Anzeige

Die GAFA-Kolumne

Wie sich die Tech-Ikone Elon Musk mit Bitcoin verzockte

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Er ist der wohl schillerndste Protagonist der Techbranche, Seriengründer Elon Musk. Nach seinem mit Abstand erfolgreichsten Jahr verzettelt sich Musk nun ohne Not auf Nebenschauplätzen: Erst zündelt Musk mit Kryptowährungen herum – mal als Cheerleader, mal als Troll, mal als Investor. Unterdessen geht die Tesla-Aktie immer mehr in den freien Fall über – synchron zum Bitcoin.

Anzeige

„Never regret thy fall, O Icarus of the fearless flight, For the greatest tragedy of them all, Is never to feel the burning light.“ – Oscar Wilde. 

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Das biblische Gleichnis hat unzählige Male in der Politik und der Wirtschaftswelt seine Verwendung gefunden. In der Techbranche droht ausgerechnet der wohl  schillerndste Big Tech-CEO von seinem Ego auf Abwege geführt zu werden.

Die Rede ist natürlich von Elon Musk, der gerade zu Wochenbeginn zum Baustellenbesuch in Brandenburg gastierte. Musks Problem liegt dabei weder in der Gigafactory noch im Tagesgeschäft von Tesla noch bei seinen anderen Unternehmen wie Space X.

Elon Musks eigentliches Problem liegt stattdessen oft genug auf Nebenschauplätzen, auf denen er sich wie schon in der Vergangenheit öffentlichkeitswirksam zu verzetteln droht. 2018 etwa suchte Musk auf Twitter einen Streit nach dem anderen mit Hedgefondsmanagern, die Leerverkäufe auf Tesla platziert, also auf fallende Kurse gesetzt hatten. Ebenso diffamierte er vor drei Jahren einen britischen Taucher, der bei einer Rettungsaktion von in einer Höhle in Thailand eingeschlossenen Jugendlichen beteiligt war, als „pedo guy“, also Pädophilen. Es folgten Spitzen gegen die amerikanische Börsenaufsicht, ein gerauchter Joint im Podcast und schließlich ein öffentlicher Zusammenbruch in der „New York Times“, bei dem Musk in Tränen ausgebrochen sein soll. Gegen Ende des Sommers 2018 sah es nicht so aus, als sollte das spektakuläre Unternehmerleben des Seriengründers ein glückliches Ende nehmen. 

Dann kam das Comeback-Jahr und vor allem die Corona-Pandemie, die eine neue Ära des leichten Geldes einleitete und Techaktien zur wildesten Party in über einer Dekade verhalfen. Spektakulärster Gewinner der Techhausse: Tesla, das im vergangenen Jahr sensationell zum wertvollsten Autokonzern der Welt aufstieg, phasenweise mehr wert war als die nächsten Konzerne zusammen und Aktionären am Ende ein unfassbares Kursplus von 700 Prozent bescherte. 

Musk selbst wurde als Teslas größter Aktionär zum größten Profiteur der Hausse und durfte sich zu Jahresbeginn gar als reichster Mann der Welt fühlen. Mehr geht nicht. Was macht ein Tausendsassa wie Musk nun, der mit nicht mal 50 Jahren Dutzende Firmen (mit-)gegründet und geleitet hat, dreimal geheiratet und sich dreimal wieder hat scheiden lassen und bereits sechs Kinder in die Welt gesetzt hat, auf dem absoluten Höhepunkt seines Lebens?  

Er entdeckt sein Interesse für Kryptowährungen und lässt seine 55 Millionen Twitter-Follower an jeder neuen Begeisterung teilhaben – mal in Form einer neuen Twitter-Bio, mal in Form von Mems, dann schließlich in der Ankündigung, in Bitcoin investiert zu haben und die wertvollste Kryptowährung der Welt als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Das war im Februar. 

Dass der selbst ernannte „Technoking“ den Kurs der hochspekulativen Assetklasse mitbewegt, versteht sich fast von selbst. Bitcoin ist Spekulation in Reinkultur, kleinere Kryptowährungen, wie der von Musk immer wieder hochgehypte Dogecoin, Spekulation zum Quadrat. Entsprechend schossen die Kryptokurse seit Jahresbeginn immer wieder in die Höhe, wenn sich Musk äußerte. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie viel Gefallen der gebürtige Südafrikaner an der neuen Rolle als Pate des neuen Hype-Segments wohl gefunden hat.

