendrin befindet sich wieder einmal Elon Musk, der sich nicht entscheiden kann, ob er Bitcoin-Fan oder genervt von der Kryptoszene ist, am Ende aber Blockchain den Zuschlag gibt – nicht zuletzt, weil sein Bitcoin-Milliardeninvestment kurzfristig unter Wasser stand.  

Auffällig: Mit Ausnahme von Musk halten sich die großen Big Tech-Entscheider mit Äußerungen und Investments zurück. Lediglich Square-CEO Jack Dorsey investierte eine dreistellige Millionen-Dollar-Summe und erklärte, „Bitcoin verändert alles zum Besseren.“  

Von Tim Cook, Jeff Bezos, Sundar Pinchai, Satya Nadella und auch Mark Zuckerberg indes: Schweigen. Überliefert ist zumindest, dass der Facebook-Chef seine Hausziege „Bitcoin“ taufte…  Ein Nerdwitz, den nicht jeder verstehen muss…  

Wie die Sache nun ausgehen wird? Unmöglich zu sagen, aber die Gesamtgemengelage hat sich für Bitcoin-Fans ziemlich eingetrübt, wie ich in einigen Tweets versucht habe, charttechnisch zu erklären. Es ging eigentlich zu schnell und zu massiv nach unten, um den jüngsten Crash noch als normale Korrektur abzutun. 

Doch selbst an dieser Stelle bleiben den Bitcoin-Bullen Argumente, die ausgerechnet von einem anderen hochgradig spekulativen Investment kommen. Erinnern Sie sich noch an Gamestop? Im Februar von einer Reddit-Meute in schier unglaubliche Höhen gezockt, dann wie in der Tulpenmanie um mehr als 90 Prozent eingebrochen, erlebt die Mem-Aktie seit Februar ein stufenweise Comeback und hat inzwischen schon fast wieder 50 Prozent des früheren Wertes zurückerobert. 

Bei allem Wechselspiel zwischen Euphorie und Angst, Aufstieg und Fall, sollte man die Langlebigkeit eines Kults nicht unterschätzen. Nicht ausgeschlossen also, dass der Bitcoin weiter kollabiert, um dann wieder wie der Phönix aus der Asche zu steigen. Fest steht wohl nur: Krypto ist nicht für jeden…

+++ Short Tech Reads +++

AppleInsider: Expedia attackiert Apple für AppStore-Gebühr

Tim Cook und die Kunst des Nichtssagens: Im spannungsgeladenen Epic-Prozess lief der Apple-Chef wieder einmal zur diplomatischen Hochform auf und ließ sich so wenig entlocken wie möglich.  

Axios: Die NYT könnte The Athletic übernehmen 

Die NYT ist offenbar an The Athletic dran, dem anderen gerade hoch gewetteten Filetstück des US-Journalismus. Die kolportierte Summe würde mit 500 Millionen Dollar in ähnlicher Größenordnung wie bei der möglichen Axios-Akquisition durch Axel Springer liegen.

Ob die Übernahme gut ginge? Auf der einen Seite die hoch dekorierten NTY-Redakteure, auf der anderen die hippen Sportjungs von The Athletic – es klingt nach einem Culture Clash. Ironische Randnotiz: Wer hatte die News exklusiv? Axios. 

+++ One more Thing: Vimeo stolpert an die Nasdaq +++

Es bleibt holprig an der Wall Street für Techaktien. Knapp sechs Wochen ist es her, dass der Krypto-Handelsplatz Coinbase einen nur in den ersten Minuten erfolgreichen Börsengang hinlegte, dann zeigte der Trend nach unten – und zwar massiv. In der Spitze büßte Coinbase fast 50 Prozent vom bisherigen Jahreshoch ein – Erinnerungen an das Facebook-IPO vor neun Jahren werden wach. Für investierte Anleger bleibt der Turnaround der Hoffnungsschimmer.

Ebenfalls schnell auf dem Weg nach unten befinden sich unterdessen die Aktien des Videoportals Vimeo, das gestern vom Mutterkonzern InterActiveCorp abgespalten wurde, zu dem auch Tinder gehört. Vom Referenzpreis bei 52 Dollar ging es um 13 Prozent auf rund 45 Dollar nach unten. 

Die 2004 gegründete Videoplattform, die von 200 Millionen Usern genutzt wird,  wird damit mit 8,5 Milliarden Dollar bewertet. Zum Vergleich: es gibt Analysten, die bescheinigen Video-Platzhirsch YouTube als eigenständiges Unternehmen eine Bewertung von über 300 Milliarden Dollar….

Cheers + bis nächste Woche!

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