Anzeige

Gastbeitrag

Die Medien sind Teil des
Schlamassels, in dem wir stecken

Foto: Imago Images

Medien sollen aufklären und für Überblick sorgen. Doch sie sind zunehmend selbst überfordert – von der Pandemie, vom Chaos der aktuellen Realität, von der Stimmenvielfalt im Netz. Damit werden sie selbst zum Teil des Chaos. Was ist zu tun? Ein Gastbeitrag von „Hohe Luft“-Chefredakteur Thomas Vašek.

Anzeige

Von Thomas Vašek

Seit über einem Jahr wütet das Virus nun schon auf allen Kanälen, in Echtzeit, rund um die Uhr. Wer frühmorgens auf sein Handy schaut, kann sich binnen Sekunden informieren, wie die aktuellen „Zahlen“ sind. Wer spätnachts eine Talkshow einschaltet, kann davon ausgehen, dass es auch da wieder vor allem um das eine geht. Von der guten alten Zeitung über Radio und Fernsehen bis zu den sozialen Medien, überall das gleiche beherrschende Thema, die gleiche Diskussion. Inzidenzwerte, Impfchaos, Todeszahlen, Lockdown ja oder nein. Über kein Thema wurde so viel in den Medien berichtet und debattiert. Es ist eine gigantische Welle von Informationen und Meinungen, von Fakten und Fake News, von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Verschwörungstheorien, die uns seit dem Beginn der Krise überrollt. 

Die Pandemie überfordert nicht nur die Politik. Sie trifft auch auf eine neue, digital vernetzte Medienwelt, die noch nie eine derartige globale Katastrophe erlebt hat. Kein Wunder, dass Kommentatoren regelmäßig zu Kriegsmetaphern greifen. Doch in der Zeit des Zweiten Weltkriegs gab es weder Fernsehen noch Internet, die Welt war vergleichsweise überschaubar. Die Pandemie zeigt nicht nur die Grenzen der medialen Berichterstattung in Krisenzeiten. Sie wirft auch die ganz fundamentale Frage auf, wie wir in einer komplexen, hochdynamischen Welt überhaupt noch den Überblick behalten können. Es geht um nichts weniger als um das Verhältnis von Medien, Demokratie und Realität. 

Auf den ersten Blick scheint es, als würden die Medien wie immer funktionieren. Zeitungen und Magazine erscheinen, Nachrichtensendungen und Talkshows laufen weiterhin, Menschen twittern und posten, als wäre alles wie sonst. Und doch ist alles anders. Da ist ein reales, globales Geschehen, das alles andere beiseite schiebt. Weder ist es ein terroristischer Akt, wie 9/11, noch ein wirtschaftliches Systemversagen wie die Finanzkrise. Über Terroranschläge und Bankenzusammenbrüche kann man retrospektiv berichten, man kann sie kommentieren und analysieren. Eine globale Pandemie aber scheint die Möglichkeiten von Medien zu überfordern. 

„Hohe Luft“-Chefredakteur Thomas Vašek – Foto: Stefanie Kresse

Das Virus selbst ist ein Medium, es „vermittelt“ eine Krankheit, die jeden von uns treffen kann. In der Pandemie begegnet eine immer komplexere Welt gleichsam sich selbst. Der mediale Umgang mit dem Virus betrifft nicht nur das Virus selbst, sondern eine Welt, die uns zu groß, zu schnell, zu unsicher geworden ist. Die Medien gehören dabei selbst zu dem Problem, mit dem sie konfrontiert sind. Das Problem ist nichts anderes als die Realität selbst, in all ihrer Unberechenbarkeit und Kontingenz. 

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) betrachtete Medien als Erweiterungen der menschlichen Fähigkeiten. Nach McLuhan sind es weniger die Inhalte, sondern die Medien selbst, die unsere Wahrnehmung und unser Handeln prägen („The medium is the message“). Das erläuterte er am Beispiel einer Glühlampe, eines Mediums, das gar keinen Inhalt und trotzdem erhebliche soziale Auswirkungen hat, indem es uns etwa ermöglicht, uns in einem sonst dunklen Raum zurechtzufinden. Traditionelle Informationsmedien wie Zeitungen oder Fernsehen erweitern unseren Blick, indem sie uns Ausschnitte der Realität präsentieren, über die wir sonst nichts wissen würden. Sie vermitteln uns nicht bloß Informationen, sondern auch einen bestimmten Zugang zur Welt.  

