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#trending Nummer 864 - Freitag, 23. April 2021

#allesdichtmachen, die ausgefallene Grippewelle, Sarah Voss‘ Ganzkörperanzug

Jens Schröder – Illustration: Bertil Brahm

Guten Morgen! Wieder einmal so ein Tag, an dem man sich wünscht, dass diese Pandemie möglichst schnell nicht mehr das einzige Diskussionsthema ist. Die riesige Zahl an Leuten auf allen Argumentationsseiten, die mit maximaler verbaler Waffengewalt aufeinander losgeht, weil sie es besser weiß als der/die andere, geht mir nur noch auf den Geist.

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#trending // #allesdichtmachen

Große Aufregung am Donnerstagabend um eine Aktion von etwa 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. U.a. auf der Website allesdichtmachen.de, auf YouTube und den einzelnen Social-Media-Profilen der Mitwirkenden wurden Videos veröffentlicht, in denen sich Jan Josef Liefers, Meret Becker, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Volker Bruch, Heike Makatsch und viele andere satirisch/ironisch mit der aktuellen Corona-Politik in Deutschland auseinander setzen. Gemeinsames Motto der Videos: „Alles dicht machen, nie wieder aufmachen, Lockdown für immer“.

Die Reaktionen auf die Videos könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite finden sich Meinungen wie der Tweet „Ich habe jetzt alle 53 #allesdichtmachen Videos angeschaut – ein Meisterwerk – es sollte uns sehr nachdenklich machen“ des Virologen Jonas Schmidt-Chanasit oder „Großartig. Künster gegen die Coronapolitik: Jan Josef Liefers: ‚Danke an alle Medien unseres Landes …‘“ von Hans-Georg Maaßen. „Tichys Einblick“ beschreibt die Aktion sogar als „mittleres Wunder“: „In Deutschland gibt es tatsächlich noch regierungskritische Satire„.

Auf der anderen Seite gibt es zum Teil fundamentale Kritik an Liefers & Co. So stammt der populärste Tweet zum Hashtag #allesdichtmachen vom Moderator und Notfallsanitäter Tobias Schlegel und lautet: „Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben.“ Journalist Dennis Horn schreibt „Während Menschen sterben, schwurbeln sich Schauspieler:innen, auf die ich viel halte, mit ekelhafter Ironie eine YouTube-Kampagne zusammen. Diese Pandemie hat einige schlimme Dinge hervorgebracht. Diese grässliche Idee gehört dazu“ und ergänzt: „Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Wie die Politik in dieser Pandemie mit der Kultur umgeht (die übrigens auch ein Wirtschaftsfaktor ist), halte ich für eine Katastrophe. Aber nichts davon rechtfertigt diese wirklich üble Kampagne, diesen Ton, diese Form.

„DWDL“-Kollege Thomas Lückerath schreibt: „Und dieser verachtende Zynismus ausgerechnet von teils prominenten Filmschauspielerinnen und -Schauspieler, die meist trotz der Pandemie arbeiten können, weil Rundfunkbeitrag oder steuerfinanzierte Fördermittel ihre Filme und entstehende Mehrkosten stemmen. Hartes Schicksal.“ Wissenschaftler Dominic Gohla meint: „Yay, Querdenken für Leute mit Manufactum-Rosenschere.“ Udn Jan Böhmermann findet: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“ und verlinkt die Folge „Station 43 – Sterben“ der ARD-Doku-Reihe „Charité intensiv“.

Auch Kollegen der Mitwirkenden reagierten teilweise kritisch. So schrieb Elyas M’Barek auf der Instagram-Seite von Volker Bruch: „Come on, das ist doch Blödsinn. Was unterstellst du denn da unserer Regierung? Kann ich null nachvollziehen. Jeder will wieder zur Normalität zurückkehren und das wird auch passieren. Wenn alle dafür sorgen, dass eine weltweite PANDEMIE bekämpft wird. Mit Zynismus ist doch keinem geholfen„. Und Sandra Hüller kommentierte dort einfach: „Leute. Bitte.

Kurz vor 1 Uhr äußerte sich dann Jan Josef Liefers, der prominenteste der Mitwirkenden in einem Twitter-Thread: „Klartext. Ich setze mich kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu SarsCoV2 und Covid 19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar über Prioritäten von Medien sein sollte. Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt. Ich bin bei all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen. Denen, die während der ständig erneuerten ineffektiven Lockdowns häusliche Gewalt erleiden müssen und bei den unverzeihlichsten aller Kollateralschäden, den Kindern. Gute Nacht zusammen.“

Wenn meine Meinung interessieren sollte: Ich finde die Videos nicht lustig, nichtmal amüsant. Einige sind erschreckend zynisch, andere belanglos. Aber über Humor lässt sich nicht streiten. Was mich aber erschreckt an der Aktion: der Zeitpunkt. Auf der einen Seite liegen seit Donnerstag erstmals seit mehr als drei Monaten wieder mehr als 5.000 Leute wegen Corona auf den deutschen Intensivstationen. Mehr als 500 davon hängen sogar an einem ECMO-Gerät. So viele wie nie zuvor in der Pandemie. (Quelle der Zahlen: DIVI).

