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Gastbeitrag über Parteien

Alles falsch. Alles richtig. Und egal.

Stefan Schmidt findet bissige Worte zu den Parteien – Foto: Kastner Frankfurt

Die drei größten Parteien, CDU/CSU, SPD und Die Grünen, haben Kanzlerkandidaten ausgerufen. Wie lief das denn?!? Und wie geht’s jetzt weiter? Der gelernte Texter Stefan Schmidt ist Kreativchef der Red Bull-Agentur Kastner und entwarf schon Kampagnen für die Grünen und die SPD.

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Alles falsch

Die CDU/CSU hat sich, um einen Kandidaten zu finden, ganz ihrem Markenkern (20. Jahrhundert, patriarchalisch, ländlich) gemäß entschieden, einen Schwanzvergleich zu veranstalten. Fünf Monate vor der Wahl. Und ohne überhaupt ein Programm vorgelegt zu haben. Die Inszenierung dieses Hahnenkampfes gelang entsprechend. Mit jedem Tag mehr Söder und Laschet im Headlock stellte sich für die Schwesterparteien heraus: Egal, wie wir uns entscheiden, wir können es nur noch falsch machen. Man entschied sich für Laschet. Gefreut hat das in Partei und Bevölkerung kaum eine.

Alles richtig

Ganz anders die Grünen. Da hat nicht erst einer kurz vor knapp den Hut in den Ring geworfen. Beide Co-Parteispitzen haben seit drei Jahren tatsächlich gemeinsam und kollegial miteinander gearbeitet. Und sie haben entschieden, dass sie es auch entspannt untereinander schaffen, eine zur Kandidatin zu küren. Und so kam es, dass in Partei und Bevölkerung beide, Baerbock und Habeck, als gute Wahl für die Kanzlerkandidatur angesehen wurden. Die Grünen konnten also nix falsch machen.

Und egal

Und als dritte Partei die ehemalige Volkspartei SPD. Auch sie glaubt, trotz Umfragewerten zwischen zwölf und 15 Prozent, einen Kanzlerkandidaten aufstellen zu müssen. Sie hat sich entschieden, nicht einen der beiden Parteivorsitzenden zu wählen, die keiner kennt. Sondern einen dritten. Den, den keiner wollte. Die Nominierung von Olaf Scholz hat aber keine großen Wellen geschlagen. Irgendwie war das in Deutschland den allermeisten egal.

Wer ist nun klar. Aber das Was und das Wie?

Die Grünen versprechen uns Veränderung, aber mit Verstand. Dieser Satz tauchte am Montag nach Annalena Baerbocks Ernennung erstmals auf. Das ist in zweierlei Hinsicht klug. Erstens. Wandel ist, was sich der aufgeklärte Teil der Bevölkerung dringend wünscht; digitale Transformation, Entbürokratisierung, echte soziale Teilhabe, Ende der sozialen Spaltung und nicht zuletzt endlich das Inangriffnehmen der größten Aufgabe dieses Jahrhunderts – das Verhindern der Klimakatastrophe. Dazu braucht es den Verstand, also das Rationale, die Wissenschaft.

Zweitens kann man „mit Verstand“ auch so verstehen, dass der Wandel nicht mit der Brechstange vonstatten geht, sondern besonnen. Diese Lesart wird die Boomer-Generation beruhigen, die von den Grünen immer noch „das Schlimmste“ erwartet. Die Aufgabe der Grünen besteht kommunikativ deshalb in diesem Spagat. Drastisch genug, um der Wissenschaft, der Realität, Fridays for Future ein echtes ökologisch-soziales Angebot zu machen. Verbindlich genug, um Ältere und Zweifler nicht doch der SPD in die Arme zu jagen.

Die Union hat die schwerste Aufgabe. Die Früchte ihrer Politik sind keine süßen. Das hat die Corona-Krise zutage gebracht. Selbst hart-gesottene westdeutsche Katholiken würden nicht behaupten, die BRD, die seit 16 Jahren maßgeblich von CDU/CSU geführt wurde, sei gut in Schuss. Aber die Union hat etwas, das es ihr auch besonders einfach macht. Wähler*innen, die allzu gerne schnell vergessen. Kurz nach dem Korruptions-Skandal rund um die Maskenbeschaffung fiel die Union in Umfragen auf 26 Prozent. Nur wenige Wochen später stand sie wieder bei 30 Prozent. Ohne irgendetwas nennenswert Gutes gegen Corona getan zu haben. Ihre Chance: Glaubhaft vermitteln, dass Laschet die besonnene Politik Merkels fortsetzt. Denn diese ist, trotz aller Kritik am Zustand Deutschlands, noch immer außerordentlich beliebt.

