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Wochenrückblick

Der „Tagesspiegel“ steht vor den rauchenden Trümmern seiner #allesdichtmachen-Berichterstattung

Der „Tagesspiegel“ hat versucht, mit einer Web-Talkshow die eigenen Fehler bei der Berichterstattung zu #allesdichtmachen zu kitten. Linda Zervakis hatte eine souveräne Premiere als Politik-Interviewerin bei ProSieben. „Buzzfeed News“ ärgerte sich mit Union Berlin herum. Und: Weinerliche Abschiedsmails zu schreiben, ist keine gute Idee. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Fangen wir mit dem Positivem an. Meine ganz persönlichen Erwartungen an das zweite Kanzlerkandidaten-Interview bei ProSieben hingen nicht gerade himmelhoch, wurden dann von Neuzugang Linda Zervakis und Louis Klamroth aber doch sehr deutlich übertroffen. „Tagesschau“-Abgängerin Linda Zervakis hat ihren Job beim Befragen von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sehr souverän erledigt. Ihr Mitfrager Louis Klamroth war sogar so ein bisschen Terrier-artig aggressiv unterwegs. Gut so! Denn allzuoft gilt bei Politiker-Interviews die Devise: Hier ist Lenor zuhause! (Copyright Thomas G. Hornauer, falls sich noch jmd. erinnert). Beide zusammen setzten Scholz ganz schön zu. Vor allem Klamroth ließ kaum eine Gelegenheit aus, darauf herumzureiten, wenn Scholz mal wieder, fast immer eigentlich, statt konkret zu antworten, wolkig Grundsätzliches daherschwadronierte. Gegen Ende schoss dem Scholz-O-Mat dann sogar etwas Blut in die schlumpfigen Bäckchen – mehr Emotion ging nicht. Am Ende wurde nicht geklatscht, wie bei der Kuschelrunde von Kathrin Bauerfeind und Thilo Mischke mit Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock und auch das war gut so. Frau Bauerfeind hat am selben TV-Abend nebenan beim RTL eine Gaga-Spielshow mit Jürgen Vogel und Mario Barth moderiert. Da hatte dann jeder sein Plätzchen. Die Premiere von Linda Zervakis bei ProSieben macht jedenfalls Appetit auf mehr. Und auch Louis Klamroth darf ruhig öfter zur Hauptsendezeit Politiker befragen. Man muss dem Markus Lanz die ganze Grillerei ja nicht alleine überlassen.

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Achtung, Phrase: Kommunikation ist keine Einbahnstraße! Während sich der frisch für den Nannen-Preis nominierte Prof. Drosten einst zu Recht darüber aufregte, dass ihm die „Bild“ nur eine lächerlich kurze Frist für die Beantwortung von Fragen zubilligte, gibt es auch den umgekehrten Fall. Nämlich, dass ein Medium durchaus mit angemessener Frist das Objekt von Berichterstattung mit Fragen konfrontiert und ebendieses Objekt dann meint, den Spieß umdrehen zu müssen. So offenbar geschehen mit „Buzzfeed News“ und dem Fußballverein Union Berlin.

Wie Chefredakteur Daniel Drepper auf Twitter dokumentiert, hat der Pressesprecher des Vereins zunächst auf Fragen nicht antworten wollen und stattdessen ein Gespräch vorgeschlagen. Als die Redaktion darauf einging, ließ er das Gespräch dann platzen, weil die Redaktion vor dem Termin mit anderen über die Recherchen gesprochen habe. Dann veröffentlichte er die Fragen von „Buzzfeed News“ samt Antworten (die er eigentlich nicht geben wollte) auf der Vereinsseite. Bei der „Buzzfeed“-Recherche ging es um Diskriminierungsvorwürfe gegen Union Berlin. Woher kommt mir diese Taktik bloß bekannt vor? Richtig! Als die „Welt“ die Stasi-Vergangenheit von „Berliner Zeitung“-Verleger Holger Friedrich enthüllte, veröffentlichte der den Fragenkatalog der „Welt“-Journalisten auch lieber auf der eigenen Seite, statt den Journalisten zu antworten. Friedrich ist übrigens Union-Berlin-Fan und hat in seinem Verlag mit „Eisern“ auch schon ein Magazin zum Verein herausgebracht.

