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Die GAFA-Kolumne

GAFAM verdient 75 Milliarden Dollar in 90 Tagen – und die Wall Street lächelt müde

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Big Tech frisst die Welt. Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Facebook haben im ersten Quartal eine so bemerkenswerte Machtdemonstration geliefert, wie es sie in der Wirtschaftswelt noch nicht gegeben hat. Allein: Die Wall Street reagiert weitgehend achselzuckend.

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Wie viel Superlative sollen es heute sein? Im Angebot  sind zwei Kennziffern: 75 Milliarden Dollar Gewinn. Und 321 Milliarden Dollar Umsatz. Das ist nicht Apples Bilanz in einem Geschäftsjahr, sondern tatsächlich allein die Quartalsbilanz der GAFAM-Konzerne. Noch mal zum Mitschreiben: 5 Konzerne setzen 321 Milliarden Dollar um und verdienen 75 Milliarden Dollar. IN 90 TAGEN! 

Zum Vergleich: Auf 12-Monatssicht hochgerechnet, wäre der GAFAM-Umsatz schon fast so groß wie das Bruttosozialprodukt von Spanien, 2019 immerhin die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Noch beeindruckender als die schiere Bilanzgröße der fünf wertvollsten Technologie- und Internetkonzerne ist unterdessen ihre Wachstumsdynamik, die angesichts des Reifegrads der Geschäftstätigkeit so kaum selbstverständlich ist. Die Wall Street spricht gerne vom Heiligen Gral des accelerated revenue growth..

So konnte Microsoft ein Umsatzplus von 19 Prozent, Alphabet von 34 Prozent, Amazon von 44 Prozent, Facebook von 48 Prozent und Apple von gar 54 Prozent ausweisen. Die Gewinne explodierten geradezu um 44 Prozent (Microsoft), um 94 Prozent (Facebook), um 110 Prozent (Apple), um 162 Prozent (Alphabet) bzw. gar um 220 Prozent (Amazon).      

Wer hat die Earnings Season nun gewonnen? Wären Schulnoten zu vergeben, so würde ich sie wie folgt verteilen: für Microsoft eine glatte „2“, Alphabet eine „2+“, ebenso Facebook, Amazon eine „1-“ und Apple als König der Quartalssaison mit einer glatten „1“.

Allein: Die Wall Street reagiert achselzuckend bis missbilligend auf die Zahlenwerke. Etwa eine Woche nach Bekanntgabe der Quartalszahlen haben die GAFAM-Aktien gegenüber dem Schlusskurs vor der Bilanzvorlage so performt:  

Microsoft:  – 5 Prozent 
Apple: – 4 Prozent
Amazon: – 2 Prozent
Alphabet:
+ – 0 Prozent
Facebook:
+ 4  Prozent 

Mit Ausnahme von Facebook, auf dessen Aufwärtspotenzial ich unlängst hingewiesen habe, reagierte die Wall Street achselzuckend. Wie kann das sein?  

Das einst bestgehütete Geheimnis der Welt ist eben keines mehr: Superlative werden von Big Tech erwartet wie von Bayern München der 9. deutsche Meistertitel in Folge oder Rafa Nadals 13. French Open-Sieg, um bei meinem Lieblingssport zu bleiben.  

Big Tech ist zum totalen Siegeszug verdammt und muss angesichts der turmhohen Bewertungen und immensen Kursgewinne der vergangenen Jahre immer mehr liefern. Auf Sicht der nächsten Jahre stellt sich dabei für Anleger eine durchaus unbequeme Frage: Was passiert eigentlich in der Post Corona-Welt, wenn sich das Wachstum einmal verlangsamt? Einen Vorgeschmack darauf hat der gestrige Kursrutsch an der Technologiebörse Nasdaq gegeben….

+++ Short Tech Reads +++

Bloomberg: Wie Apple und Epic Games zu erbitterten Feinden wurden 

Gekreuzte Degen im wohl meisterwarteten Prozess des Jahres in der Techbranche: Epic Games vs. Apple. Wie der Spieleentwickler und der wertvollste Konzern der Welt auf Konfrontationskurs zusteuerten, hat Reporter-Wunderkind Mark Gurman bei Bloomberg nachgezeichnet. 

