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Die GAFA-Kolumne

Wie lange läuft noch Apples Tim Cook-Ära – und was kommt danach?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Tim Cook führt Apple seit fast einer Dekade als CEO – und das höchst erfolgreich. Unter seiner Ägide wuchs Apples Börsenwert von 350 Milliarden auf über 2 Billionen Dollar. Visionäre neue Produkte wie das iPhone fehlen jedoch bislang. Wie lange wird der 60-Jährige den Kultkonzern aus Cupertino noch führen – und wer könnte Cook nachfolgen?

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Mehr als acht Jahre ist es her, als ich in den letzten Zügen meines ersten Buches über Apple lag. Tim Cooks erstes Jahr als Apple-CEO lag hinter ihm, als Apple in die erste große Krise seit über einer Dekade schlitterte, in der sich der Börsenwert fast halbieren sollte und damit mehr als 350 Milliarden Dollar verloren gingen. In genau jenen sechs Monaten entstand das Buch.

Tim Cook wirkte angezählt, die überlebensgroßen Fußstapfen von Vorgänger Steve Jobs schienen zu groß, das Apple-Imperium war ins Wanken geraten, der Börsenthron ging wieder an Exxon Mobil verloren. In Analogie an andere Zeitenwenden in der Geschichte betitelte ich das Buch seinerzeit „Der Aufstieg und Fall des wertvollsten Konzerns der Welt“ – ein Titel, der mir bis heute nachhängt und von Apple-Fanboys immer wieder vorgehalten wird. Auch wenn es mir gern unterstellt wird: Ein Apple-Hasser bin ich trotzdem nicht; ein Fanboy allerdings auch nicht (mehr).

Aus heutiger Sicht war der Titel natürlich zu vorschnell gewählt. Tim Cook stolperte, vielleicht fiel er auch kurz hin, danach aber erhob er sich und stieg erst recht auf. Fakt ist anno 2021 – und damit zehn Jahre nach der Amtsübernahme von Tim Cook –, dass Apple mit Ausnahme eben jener ziemlich holprigen Übergangsphase auf ein Jahrzehnt der Prosperität zurückblicken kann, in dem sich der Börsenwert knapp verzehnfachte.   

Tatsächlich: Anfang April 2011, als Cook den Vorstandsvorsitz bereits interimsmäßig übernommen hatte, notierte die Apple-Aktie bei splitbereingt 12 Dollar, heute sind es über 125 Dollar. Gerade für Börsenskeptiker – und von denen gibt es ja viele in Deutschland – ist der Blick zurück ein formidabler Beweis, was man aus seinem Kapital machen kann, wenn man es richtig anlegt und nur lang genug hält: aus 10.000 wären 100.000 Euro geworden – oder aus 100.000 eine Million Euro.

Tim Cook konnte spätestens nach drei Jahren, als er mit dem endlich über 6 Zoll großen iPhone 6 ein Phablet launchte und zurück auf den zweistelligen Wachstumskurs einschwenkte, aus dem überlangen Schatten von Steve Jobs treten. Seitdem führt der heute 60-Jährige Apple quasi per Autopilot. Cook hat bis heute keine großen Fehler gemacht, er führt Apple –  auch auf Druck von zuerst Carl Icahn, dann mit Hilfe von Warren Buffett – als extrem Shareholder-freundliches Unternehmen ganz nach dem Geschmack der Wall Street.

Produktseitig ist in der vergangenen Dekade – gemessen am vorangegangenen Jahrzehnt unter Steve Jobs zuvor, in dem iPod, iPhone und iPad gelauncht wurden – allerdings erstaunlich wenig passiert. Tatsächlich sind die Apple Watch und die AirPods die einzigen neuen Erfolgsprodukte, die beide jedoch bis heute im Schatten der großen iProdukte-Launches stehen (iMac / iPad / iPhone / iPad).  