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Der Berliner „Tagesspiegel“ steht vor den rauchenden Trümmern seiner Berichterstattung zur Künstler-Aktion #allesdichtmachen. Die Zeitung raunte in einem Bericht von einem „antidemokratischen Netzwerk“, das da im Hintergrund am Werk sei. U.a. spekulierte der Artikel im Duktus einer schwer investigativen Enthüllungsgeschichte, dass der Berliner Arzt und Publizist Paul Brandenburg, der Anti-Corona-Maßnahmen sehr kritisch sieht, einer der Hintermänner bei #allesdichtmachen gewesen sei. Blöderweise hatte niemand vom „Tagesspiegel“ bei Brandenburg angerufen und ihn gefragt. Der wies die Behauptungen zurück. Der „Tagesspiegel“ hat sich inzwischen öffentlich für die Berichterstattung entschuldigt und eine Internet-Talkshow u.a. mit Brandenburg veranstaltet, um das eigene Versagen aufzuarbeiten. Ein einigermaßen ungewöhnlicher Vorgang im deutschen Journalismus. Nun muss man einerseits schon sagen, dass die Mängel und die Tendenziösität des ursprünglichen Artikels ärgerlich und schädlich für das Vertrauen in „die Medien“ sind. Andererseits muss man dem „Tagesspiegel“ zubilligen, dass er sich öffentlich entschuldigt hat und versucht hat, die Sache aufzuarbeiten. Das ist nicht selbstverständlich. Dass bei dem Talk „Tagesspiegel“-Kolumnist Harald Martenstein die eigene Zeitung scharf kritisieren konnte, spricht zudem für eine gewisse Diskussionskultur.

Ich finde an der Geschichte nach wie vor am merkwürdigsten, dass die „Tagesspiegel“-Redaktion für den Artikel mit nicht namentlich genannten „Journalist:innen des Recherchenetzwerks Antischwurbler“ zusammengearbeitet hat. Was zur Hölle? Laut der stellvertretenden „Tagesspiegel“-Chefredakteurin Anna Sauerbrey handle sich dabei um „Szeneaussteiger“. Aber mit dieser Titulierung waren die „Antischwurbler“ nicht einverstanden. Jetzt steht unter dem Artikel zum Web-Talk, es seien „mehrere Personen, die im vergangenen Jahr zunächst selbst Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen besucht haben, dort nach eigener Aussage über die Zusammensetzung der Teilnehmer erschraken.“ Gemeinsam mit einer befreundeten Journalistin hätten sie sich entschlossen, „ihre Vernetzung in der Szene, etwa in einschlägigen Telegram-Kanälen, zu nutzen, um Organisationsstrukturen und extremistische Tendenzen in der Szene zu recherchieren und zu dokumentieren.“ Das ist mega-dubios und alles andere als transparent. Der „Tagesspiegel“ konnte jedenfalls in den vergangenen Tagen einen Praktikanten sicher ganz gut damit auslasten, immer wieder neue Korrekturen- und Erklärungs-Updates unter die #allesdichtmachen-Berichterstattung zu setzen. Die Talkshow war übrigens überschrieben mit „Alles richtig gemacht bei #allesdichtmachen?“ Wenigstens auf diese Frage gibt es eine eindeutige Antwort: nein.

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Ob sie beim „Spiegel“ froh sind, dass Literaturkritiker Volker Weidermann das Weite sucht? Herr Weidermann ist jedenfalls froh, denn er hat im Oktober einen neuen Top-Job als Feuilleton-Chef bei der „Zeit“. Beim „Spiegel“ hat er nicht nur gekündigt, er hat auch noch eine einigermaßen weinerliche Abschiedsmail an die Kollegen im Haus geschrieben. In seiner Mail, die von „Übermedien“ dokumentiert wurde, jammert er, dass er nicht glücklich gewesen sei beim „Spiegel“. Sag bloß … Er habe „viel Angst, Misstrauen, Beharrungswillen, Unmut und Kontrollwahn“ erfahren. Dann findet sich noch diese seltsame Passage in seiner Mail:

„Das silbern-glänzende Grundgesetz im Atrium „Sagen, was ist“, Augsteins Gesetz – das ist ganz einfach nicht für mich geschrieben worden. Ich komme eben aus der Literatur. Und da gilt nun mal: Sagen, was nicht ist. Sagen, was sonst noch so sein könnte. Sagen, wie es besser wäre. Sagen, was niemand sonst sich zu sagen traut. Einfach mal was anderes sagen…. Das sind so die Literatur-Gesetze. Ich habe hierfür zu wenig Raum für mich gefunden.“

„Sagen, was nicht ist“ und „Einfach mal was anderes sagen“, „Literatur-Gesetze“ im Nachrichten-Magazin befolgen. So einen hatten sie beim „Spiegel“ doch schon mal …

Im Ernst: Dass jemand am Apparat „Spiegel“ verzweifeln kann, ist vorstellbar. Genauso, wie jemand am Apparat „Bild“ oder am Apparat „FAZ“ oder sonst einem großen Medien-Apparat verzweifeln kann. Der Weidermann war also unzufrieden, sein gutes Recht. Jetzt hat er einen feinen, neuen Job. Schön für ihn. Muss man aber solche Mails schreiben? Ich finde das ein bisschen unprofessionell.

Schönes Wochenende!

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