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Jan Josef Liefers, Meret Becker und andere

#Allesdichtmachen – umstrittene Kunst-Aktion von Schauspielern zur Corona-Politik

Schauspieler Jan Josef Liefers – Foto: Screenshot

Über 50 Schauspielerinnen und Schauspieler äußern unter #Allesdichtmachen ihren Unmut über die Corona-Politik der Bundesregierung. Die Kunst-Aktion soll ironisch gemeint sein. In den sozialen Netzwerken stößt sie auf ein geteiltes Echo.

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Große Aufregung am Donnerstagabend um eine Aktion von etwa 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. U.a. auf der Website allesdichtmachen.de, auf YouTube und den einzelnen Social-Media-Profilen der Mitwirkenden wurden Videos veröffentlicht, in denen sich Jan Josef Liefers, Meret Becker, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Volker Bruch, Heike Makatsch und viele andere satirisch/ironisch mit der aktuellen Corona-Politik in Deutschland auseinander setzen. Gemeinsames Motto der Videos: „Alles dicht machen, nie wieder aufmachen, Lockdown für immer“.

Die Meinungen sind gespalten

Die Reaktionen auf die Videos könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite finden sich Meinungen wie der Tweet „Ich habe jetzt alle 53 #allesdichtmachen Videos angeschaut – ein Meisterwerk – es sollte uns sehr nachdenklich machen“ des Virologen Jonas Schmidt-Chanasit oder „Großartig. Künster gegen die Coronapolitik: Jan Josef Liefers: ‚Danke an alle Medien unseres Landes …‘“ von Hans-Georg Maaßen. „Tichys Einblick“ beschreibt die Aktion sogar als „mittleres Wunder“: „In Deutschland gibt es tatsächlich noch regierungskritische Satire„.

Auf der anderen Seite gibt es zum Teil fundamentale Kritik an Liefers & Co. So stammt der populärste Tweet zum Hashtag #allesdichtmachen vom Moderator und Notfallsanitäter Tobias Schlegel und lautet: „Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben.“ Journalist Dennis Horn schreibt „Während Menschen sterben, schwurbeln sich Schauspieler:innen, auf die ich viel halte, mit ekelhafter Ironie eine YouTube-Kampagne zusammen. Diese Pandemie hat einige schlimme Dinge hervorgebracht. Diese grässliche Idee gehört dazu“ und ergänzt: „Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Wie die Politik in dieser Pandemie mit der Kultur umgeht (die übrigens auch ein Wirtschaftsfaktor ist), halte ich für eine Katastrophe. Aber nichts davon rechtfertigt diese wirklich üble Kampagne, diesen Ton, diese Form.

„DWDL“-Kollege Thomas Lückerath schreibt: „Und dieser verachtende Zynismus ausgerechnet von teils prominenten Filmschauspielerinnen und -Schauspieler, die meist trotz der Pandemie arbeiten können, weil Rundfunkbeitrag oder steuerfinanzierte Fördermittel ihre Filme und entstehende Mehrkosten stemmen. Hartes Schicksal.“ Wissenschaftler Dominic Gohla meint: „Yay, Querdenken für Leute mit Manufactum-Rosenschere.“ Udn Jan Böhmermann findet: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“ und verlinkt die Folge „Station 43 – Sterben“ der ARD-Doku-Reihe „Charité intensiv“.

Auch Kollegen der Mitwirkenden reagierten teilweise kritisch. So schrieb Elyas M’Barek auf der Instagram-Seite von Volker Bruch: „Come on, das ist doch Blödsinn. Was unterstellst du denn da unserer Regierung? Kann ich null nachvollziehen. Jeder will wieder zur Normalität zurückkehren und das wird auch passieren. Wenn alle dafür sorgen, dass eine weltweite PANDEMIE bekämpft wird. Mit Zynismus ist doch keinem geholfen„. Und Sandra Hüller kommentierte dort einfach: „Leute. Bitte.

Kurz vor 1 Uhr äußerte sich dann Jan Josef Liefers, der prominenteste der Mitwirkenden in einem Twitter-Thread: „Klartext. Ich setze mich kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu SarsCoV2 und Covid 19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar über Prioritäten von Medien sein sollte. Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt. Ich bin bei all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen. Denen, die während der ständig erneuerten ineffektiven Lockdowns häusliche Gewalt erleiden müssen und bei den unverzeihlichsten aller Kollateralschäden, den Kindern. Gute Nacht zusammen.“

Wenn meine Meinung interessieren sollte: Ich finde die Videos nicht lustig, nichtmal amüsant. Einige sind erschreckend zynisch, andere belanglos. Aber über Humor lässt sich nicht streiten. Was mich aber erschreckt an der Aktion: der Zeitpunkt. Auf der einen Seite liegen seit Donnerstag erstmals seit mehr als drei Monaten wieder mehr als 5.000 Leute wegen Corona auf den deutschen Intensivstationen. Mehr als 500 davon hängen sogar an einem ECMO-Gerät. So viele wie nie zuvor in der Pandemie. (Quelle der Zahlen: DIVI).

Auf der anderen Seite ist aber doch auch ein Ende in Sicht: Die Entwicklungen in schnell impfenden Ländern wie England oder Israel zeigen doch das Licht am Ende des Tunnels. Das endlich schnelle Impftempo in Deutschland mit teilweise mehr als 700.000 täglich geimpften Personen wird in einigen Wochen automatisch dazu führen, dass die Pandemie ihren Schrecken verliert. Und zu diesem Zeitpunkt, an dem eigentlich Hoffnung angesagt sein müsste, kommen die Schauspieler und Schauspielerinnen mit einer solch negativen, hoffnungslosen, teilweise zynischen Aktion.

Oder wie es Alexander Krei ausdrückt: „Liebes deutsches Fernsehen, aus gegebenem Anlass: Ab sofort bitte wieder mehr Filme mit Uschi Glas!

Dieser Text stammt aus dem Trending-Letter vom 23. April 2021. Hier können Sie Trending abonnieren.

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