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Gastbeitrag von Marlis Prinzing und Florian Meißner

Corona-Berichterstattung: So unterscheidet man Panikmacher von seriösen Warnern

Foto: imagoimages / MaBoSport

Medien müssen warnen, wenn Gefahr droht. Gerade in Krisen können sie nicht lediglich informieren. Das wäre verantwortungslos. Die Kölner Kommunikationswissenschaftler Marlis Prinzing und Florian Meißner leiten aus Studienbefunden und Ethik fünf Punkte ab, an denen man seriöse Warner erkennt.

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Anti-Corona-Impfungen als das vertretbare Risiko empfehlen und Nebenwirkungen kleinreden? Über Lockdown und andere Grundrechtseinschränkungen nur neutral berichten, sie verteidigen, oder gegen sie Stimmung machen? Gefahren verharmlosen, um Menschen nicht zu verängstigen? Ob die Berichterstattung über Corona angemessen ist, wird fast seit Beginn der Pandemie kontrovers diskutiert. Auch in der Kommunikationswissenschaft ist das Spektrum der Kritik breit: Es reicht vom Vorwurf des Corona-Alarmismus und der verzerrten Wiedergabe von Meinungen zu Corona-Maßnahmen in etlichen Medien (wohl durch falsche Interpretation von Umfragen wurde erklärt, dass die Menschen Lockerungen wollen; tatsächlich war der große Teil für strenge Regeln), umfasst aber auch Studien, die dem Journalismus ein sehr gutes Zeugnis ausstellen (etwa von Forschungsteams in Münster und Zürich). Die Einschätzung der Medienwirkung klafft gerade bei den kritischen Stimmen auseinander: Je nachdem, wem man zuhört, haben Medien entweder Verschärfungen oder Lockerungen von Maßnahmen herbeigeschrieben.

Alarmismus in großem Stil? Laut Studienlage ein deutliches Nein

Eines ist allen gemeinsam: Sie sehen in der Krise eine besondere Verantwortung der Medienberichterstattung. Diese Position teilen wir. Wir wollen zudem darlegen, worin die Verantwortung von Medien in der Krisenberichterstattung besteht und inwieweit sie ihr gerecht geworden sind. Um dies empirisch gestützt zu beantworten, tragen wir hier Ergebnisse erster Studien zur Corona-Berichterstattung zusammen.

Über die Autoren

Marlis Prinzing ist Studiendekanin und Professorin für Journalistik an der Hochschule Macromedia in Köln. In der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) ist sie Sprecherin der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik und Co-Leiterin der Redaktion des Informationsdienstes Aviso. Außerdem ist sie Kolumnistin für Medienthemen beim „Tagesspiegel“ und beim „Standard“.

Florian Meißner lehrt als Professor für Medienmanagement und Journalistik am Campus Köln der Hochschule Macromedia. Seine Fachgebiet sind Krisenkommunikation und internationale Journalismusforschung. An der Schnittstelle der beiden Bereiche promovierte er an der TU Dortmund zur deutschen und japanischen Medienberichterstattung über die Fukushima-Katastrophe.

Beispiellose Themendominanz, hohes Informationsbedürfnis: Seit mehr als einem Jahr dominiert das Thema die mediale Agenda wie kein anderes in der Nachkriegsgeschichte. Das Thema „Corona“ schwoll laut einer Untersuchung des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (foeg) der Universität Zürich in der ersten Welle bis auf 70 Prozent der gesamten Schweizer Medienberichterstattung an. In den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF waren es einer weiteren Studie der GöfAK Medienforschung zufolge Mitte März 2020, rund um den ersten Lockdown, sogar 95 Prozent. Mit dem Abklingen der ersten Welle pendelte sich der Anteil der Corona-Berichterstattung auf rund 40 Prozent ein (siehe die Studie Covid-Norms) und stieg auch in der zweiten Infektionswelle kaum mehr.

Dem entspricht ein gerade zu Beginn der Krise außerordentlich hohes Themeninteresse in der Bevölkerung, wenngleich es bereits früh auch Themenverdrossenheit gab, wie etwa eine Studie der LMU München zeigt. Die umfangreiche Corona-Berichterstattung ging zumindest nicht zu Lasten anderer globaler Themen wie Klimawandel und Flüchtende, denen selbst während der Pandemie eine konstant hohe Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Es erfolgte kein Alarmismus im großen Stil, zumindest wird ein solcher in keiner uns bekannten Studie belegt. Im Gegenteil: Die große Mehrheit der Bevölkerung war laut einer Studie von Mainzer und Düsseldorfer Forschungsteams mit der Berichterstattung bis zuletzt zufrieden, insbesondere mit der des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – und fand die Debatte konstruktiv. Eine Minderheit sah das anders und kritisierte die Berichterstattung im Jahr 2020 als übertrieben und sensationalistisch.

