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Kerstin Corell

Selbst Callcenter-Agenten hassen Anrufe vom Callcenter

Kerstin Correll – Foto: Grey / MEEDIA

Learning aus der Hölle: Niemand wartet drauf, etwas verkauft zu bekommen. Aber wenn man es unterhaltsam macht, stellt sich auch der Erfolg ein.

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„Nein, meinen Mann können Sie nicht sprechen! DER IST IM KNAST!“, wutschnaubend unterbrach meine Gesprächspartnerin das Telefonat. Niemand mag Callcenter-Agenten. Wirklich niemand! Nicht mal Leute, die ganz heimlich selbst in einem Callcenter arbeiten, wollen privat von einem Callcenter angerufen werden. Callcenter-Agenten sind wahrscheinlich noch unbeliebter als Werber – was niemand je erfahren wird, da Callcenter ja selbst die Meinungsumfragen durchführen.

Aber da es meiner Meinung nach schlimmere Studentenjobs gab – zum Beispiel im Wurstkostüm Flyer verteilen – fand ich es halbwegs okay. Zumal ich im Auftrag einer Bank anrief, um Beratungsgespräche zu vereinbaren. Das war mindestens drei Stufen besser, als Kaltakquise für Magazin-Abos zu machen. Mindestens!

Seitdem ich beschlossen hatte, meinen Text nicht nur wie ein scheintoter Roboter mit Zungenlähmung runterzuleiern, sondern ihm Leben und eine persönliche Note einzuhauchen, lief es sogar ganz gut. Meine Quote wurde besser, die Bezahlung nicht. Dafür bekam ich die volle Breitseite menschlicher Tiefen und Untiefen ab.

Zum Beispiel habe ich Banktermine mit Leuten ausgemacht, von denen ich WUSSTE, dass sie gerade auf dem Klo sitzen und eine Wurst rausdrücken (man glaubt gar nicht, was man am Telefon alles mitbekommt). Ich musste das Telefonat mit einem Mann abwürgen, der meine Telefonstimme mehr als nur „freundlich“ fand. Ich wurde angemeckert, abgewimmelt, angelogen und angeschrien.

Und ich habe einmal sogar mit Tränen in den Augen – ohne mir etwas anmerken zu lassen – einen Banktermin mit Fanny Pony vereinbart. Mit Fanny Pony. Wer nennt sein Kind denn bitte Fanny, wenn der Nachname Pony ist? Vielleicht ein Künstlername. Ich habe es nie rausgefunden.

Was ich aber rausgefunden habe, war unschätzbar wichtig für meinen späteren Job: Niemand wartet drauf, etwas verkauft zu bekommen. Aber wenn man es wenigstens unterhaltsam macht, ist man erfolgreicher. Und: Seid nett zu Callcenter-Agenten! Auch die zungenlahmen Roboter sind meistens nur Menschen, die ihren Job machen.

Kerstin Correll ist Executive Creative Director bei der Networkagentur Grey Hamburg.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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