Die ungewöhnliche Allianz bescherte Musk dabei nicht nur neue Fans aus der Kryptoszene, sondern erwies sich als höchst einträglich für die Tesla-Bilanz. Ende April verkündete Tesla, dass der Elektroautohersteller aus einem Teilverkauf des Bitcoin-Investments einen Nettogewinn von mehr als 200 Millionen Dollar eingefahren hatte – mehr als in jedem Quartal bisher im Kerngeschäft.       

Doch alleine die Tatsache, dass Tesla nicht mal drei Monate nach dem Erstinvestment schon wieder Geld vom Tisch genommen hatte, verunsicherte die Community. War Musk ein „Flip Flopper“, der mit der hoch gewetteten Cyberdevise jonglierte, statt wirklich an die Sache einer dezentralisierten Digitalwährung zu glauben?     

Der Eindruck scheint nicht ganz von der Hand zu weisen sein, denn nur zwei Wochen später schockte der Tesla-CEO Bitcoin-Fans mit einem Tweet, der von der Kryptogemeinde als Bruch verstanden wurde: Aus Klimaschutzgründen würde Tesla Bitcoin nicht länger als Zahlungsmittel akzeptieren – zwischen dem Rückzieher von der spektakulären Ankündigung, mit Bitcoin einen Tesla kaufen zu können, lagen gerade mal drei Monate. Die Debatte, wie klimaschädlich das Mining der auf 21 Millionen Coins begrenzten Kryptowährung tatsächlich ist, wird seit Jahren leidenschaftlich geführt – ziemlich undenkbar, dass Musk der Argumentation gegen Bitcoin vor dem Einstieg nicht gewahr war. 

Seitdem tobt ein offener Verbalkrieg zwischen Bitcoinern und dem wankelmütigen Multimilliardär. Tatsächlich hat sich die Kryptogemeinde, die als eine der leidenschaftlichsten Communities im Social Web gilt, mit einer Vehemenz auf Musk eingeschossen, die der 49-Jährige  bislang wohl noch nicht erlebt hat. Wie heißt es so schön? Choose your Battles.

Wie sehr Musk der vollkommen unnötige Nebenschauplatz offenbar auf die Nerven geht, wurde am Wochenende deutlich, als der Tesla-Chef damit kokettierte, seine Bitcoin-Position inzwischen verkauft zu haben oder in Zukunft zu verkaufen – und damit die angeschlagene Kryptowährung weiter unter Druck setzte. Erst als ein freier Fall unter ein charttechnisch bedeutsames Niveau von 42.000 Dollar drohte, spezifizierte Musk, was er gemeint habe – Tesla habe nicht mal einen Bitcoin verkauft. Haha, kleiner Witz. 

Dummerweise geht der vor allem auf Musks Kosten. Während ihm der neue Hass der Krypto-Community nach außen hin egal sein mag, schadet der Tesla-CEO dem Elektroautohersteller, denn der hält ja weiter milliardenschwere Bitcoin-Bestände in seiner Bilanz! Wie ein launischer Junge hat der immer noch drittreichste Mann der Welt mit seinem Getwittere sowohl den Bitcoin als eben auch die Tesla-Aktie immer weiter in die Tiefe gerissen. Ironischerweise sind die Abschläge vom erst im Januar aufgestellten Allzeithoch mit aktuell schon 36 Prozent fast ebenso groß wie der Bitcoin-Absturz vom bisherigen Allzeithoch vom April.     

Auf fast tragische Weise ähnelt Musk inzwischen einem anderen Super-Promi, der alle Macht der Welt hatte, damit auf Twitter aber nicht umzugehen wusste: Ex-Präsident Trump. Wie im Falle von Trump droht auch Musk Opfer seines Egos zu werden. Komplett unnötig hat sich der 49-Jährige in eine ähnliche Lage wie 2018 gebracht – nur diesmal von höherer Warte. Mit einem Börsenwert von immer noch 555 Milliarden Dollar haben Tesla und Musk nämlich nun extrem viel zu verlieren.

