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Die GAFA-Kolumne

Die neue Stärke der GAFAM-Töchter Instagram, YouTube, LinkedIn und Co.

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Eltern kennen das: Die Kinder werden so schnell erwachsen. Im Falle der GAFAMs ist der Reifegrad der Töchter ein Segen: Instagram, YouTube oder LinkedIn haben sich im Schatten von Facebook, Alphabet oder Microsoft so prächtig entwickelt, dass sie inzwischen einen beträchtlichen Teil zum Kerngeschäft beisteuern.

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Neue Woche, neue Verluste: Es läuft einfach nicht mehr bei Big Tech. Schon wieder haben Technologieaktien happige Verluste einstecken müssen – Anteilsscheine von Apple und Amazon notieren 2021 gar im Minus.  Muss man sich Sorgen machen? Für etwas Entspannung könnte bei Anlegern ein Blick in die zweite Reihe sorgen. Wohlgemerkt: bei Big Tech selbst.

Eine den unerzählten Geschichten der abgelaufenen Giganten-Quartalssaison ist nämlich im hinteren Teil der Bilanzen verborgen. Sie geht so: Immer mehr GAFA-Töchter sind inzwischen erstaunlich erwachsen geworden, stehen aber bis heute zu Unrecht im Schatten ihrer überlebensgroßen Unternehmensmutter.

Da ist etwa das Paradebeispiel der Akquisition in jungen Jahren – YouTube. Für gerade mal 1,65 Milliarden Dollar übernahm Google 2006 das seinerzeit hochgehypte Videoportal. Knapp 15 Jahre später gilt der Zukauf als eine der Königsübernahmen im Silicon Valley. 

Allein im ersten Quartal konnte YouTube bereits 6,01 Milliarden Dollar durch Werbung erlösen – ein sattes Plus von 49 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, als YouTube noch 4,03 Milliarden Dollar eingefahren hatte. Aufs Jahr hochgerechnet besitzt Alphabets Video-Tochter gar das Potenzial, Streaming-Gigant Netflix nach Umsätzen einzuholen – und der wird bekanntlich mit rund 220 Milliarden Dollar bewertet. Entsprechend gibt es Analystenstimmen, die YouTube als eigenständiges Unternehmen sogar eine noch höhere Bewertung zubilligen würden. 

In ähnlichen Bewertungsdimensionen dürfte unterdessen Facebooks Königsakquisition angekommen sein, gewissermaßen das YouTube von Menlo Park – Instagram. Zwar weist der nach Amazon und Google drittwertvollste Internetkonzern nicht gesondert die Erlöse seines Fotonetzwerks auf, doch nach Branchenschätzungen dürfte Instagram allein im vergangenen Jahr bereits mehr als 20 Milliarden Dollar erlöst haben und damit schon etwa 30 Prozent zu Facebooks gesamten Konzernerlösen beitragen. Wenig verwunderlich bescheinigten Bloomberg-Analysten Instagram bereits 2019 eine Bewertung nordwärts von 200 Milliarden Dollar

Ebenfalls in Überschallgeschwindigkeit befindet sich weitgehend unbeachtet Amazons Werbegeschäft, das schmucklos in der Unternehmenssparte „Other“ versteckt wird und seine Umsätze im jüngsten Quartal um enorme 77 Prozent auf 6,9 Milliarden Dollar steigerte. Damit bringt es Amazons Anzeigengeschäft zwar nur auf einen Bruchteil der Werbeumsätze von Google oder Facebook, erlöst aber bereits das Neunfache vom hoch gewetteten Werbeliebling Snap

Das gilt ebenfalls für Microsofts größte Akquisition LinkedIn. 2016 überwies der Softwaregigant 26 Milliarden Dollar für das boomende Business-Netzwerk. Es sah nach einer happig bezahlten Akquisition aus. Fünf Jahre später kann LinkedIn indes bereits Anzeigenerlöse von mehr als drei Milliarden Dollar vorzeigen – und damit mehr als die Wall Street-Darlings Snap und Pinterest, die zwischenzeitlich zwischen 50 und über 100 Milliarden Dollar bewertet wurden.