Eine von Cooks größten Leistungen ist der sukzessive Ausbau der Servicesparte, durch die Apple das beliebte Narrativ eines Internet-Serviceunternehmens spielen kann, was traditionell mit Bewertungsaufschlägen gehandelt wird. Die sogenannten recurring revenues (sich wiederholende Umsätze – kurz: Monatsabo) sind das Zauberwort der Wall Street. Für Marketing-Guru Scott Galloway wäre der Heilige Gral, den Cook noch auspacken könnte, das sogenannte „Rundle“ – ein recurring revenue bundle, bei dem Apple-Kunden die neusten Apple-Produkte in einem Bundle praktisch leasen würden und so immer auf dem neusten Stand wären. 

Die Multi-Billionen Dollar-Frage lautete jedoch: What’s next? Für Apple als auch Tim Cook selbst? Glaubt man den ziemlich zuverlässigen Branchengerüchten, die oft genug nicht ohne eigenes Zutun gestreut werden, dürfte Apple in den 20er-Jahren mit zwei ganz großen Innovationen aufwarten: den iGlasses und dem iCar.

Die mutmaßlichen iGlasses deutet Cook immer wieder mit dem öffentlich bekundeten Interesse an Augmented Reality-Anwendungen an. Die iGlasses designed in Cupertino wären der logische iPhone-Nachfolger – die Nutzung hätte sich vom Smartphone auf die Smartbrille verschoben.

Das eigentliche Blockbuster-Produkt dürfte indes das bislang teuerste in der 45 Jahre langen Historie des Kultkonzerns aus Cupertino werden: Das (selbstfahrende) Apple-Auto, über das inzwischen seit über sechs Jahren spekuliert wird. Auch im viel diskutierten „New York Times“-Podcast mit Kara Swisher am Osterwochenende deutete Tim Cook Apples Interesse am Sektor ziemlich unverblümt an.

Das autonome Fahren sei „eine Kerntechnologie“ – und damit entsprechend interessant für Apple. „Wir würden gern Hardware, Software und Services integrieren und die Schnittstelle dieser Punkte herausfinden, denn dort findet die Magie statt“, gab Cook Swisher mit auf den Weg. 

Als entsprechend wahrscheinlich kann das Apple-Auto gelten. Die Vergangenheit hat indes gelehrt: Am Ende dauerte es bei Apple immer ein bisschen länger. Entsprechend dürfte iGlasses vielleicht in zwei Jahren, das Apple-Auto kaum vor der zweiten Hälfte des Jahrzehnts auf den Markt kommen.  

Wird Tim Cook die Projekte noch mitgestalten? Ursprünglich hatte sich der Apple-Chef nach der offiziellen Übernahme des CEO-Postens, gemessen an seinen Aktienoptionen, für zehn Jahre verpflichtet. Wie die Vertragsverhältnisse bei Apple im Detail aussehen, ist öffentlich nicht bekannt, doch von einer baldigen Nachfolge ist aktuell nicht die Rede.

Könnte Cook also gar eine weitere Dekade als Apples CEO gestalten? Er wäre dann 70 Jahre alt – ein fast undenkbares Alter im Jugendwahn des Silicon Valley.  Tim Cook selbst wiegelte gegenüber Kara Swisher ab: „Zehn weitere Jahre? Wahrscheinlich nicht“, erklärte Cook am Wochenende. „Aber ich fühle mich gerade großartig, und ein Datum ist nicht in Sicht.“, erklärte Cook, um dann doch noch mal hinzuzufügen: „Zehn Jahre sind eine lange Zeit – zehn weitere Jahre werden es wohl nicht.“    

Cooks Aussage kann man allerdings auch so verstehen, dass er Apple zumindest in den nächsten fünf Jahren mutmaßlich noch erhalten bleiben könnte/dürfte. Die Nachfolgediskussion köchelt unterdessen auf Sparflamme.  Wer Tim Cook einmal beerben könnte? Die besten Chancen werden Operativchef Jeff Williams eingeräumt, der als rechte Hand des Apple-CEOs gilt – und damit gewissermaßen als Tim Cooks Tim Cook. Williams ist wie Andy Jassy bei Amazon der langjährige Kronprinz, der in den kommenden Jahren langsam für die große Rolle aufgebaut werden könnte.  