Das gibt uns das Gefühl von Orientierung und Überblick , womöglich sogar in Echtzeit, wie bei einer Nachrichtensendung oder einem Live-Bericht. Dabei war es immer schon eine Fiktion, dass Medien die Realität abbilden – dass sie also, „sagen, was ist“, wie im „Spiegel“-Werbeslogan. Natürlich stellen Medien nicht einfach nur Fakten dar. Sie wollen auch Debatten anstoßen und Skandale aufdecken, es geht um Aufmerksamkeit, um Unterhaltung, um Konflikt und Emotion – und letztlich auch um die subjektive, durchaus fehlbare Perspektive. Insofern schaffen Medien immer auch ihre eigene Realität. 

Nicht jede wahre und relevante Nachricht ist auch eine „gute Geschichte“. Das heißt nicht, dass Medien lügen oder vertuschen. Es liegt aber in ihrer eigenen Logik, dass sie Aspekte der Realität hervorheben und interpretieren. Dieses „Framing“ funktioniert jedoch nur solange, wie die Realität selbst es erlaubt. Das Pandemiegeschehen ist eine Art Über-Realität, die gleichsam nötigenden Charakter hat. Man kann sich ihr nicht entziehen, sie rückt uns derart nahe, dass sie medial kaum noch vermittelbar ist. 

Die Pandemie überwältigt die Medien mit ihrer schieren Faktizität. Wenn Infektionszahlen das Geschehen bestimmen, gibt es wenig Deutungsspielraum. Über Fragen der „Identitätspolitik“ kann man diskutieren, über ein Virus nur begrenzt. Schon nach den ersten Monaten der Pandemie kritisierten einige Medienforscher den Mangel an Vielfalt in der Berichterstattung, vor allem die Dominanz der Virologen in der Öffentlichkeit. Sicher wäre es gut gewesen, von Beginn an auch mehr auf Sozialwissenschaftler oder Psychologen zu hören. Sicher hätte es auch mehr kritische Distanz zur Pandemiepolitik gebraucht. Aber diese Schwächen waren womöglich nur das Symptom für ein grundlegendes Problem. 

Die Medien scheitern an einer Realität, die sie weder in gewohnter Weise deuten und analysieren, noch vorhersagen können. Eine Kommentatorin in einer Zeitung oder Nachrichtensendung mag über die Frage der Nachfolge von Angela Merkel spekulieren. Aber dieselbe Kommentatorin würde sich lächerlich machen, wollte sie die 7-Tages-Inzidenz der nächsten Wochen prognostizieren oder epidemiologische Modelle anzweifeln. 

Das bedeutet natürlich nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht kritisierbar sind. Aber traditionelle Medien geraten an ihre Grenzen, wenn ihre Deutungsspielräume schwinden, wenn der virologisch begründete „Sachzwang“ regiert. Der „Spiegel“ hatte seine große Stunde in der Pandemie, als er die politischen Vorgänge hinter dem Impfdesaster aufdeckte, nicht bei der kritischen Bewertung vom Wert epidemiologischer Modelle. Und Naturgesetze kann selbst er nicht aus den Angeln heben. 

Nicht Lügen und Verschwörungstheorien stürzen die Medien in die Krise. Es ist die Realität selbst, die die Medien vor sich hertreibt. Der Strom der Ereignisse verschwimmt mit dem digitalen Informationsfluss zu einer Art „Hyper–Aktualität“, in der alles gleichzeitig zu geschehen scheint. Die „Wirklichkeit“ allein kann keine Orientierung geben, weil sie dazu zu komplex, zu unübersichtlich ist. Wenn Medien Orientierung geben wollen, müssen sie Fakten einordnen und deuten, mit dem Risiko, dass sie sich eben damit von der Wirklichkeit entfernen. Je zwingender und übermächtiger die Fakten, umso größer wird diese Gefahr. Die Aporie ist eine grundsätzliche, die Pandemie führt diese nur deutlich vor Augen. Aber wenn Medien heute weder die Realität abbilden, noch Orientierung geben können, dann kann man sich fragen, welche Funktion sie überhaupt erfüllen.