Den Vorwurf, vor allem Verlautbarungsjournalismus betrieben zu haben, bestätigt die erwähnte foeg-Studie für die ersten Wochen des Lockdowns, danach wurde zunehmend kritisch berichtet, in Deutschland zum Beispiel auch zur Beschaffung von Impfstoffen. Für die Anfangszeit muss man allerdings anführen, dass da niemand wirklich wusste, wie mit dieser Krise umzugehen war. Dies führte offenbar zu einer Tendenz, offizielle Positionen oder solche von Expertinnen und Experten zunächst vor allem zu verlautbaren, um uneinschätzbare Risiken gering zu halten. 

Ein vernachlässigter Aspekt: die Funktion des Warners

Im Unterschied zur Flüchtlingskrise, in der das Medienvertrauen zeitweise deutlich gesunken war, ist es im Zuge der Corona-Krise 2020 deutlich gestiegen, wie die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen zeigt. Auf einer Fachtagung präsentierte Forschungsergebnisse von Fretwurst und Günther zeigen darüber hinaus, dass Medienberichterstattung sich positiv auf die Bereitschaft zum „social distancing“ auswirkte und somit half, Ansteckungen zu reduzieren. Journalismus hat also nicht versagt, der teils heftigen Kritik an ihm zum Trotz: Das resümieren diese Studien, und ähnlich urteilt die Mehrheit der Bevölkerung.

Aber: Gerade für die Krise müsste der ethische Kompass noch besser justiert sein, sich an Wissen aus der Krisenkommunikation und ethischem Abwägen ausrichten. Wurde vor der Veröffentlichung überlegt, welche Folgen diese erzeugen kann und aus welchen Gründen diese zuzumuten und zum Wohl eines großen Teils der Gesellschaft sind, also verantwortungs- bzw. zielethisch gedacht? Wird dem gegenübergestellt, ob der Pflicht zu publizieren zu folgen ist und ob die Art, wie dies getan wird, eine allgemeingültige Maxime sein könnte, also gesinnungs- bzw. pflichtethisch überlegt? Wurde zudem diskursethisch abgewogen, also darüber nachgedacht, wer und auf welche Weise hier als Betroffener direkt zu Wort kommen sollte? Und trugen Medien Sorge dafür, dass auch die Debatte über Maßnahmen etc. Raum erhielt?

All diese Fragen schließen einen Bereich ein, den Medien oft ebenso vernachlässigen wie Kommunikationswissenschaftler als ihre Beobachter: die Funktion des Warners.

Fünf Säulen dienen in Krisenzeiten als Stützen für die Berichterstattung

Die Krise ist ernst. Angst erwächst aus den Fakten, was den mit dem Corona-Virus oder seinen Mutanten infizierten Menschen widerfahren kann. Medien sind in allererster Linie die Vermittler dieser Fakten. Sie haben darüber zu informieren sowie über die Maßnahmen, die gestützt auf Expertise aus verschiedenen Bereichen zu treffen sind. Aber das genügt nicht. Medien, die sich gerade in Krisen auf die Informationsfunktion zurückziehen, statt etwa auch als Frühwarner zu wirken, handeln verantwortungslos. Ähnlich verantwortungslos ist es, sie als „Panikmacher“ zu diskreditieren, wenn sie diese Aufgabe wahrnehmen. Einen Erdbebenwarndienst kritisiert auch niemand als Panikmacher. Entscheidend aber ist, auf welche Weise sie warnen. Daran schließt die Frage an, ob das Warnen einschließt, zu strengen Lockdown-Maßnahmen oder zum Impfen aufzufordern, oder ob dies aktivistisch und ein letztlich fehlgeleitetes Rollenverständnis von Journalismus ist.

Die Antwort ergibt sich aus der Professionalität. Journalisten und Journalistinnen, die ihren Beruf auch in Krisenzeiten gut verstehen, stützen ihre Berichterstattungsverantwortung – neben dem Basishandwerk – auf fünf Säulen:

1.    Sie können differenzieren.

Wer skeptisch oder ängstlich ist, muss nicht automatisch ein Impfgegner sein oder ein Corona-Leugner oder ein „Querdenker“. Hier die Unterschiede klarzumachen, statt alles Mögliche in einen Topf zu werfen, kann einen besorgniserregenden Effekt reduzieren helfen: Das Gefühl eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung, zum Beispiel auch durch Medien, in eine Ecke gestellt und mit den eigenen Themen und Anliegen nicht wirklich wahrgenommen zu werden. Dem kann Journalismus entgegentreten, in dem er den differenzierten Blick anwendet und damit auch das in ihn gesetzte Vertrauen stärkt. Indem Journalismus systematisch Unterschiede verdeutlicht, kann er zudem den Menschen helfen, Informationen und Falschinformationen besser auseinanderzuhalten.