Die SPD hat die schlechteste Position. Aufgerieben als kleiner Partner in der großen Koalition, ältlich wirkend gegen die neue hippe urbane Kraft der Grünen, mit einer Stammwählerschaft, die so alt ist wie die der Union. Und mit einem Kandidaten, der wie der brave Buchhalter der Merkel-Jahre wirkt. Aufbruch wird so schwer zu vermitteln sein.

Was eine kleine Tragödie ist. Denn die Verwerfungen einer neo-liberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik schreien geradezu nach einer starken Sozialdemokratie. Aber Scholz selbst kommt aus dem Dunstkreis Schröders, der hauptsächlich am neo-liberalen Drift seiner Partei schuld ist. Es wird schwer für ihn, Vertrauen zurück zu gewinnen.

Ein Kardinalfehler der SPD wäre zu versuchen, den Grünen die junge urbane Elite wieder abzuluchsen. Also die Menschen, die vor 40 und 30 Jahren noch SPD gewählt hätten. Ich sehe ihr Heil eher in der Position „Konservativ, aber anständig. Und mit einem empathischen sozialen Herz“. Das heißt, Wähler*innen, die durch die versagende Politik der CDU, ihrer würdelosen Kandidatenermittlung und die Korruptionsfälle abgeschreckt sind, aber nie zu Grün und schon gar nicht zur AfD abwandern würden.

Am Ende geht es um Koalitionsoptionen

Egal, ob Grüne oder Union stärkste Kraft werden, eine Grün-Schwarze, Schwarz-Grüne Verbindung schadet den Grünen. Die Basis und vor allem die Generation „Greta“ würde der Partei eine von CDU/CSU erzwungene Zahmheit nicht verzeihen. So, jetzt kommen die Kleineren ins Spiel. Viel zukunftsorientierter und damit auch weniger image-schädlich wäre ein progressives Bündnis der Grünen mit SPD und Linke.

Und wenn die sich partout wieder selbst ein Bein stellt (Nato, Sie wissen schon), dann eben eine Ampel. Unter grüner Führung. Erstens würde so die bleierne Politik der Union auf die Oppositionsbank verdammt. Und Annalena Baerbock würde ins Kanzleramt einlaufen.

Summary

Grün bewirbt nur urban-grün; progressiv, Sozialstaat reformieren, neuer Politikstil, KlimaKlimaKlima.

Schwarz malt den rot-grün versifften Untergang an die Wand, ohne „versifft“ zu sagen (das überlässt sie der AfD).

Rot attackiert, wenn sie klug ist, die CDU/CSU/AfD/FDP-Marktgläubigen. Und macht konservativen Wählern ein Angebot mit sozialem Gewissen.

Gelb hofft auf alle Merz-Wähler, die mehr Markt wollen und Corona-Leugner, die sich AfD doch (noch) nicht trauen.

Dunkelrot. Bleiben radikal in der Sozialpolitik (höchste Steuersätze!). Fundamental in der Außenpolitik. Und sehnen Opposition praktisch wieder herbei.

AfD. Über so was spreche ich nicht. Muss ich auch nicht. Die werden eine immer unwichtigere Rolle spielen.


Der Autor Stefan Schmidt startete seine Karriere als Texter in den späten 80er Jahren in den Frankfurter Werbeagenturen von Publicis, TBWA und Ogilvy. Mitte der 90er wechselte er als CD nach Hamburg zu Springer & Jacoby. 1999 war er Mitgründer der ersten Auslandsdependance von S&J in London. 2002 übernahm er die Rolle des CCO von TBWA Deutschland. Von 2012 bis 2019 führte er die mit seinem Art-Partner Kurt Georg Dieckert gegründete Dieckert Schmidt Werbeagentur. Seit 2019 ist er Kreativchef von Kastner in Deutschland.

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