Es ist ein schönes Ideal, dass Medien der Aufklärung dienen, dass sie als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung wirken. Aber die demokratische Funktion ist den Medien nicht eingeschrieben. Medien sind Medien, sie „vermitteln“. Sie können Menschen auch manipulieren und verhetzen oder einfach nur Unsinn verbreiten. Das gilt für alle Informationsmedien, am Ende auch für die Sprache selbst. Auch darum hat sich die Vision mancher Internet-Pioniere nicht erfüllt, die vom Netz eine Art digitale Basisdemokratie versprachen. Die sozialen Medien ermöglichen es zwar heute prinzipiell jedem, sich an eine größere Öffentlichkeit zu wenden. Aber die naive Hoffnung auf eine neue Form des demokratischen Diskurses hat sich zerschlagen; vielmehr wächst das Unbehagen über die Echokammern und Filterblasen, in denen die Nutzer oft nur nach der Bestätigung ihrer eigenen Ansichten suchen.

Unter dem Titel „Sind die Medien kaputt?“ widmet das Philosophiemagazin „Hohe Luft“ in der April-Ausgabe (EVT 6.5.2021) dem Thema „Medien & Demokratie“ einen rund 30 Seiten starken Schwerpunkt. Dabei wird die veränderte Rolle der Medien in unsicheren Zeiten philosophisch und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Der vorliegende Beitrag ist Teil dieser Schwerpunkt-Ausgabe. 

Traditionelle Medien erweitern unseren Blick auf die Welt. Soziale Medien hingegen erweitern unser Selbst. Sie vermitteln nicht nur Informationen, sondern geben uns die Möglichkeit, uns selbst öffentlich zu artikulieren. Auf Twitter zum Beispiel kann man hochseriöse Analysen ebenso finden, wie unsäglichen Unsinn. Das Entscheidende aber ist, dass sich jeder im Prinzip zu allem äußern, dass jeder mit seinem Selbst zum öffentlichen Sprachrohr werden kann. Über Hass und Lügen im Netz kann man sich beklagen, man kann dagegen vorgehen oder hoffen, dass die Plattformen dies konsequenter als bisher tun. Aber wenn die her vertretene These stimmt, dann ist das Medium selbst das Problem, dann geht es gar nicht so sehr um die Inhalte, sondern vielmehr darum, wie soziale Medien unser Verhalten überhaupt prägen, wie sie unsere Vorstellung von Öffentlichkeit verändern. 

Soziale Medien als Selbsterweiterungen sind weder Wahrheitsmaschinen noch digitale Demokratien. Sie leben von einem romantischen Überschuss, von Selbstüberhöhung und Verklärung. Wer auf Twitter nach Aufmerksamkeit und Anerkennung schreit, der will nicht einfach nur sagen, was ist. Soziale Medien lassen sich nicht auf Wirklichkeitssinn verpflichten, sonst sind sie keine sozialen Medien mehr. 

Das wird zwangsläufig dann zum Problem, wenn der öffentliche Diskurs auf Wahrheit und Realismus angewiesen ist, wie das in der Pandemie der Fall ist. Im Sinne eines Meinungspluralismus mag man es begrüßen, dass auch Corona-Leugner und Querdenker die Möglichkeit haben, sich in den sozialen Medien zu artikulieren; und in einer gesellschaftlichen „Normallage“ richten solche Vorstellungen vielleicht keinen großen Schaden an. In der Pandemie können sie aber zu einer sehr konkreten, womöglich tödlichen Gefahr werden, etwa wenn Menschen sich weigern, Masken zu tragen. Vor allem aber darf man soziale Medien nicht mit einer demokratischen Öffentlichkeit verwechseln, in der sich aus dem Stimmengewirr so etwas wie eine „öffentliche Meinung“ herauskristallisiert.

Die demokratische Öffentlichkeit braucht keine erweiterten Selbste, sondern politische Bürger und Bürgerinnen, die sich in den Dienst einer gemeinsamen Sache stellen. Auch das zeigt sich in der Pandemie besonders deutlich, bei allem berechtigten Mitteilungsbedürfnis. Die traditionellen Medien kommen mit der Realität nicht mehr zurecht, die digitalen, sozialen Medien nicht mit dem Selbst ihrer Nutzer. Das bedeutet nicht, dass wir sie nicht mehr brauchen, sondern dass wir ihre Rolle in der Gesellschaft neu definieren müssen.

Die heutigen Medien sind nicht nur selbst die „message“, also die Botschaft, die unser Verhalten verändert. Sie sind auch ein Teil der »mess«, des Chaos oder Schlamassels, in dem wir alle stecken. Das einzusehen, wäre vielleicht ein richtiger Schritt in die Zukunft, und das heißt, in eine Zeit neuer globaler Probleme, mit denen wir fertig werden müssen. Dazu werden wir Medien brauchen, die immer auch reflektieren, dass sie mit der Welt genauso überfordert sind wie wir alle.

Anzeige