Insider: Clubhouse kollabiert 

Der Hype ist vorbei, was bleibt, ist mutmaßlich das Netscape-Schicksal. Wurde Audio-Liebling Clubhouse im Februar auf dem Höhepunkt noch 9,6 Millionen Mal heruntergeladen, wurden im April gerade noch 900.000 Downloads gezählt. Der große Audio-Boom könnte nun bei Twitter (Spaces) und bald auch bei Facebook stattfinden.  

MacRumors: Das klappbare iPhone kommt in zwei Jahren 

Alles wie immer in Cupertino: Wenn es nach Staranalyst Ming-Chi Kuo geht, dürfte sich Apple auch beim nächsten größeren Smartphone-Trend weiterhin etwas Zeit lassen. Zwei Jahre ist es her, dass Samsung das erste klappbare Smartphone präsentierte und Huawei hinterherzog – Besonders profitiert haben beide asiatischen Techpioniere bislang nicht vom neuen Formfaktor, zu unausgegoren ist noch die Klapp- bzw. Falt-Display-Technologie. Glaubt man Kuo, dürften die Kinderkrankheiten indes in zwei Jahren behoben sein, wenn Apple mit seinem großen, marktreifen Wurf startet – und aus dem Stand 15 bis 20 Millionen Einheiten verkaufen könnte, wie MacRumors berichtet.   

+++ One more thing: Ist Ether der bessere Bitcoin?  +++

Ja, der Bitcoin dominiert reflexartig jede Diskussion über Kryptowährungen. Er ist längst zu einer mythisch verklärten Glaubensfrage geworden: Entweder man glaubt an die Cyberdevise, die mal als digitales Gold, mal als Zukunft des Geldes (und für manche Hardcore-Hodler gar als Ersatzreligion) gehandelt wird – oder man befindet sich schnell auf der Seite der Bitcoin-Skeptiker, wie etwa Warren Buffett-Buddy Charlie Munger, der am Wochenende zu einem Rant ansetzte, der in keinem Jahresrückblick fehlen darf. 

„Ja, natürlich, ich hasse den Bitcoin …., „wütete der 97-Jährige (sic!) und fügte dann, wohl der Wirkung seiner Worte gewahr, noch „-Erfolg“ hinzu, was, sachlich abgeschwächt, natürlich besser klingt, und die Wut über den Siegeszug des Bitcoin kaum verbirgt. 

Wie Munger eigentlich zur zweitgrößten Kryptowährung steht, ist nicht überliefert. Gemessen an den Kurszuwächsen müsste der Co-CEO von Berkshire Hathaway dann eigentlich rot anlaufen, denn Ethereum lässt sogar den Bitcoin ziemlich alt aussehen.

Während die älteste Kryptowährung seit Jahresbeginn um knapp 100 Prozent vorne liegt und damit von so ziemlich allen Mainstream-Medien als spekulativer Exzess beschrieben wird, hat Ethereum – kein Vertipper – seit Januar tatsächlich eine Wertsteigerung von über 300 Prozent verbucht. Und mehr noch:  Seit den Corona-Tiefs im vergangenen März konnten mutige Anleger sogar Renditen von 1500 Prozent und mehr einstreichen. Allein im vergangenen Monat hob Ethereum von 2000 Dollar auf Kurse zu Wochenbeginn von 3500 Dollar ab.

Was Ethereum so besonders macht, ist nicht nur die Tatsache, dass es – anders als bei Bitcoin  – mit Vitalik Buterin einen Gründer gibt, der die Plattform bis heute weiterentwickelt. Ethereum ist tatsächlich ein ganzes Krypto-Ökosystem, das – wie zuletzt beim NFT-Hype –  weitaus größere Anwendungen bietet, wie das „Wall Street Journal“ gut zusammengefasst hat

Ja, Krypto ist im Mainstream angekommen – und nein, es geht nicht mehr weg. Auch Verlagsmanager sollten sich damit vertraut machen. Das „Time Magazine“ hat es übrigens schon getan

Cheers + bis nächste Woche!

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