Auf der anderen Seite ist aber doch auch ein Ende in Sicht: Die Entwicklungen in schnell impfenden Ländern wie England oder Israel zeigen doch das Licht am Ende des Tunnels. Das endlich schnelle Impftempo in Deutschland mit teilweise mehr als 700.000 täglich geimpften Personen wird in einigen Wochen automatisch dazu führen, dass die Pandemie ihren Schrecken verliert. Und zu diesem Zeitpunkt, an dem eigentlich Hoffnung angesagt sein müsste, kommen die Schauspieler und Schauspielerinnen mit einer solch negativen, hoffnungslosen, teilweise zynischen Aktion.

Oder wie es Alexander Krei ausdrückt: „Liebes deutsches Fernsehen, aus gegebenem Anlass: Ab sofort bitte wieder mehr Filme mit Uschi Glas!

#trending // die ausgefallene Grippewelle

Eine äußerst positive Nebenwirkung der Anti-Corona-Maßnahmen wie der Maskenpflicht wurde am Donnerstag zu einem großen Nachrichtenthema: die Grippewelle, die in diesem Winter nahezu komplett ausgefallen ist. Das RKI habe nur 519 im Labor bestätigte Influenza-Fälle registriert, eine Sprecherin des Instituts wird mit den Worten „Es hat in dieser Saison überhaupt keine Grippewelle gegeben“ zitiert.

„Focus Online“ erreichte mit dem Artikel „Grippewelle in dieser Saison ausgeblieben“ 38.200 Facebook- und Twitter-Interaktionen – so viele wie kein anderer deutschsprachiger Artikel des Tages. Auf Facebook und Instagram punktete die „Tagesschau“ zudem mit entsprechenden Posts.

#trending // Sarah Voss‘ Ganzkörperanzug

Der erfolgreichste deutschsprachige Instagram-Post des Tages kam ebenfalls von der „Tagesschau“ und dreht sich um die deutsche Turnerin Sarah Voss, die derzeit bei der EM in Basel aktiv ist. Das Besondere: Sie turnt in einem – noch – ungewohnten Outfit, nämlich mit langen Hosen. Voss sagt dazu: „Wir Frauen wollen uns alle wohlfühlen in unserer Haut. In der Sportart Turnen wird das immer schwieriger, je weiter man sich von seinem Kinderkörper entfernt. Als kleines Mädchen fand ich die knappen Turnanzüge nicht so hochdramatisch. Aber als die Pubertät begann, als die Periode dazu kam, da hatte ich zunehmend ein ungutes Gefühl. Man fühlt sich manchmal ziemlich nackt.

Auf Instagram erreichte der „Tagesschau“-Post „Ganzkörperanzug gegen Sexualisierung“ 225.000 Likes – deutscher Bestwert für den Donnerstag. Auf Facebook kam der entsprechende Beitrag auf 21.500 Likes & Co.

#trending // Deutsche Tops des Tages

Story nach Social-Media-Interaktionen: „Focus Online“ – „Grippewelle in dieser Saison ausgeblieben“ (38.200 Interaktionen bei Facebook und Twitter)

Story nach Likes & Shares bei Twitter: „Bild“ – „Kommentar zum Bundes-Lockdown – Ein Geschenk für Extremisten“ (4.900 Likes und Shares)

Podcast (Apple Podcasts): „Das Coronavirus-Update von NDR Info“ – „(85) Risiken und Nebenwirkungen

Google-Suchbegriff: Tag der Erde (200.000+ Suchen)

Wikipedia-SeiteThomas Fritsch (Schauspieler) (295.300 Abrufe am Mittwoch)

Youtube-Video [die Nummer 1 aller am Mittwoch veröffentlichten deutschsprachigen Videos]: „unsympathischTV“ – „Mein Schulprojekt geht über Elena Kamperi“ (1.223.100 Views)

Serie (Netflix): „Wer hat Sara ermordet?

Song (Spotify): Miksu / Macloud, Nimo, Jamule – „Frag mich nicht“ (464.900 Stream-Abrufe aus Deutschland am Mittwoch)

Musik (Amazon): Broilers – „Puro Amor (Limitierte Erstauflage im DigiPak“ (Audio CD)

DVD/Blu-ray (Amazon): „Basic Instinct (Limited Steelbook Edition)“ (Blu-ray)

Game (Amazon) [ohne Gutscheinkarten und Hardware]: „Super Mario 3D World + Bowser’s Fury“ (Nintendo Switch)

Buch (Amazon): Olivia Jones – „Ungeschminkt: Mein schrilles Doppelleben“ (Taschenbuch)

#trending // Feedback

Anmerkung: Alle in #trending genannten Zahlen beziehen sich wenn nicht anders vermerkt auf den Vortag der Newsletter-Veröffentlichung (Stand: 24 Uhr)

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