2.    Sie können unterscheiden zwischen Korrelation und Kausalzusammenhang.

Dazu ein Beispiel: „ZDF Zoom“ (17. Februar 2021) lässt eine Mutter von einem Impfschaden erzählen, den ihre Tochter erlitten habe. Sie sei als Zweieinhalbjährige geimpft worden und drei Jahre später habe sie unerklärbare Krankheitssymptome (Fieberkrämpfe) gehabt. Einen Beleg dafür, dass Impfung und Krämpfe tatsächlich in einem ursächlichen Zusammenhang stehen, gibt es aber nicht. Und der große Abstand von drei Jahren macht einen solchen Zusammenhang erst recht unwahrscheinlich.

Ähnlich sind auch sensationalistisch wirkende Schlagzeilen im Januar 2021 über eine rasch nach ihrer Impfung gestorbene, ältere Frau. Fakt ist: Auch wenn zwei Ereignisse kurz hintereinander geschehen, müssen sie nicht zwingend ursächlich miteinander verbunden sein (MEEDIA berichtete)

3.    Sie ordnen ein. Sofort.

Zum Beispiel wäre dies in der „ZDF-Zoom“-Reportage nötig gewesen. Medien müssen über Impfschäden berichten; es ist gut und (auch diskursethisch) richtig, dabei Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Aber es ist fatal, bei Themen, die schwer zu prüfen sind, Menschen einfach reden zu lassen und lediglich zu protokollieren. Hier gilt es, sofort (und nicht irgendwo anders in der Geschichte, wo ein Teil des Publikums sich vielleicht bereits ausgeklinkt hat) einzuordnen: Kann das sein?

Einordnen heißt auch, Zusammenhänge klarlegen: Wie viele Impfschäden sind denn beispielsweise bei Versorgungsämtern in den Bundesländern gemeldet? In welcher Relation steht diese Zahl zur Zahl der verabreichten Impfungen?

Und Einordnen bedeutet, das gegeneinander abzuwägen, was sich tatsächlich gegenübersteht: Wer über Impfschäden oder Impfrisiken berichtet, der muss die Risiken einer Impfung und Risiken der Infektions-Krankheit gegeneinander abwägen, nicht den gesunden Zustand gegen das Impfrisiko: Das Thrombose-Risiko bei AstraZeneca-Impfungen ist offenbar deutlich niedriger als das Thrombose-Risiko von Covid-Erkrankten.

Wenn erkennbar falsche Informationen von Impfkritikern einfach stehen bleiben und nicht geprüft werden, verletzen Journalistinnen und Journalisten damit ihre Sorgfaltspflicht, ramponieren die Glaubwürdigkeit seriöser Medien und schütten mitten in einer Gesundheitskrise Öl ins Feuer ideologischer Impfgegner.   

4.    Sie schaffen Transparenz.

Sie erklären, warum sie bestimmte Personen zu Wort kommen lassen, sich für eine bestimmte Art des Berichtens entscheiden – kurz: Sie lassen ihr Publikum an der Debatte in der Redaktionskonferenz teilhaben. Und sie legen offen, was sie wissen und was nicht, nennen die guten und die schlechten Nachrichten.

5. Sie stärken die Risikokompetenz der Menschen.

Sie geben Verhaltenshinweise, also klare und einfache Erläuterungen, wie man sich und andere schützen kann; liefern Orientierung, indem sie umfassend und präzise berichten; begleiten (un)verantwortlich Handelnde kritisch – und sie klären über Risiken auf, setzen sie ins Verhältnis, beleuchten verschiedene Ansätze des Umganges mit ihnen.

Sie geben Verhaltenshinweise, also klare und einfache Erläuterungen, wie man sich und andere schützen kann; liefern Orientierung, indem sie umfassend und präzise berichten; begleiten (un)verantwortlich Handelnde kritisch. Außerdem klären sie über Risiken auf, setzen sie ins Verhältnis, beleuchten verschiedene Ansätze des Umganges mit ihnen und liefern zuweilen handfeste Tipps, beispielsweise für den Bau von Luftfiltern, die die Ansteckungsgefahr im Klassenzimmer eindämmen helfen.

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