Die Wall Street weiß das, die Haie kreisen schon, namentlich in Form von Michael J. Burry.  Der aus „The Big Short“ bekannte Hedgefondsmanager hat seine Shortwette gegen Tesla erneuert. Mit mehr als einer halben Milliarde Dollar wettet Burry nun bei Tesla auf fallende Kurse – und Burry hat bei seinen Wetten selten schiefgelegen. In anderen Worten: Der Druck auf Musk steigt, das perfekte Chaos scheint vorprogrammiert. Ein regelmäßiger Blick auf das Twitter-Konto @elonmusk dürfte sich neben dem Tesla- und Bitcoin-Kurs lohnen.

+++ Short Tech Reads +++

CNBC : Neue MacBook Pros im Sommer 

Apples Macs verkaufen sich – dem Lockdown sei Dank – so gut wie. Höchste Zeit also für ein Update der Pro-Version der MacBooks. Im Sommer könnte es so weit sein, berichtet CNBC – ein traditionell eher ungewöhnlicher Zeitpunkt für neue Apple-Produkte.   

Bloomberg: Robinhood könnte im Juni an die Börse gehen 

Trading-App Robinhood, die in der GameStop-Manie durch eine kurzzeitige Sperre von einigen Aktien für erhebliche Negativschlagzeilen sorgte, könnte bald selbst an die Börse gehen – nämlich im kommenden Monat, wie Bloomberg berichtet. Robinhood könnte eine Bewertung von bis zu 40 Milliarden Dollar anstreben.      

+++ One more Thing: Bill Gates‘ Lebenswerk bröckelt +++

Es ist die fraglos traurigste Big Tech-Entwicklung der vergangenen Woche: Die Schlammschlacht um Bill Gates. Der Reihe nach: Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass sich der frühere Microsoft-Gründer und seine Frau Melinda Gates French trennen werden. Schon die Ankündigung ließ nichts Gutes erahnen: „Wir glauben nicht mehr, dass wir als Paar in dieser nächsten Lebensphase gemeinsam wachsen können“, erklärten die scheidenden Eheleute in einer gemeinsamen Erklärung, was schon ein bisschen bissiger klingt als in den stereotypen Floskeln von freundschaftlichen Trennungen, die Promipaare sonst so von sich geben. 

Dass der Eindruck nicht getäuscht hat, wurde Tage später deutlich, als immer neue Enthüllungen kursierten, die man dem nerdigen Philanthropen Bill Gates wohl kaum zugetraut hatte: Zuerst war da die unheimliche Nähe zu Jeffrey Epstein, die Gates‘ Frau gar nicht gefallen habe, dann war zu lesen, dass der heute 65-Jährige – ganz entgegen dem Nerd-Image – gerne feiern ging, und zwar offenbar auch in Gegenwart von leicht bekleideten Damen. Dabei blieb es in der sensationslüsternen Berichterstattung, die nicht in britischen Klatschblättern, sondern in der „New York Times“, dem „Wall Street Journal“ und der „Washington Post“ stattfand, indes nicht. Gates habe während der Ehe Mitarbeiterinnen angeflirtet, zu privaten Abendessen eingeladen und am Ende eine außerehrliche Affäre gehabt, die mehr als 20 Jahre zurückliegt, wie zu Wochenbeginn zu lesen war.

Neudeutsch nennt man die immer neuen Enthüllungen, zu denen sich Gates naheliegenderweise kaum äußern kann, ohne die Sache schlimmer werden zu lassen, eine character assassination. Das Techportal re/code folgert zu Recht: Bill Gates wird niemals mehr der Gleiche sein. Die Wahrheit hinter der vermeintlich „dunklen Seite von Bill Gates“ („Handelsblatt„) kennen exakt zwei Leute – seine Noch-Ehefrau und der Ex-Microsoft-Chef selbst.

Ich finde die Entwicklung wie die Berichterstattung bedauerlich. Sie passt allerdings leider in den Zeitgeist der cancel culture, die danach giert, Personen des öffentlichen Lebens zur Strecke zu bringen – der Lebensleistung und einer Stiftung, in die 50 Milliarden Dollar eigene Mittel für gute Zwecke eingebracht wurden, ungeachtet. 

Bis nächste Woche!

Anzeige