Auch wenn die aktuelle Börsenstagnation nicht den Anschein erweckt – Big Tech hat weiter ehrliches Wachstumspotenzial. Im Kerngeschäft, aber erst recht bei den völlig zu Unrecht unterschätzten Töchtern.  

+++ Short Tech Reads +++

Marketwatch: Jeff Bezos macht Kasse

Grundsätzlich gilt an der Börse: Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn der Boss von Bord geht. Ist es nun ein noch schlechteres, wenn der Chef Kasse macht? Diese Frage dürften sich Amazon-Aktionäre in diesen Tagen stellen, denn Jeff Bezos hat in der letzten Woche einen Verkauf von Amazon-Aktien im Wert von 5 Milliarden Dollar vorgenommen. Die Antwort der Wall Street: Die Amazon-Aktie fällt weiter zurück und hat seit Verkündung der Quartalsbilanz mehr als 10 Prozent an Wert verloren. 

CNBC: Cloud-Aktien auf 6-Monatstief

Der Börsenblues betrifft nicht nur die GAFAMs ohne Alphabet, sondern auch Cloud-Aktien im Besonderen. Die Stars des Vorjahres – von ServiceNow über Snowfalke bis zu Twilio – wurden in den vergangenen Monaten hart abverkauft und notieren inzwischen auf 6-Monatstiefs, wie CNBC beobachtet hat.  

The Verge: Facebook testet neues Feature, das Nutzer dazu ermuntert, zu teilende Artikel zu lesen 

Erst den Artikel lesen, dann teilen? Besser wäre es! Facebook will seine 2,8 Milliarden Nutzer offenbar genau dazu animieren, wie The Verge berichtet. Bei Twitter gibt es den Hinweis übrigens schon seit Längerem.

+++ One more Thing: Peak Elon Musk?  +++

Dass ich Elon Musks Popstar-ähnlichen Status durchaus kritisch betrachte, ist nicht neu. Vor sechs Wochen habe ich an dieser Stelle erörtert, ob Musk Tesla mit seiner Dauerinszenierung in den sozialen Medien eher schadet als hilft. Gemessen an Teslas Börsenperformance in diesem Jahr fällt die Antwort eindeutig negativ aus, wobei die Gründe für den aktuellen Börsenblues des wertvollsten Autobauers der Welt tiefer liegen und mit der astronomisch starken Vorjahresperformance zu tun haben, die nun verdaut werden will. Musk hat 2021 operativ keine erkennbaren Fehler begangen.

Die andere Frage ist jedoch, ob Musk möglicherweise seinen Zenit erreicht haben könnte und beginnt, Abnutzungserscheinungen zu zeigen – etwa in der Hinsicht, dass seine Interessen jenseits des Kerngeschäfts abschweifen, was angesichts eines Nettovermögens von aktuell 150 Milliarden Dollar und des nahenden 50. Geburtstags nicht die größte Überraschung wäre – Jeff Bezos lässt grüßen. (Erinnert sei auch an das legendäre Boris Becker-Zitat: „Wenn ein Mann auf die 50 zugeht, zieht er zum ersten Mal in seinem Leben Bilanz.“)   

Wenn es einen Indikator für das Selbstverständnis von Elon Musk wenige Wochen vor seinem runden Geburtstag gibt, dann hat ihn der gebürtige Südafrikaner am vergangenen Samstag beim Kultcomedy-Format „Saturday Night Live“ selbst gesetzt.

Nachdem er die Wall Street erobert hat, scheint Musk nun auf den Applaus der Popkultur zu schielen, was jedoch selten genug gut geht. Musks Verständnis von Humor ist vergleichbar mit seinem Tanzstil – beide sind zumindest diskutabel. Wer den SNL-Auftritt verpasst hat – der „Guardian“ hat die treffendste und gleichzeitig brutalste Zusammenfassung geliefert. Vielleicht sollte der Seriengründer dann doch bei Memen bleiben – wenn er sie sich nicht gerade zu eigen macht, wie NYT-Reporterin Taylor Lorenz herausgearbeitet hat

Cheers + bis nächste Woche! 

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