Bis es zu einer Stabübergabe kommt, dürfte es indes noch einige Jahre dauern. Aktuell spricht einiges dafür, dass Tim Cook zu Beginn einer bald zweiten Dekade mit iGlasses und dem AppleCar ein ähnliches Vermächtnis zumindest auf den Weg bringen möchte, wie es Jobs mit iPhone und iPad getan hat.  

Wie lange der Nachfolger von den größten Kassenschlagern einer ganzen Tech-Generation zehren kann, wurde erst im vergangen Monat wieder deutlich: Die neuen iPhones verkaufen sich so gut, dass Apple im jüngsten Quartal auch nach abgesetzten Stückzahlen den Smartphone-Thron besetzt

+++ Short Tech Reads +++

CNBC: 60 Prozent der GAFAMs notieren auf Allzeithochs

Die vergangenen Monate waren nicht leicht für Big Tech-Aktien – die Sektorenrotation setzte den Favoriten des vergangenen Jahres spürbar zu. Seit ein paar Wochen jedoch kehren die Käufer zurück: Direkt nach dem Osterwochenende notierte nicht nur – wie berichtet – Facebook auf neuen Rekordkursen, sondern auch Alphabet und Microsoft. Amazon und Apple liegen indes aktuell noch 9 bzw. 13 Prozent unter den Spitzenniveaus.     

NYT „Sway“-Podcast: Tim Cook bestätigt, Elon Musk nie getroffen zu haben 

Noch ein Nugget aus dem NYT-Podcast mit Tim Cook, aus dem für einige Zeit zitiert werden dürfte:  Der Apple-CEO erklärte auf Nachfrage, Tesla-CEO Elon Musk bislang nicht getroffen zu haben. Damit bestätigt Cook Musks Anekdote aus dem vergangenen Jahr, nach der Cook ein Treffen zu möglichen Übernahmeplänen in den vergangenen Jahren ausgeschlagen haben soll.

Nichtsdestotrotz war der Apple-Chef voll des Lobes für den mutmaßlichen zukünftigen Rivalen im Elektroautosegment: „Ich habe große Bewunderung für das Unternehmen, das er aufgebaut hat“, sagte Cook. 

CNBC: Kryptowährungen knacken vor dem Coinbase-IPO 2-Billionen-Dollar-Marke  

Der Kryptoboom reißt nicht ab. Zu Wochenbeginn knackte der gesamte Markt für Kryptowährungen die Bewertungsgrenze von bereits zwei Billionen Dollar – das ist fast so viel wie Apple bzw. ein Fünftel so viel wie Gold wert ist. Enormen Rückenwind vom Kaufansturm auf Bitcoin, Ethereum und Co. hat die amerikanische Kryptobörse Coinbase, die in der nächsten Woche selbst an die Börse strebt – nämlich an die Nasdaq.

Wie das acht Jahre Unternehmen aus dem Silicon Valley gestern mitteilte, hat Coinbase allein im ersten Quartal seinen Umsatz auf 1,8 Milliarden Dollar verneunfacht. Der Nettogewinn soll von 32 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum auf nunmehr 730 bis 800 Millionen Dollar explodiert sein. Der Börsenstart ist per Direktlisting am nächsten Mittwoch geplant.    

+++One more Thing: Die Wikleviis sind endlich Milliardäre +++

Und noch mal Krypto: Erinnern Sie sich an die Winklevoss-Brüder? Die schneidigen Ruder-Beaus aus dem Kultfilm „The Social Network“, die den verschüchterten Mark Zuckerberg in Harvard erst für ihre Zwecke mit der Programmierung eines sozialen Netzwerks einspannen wollten und dann vom nerdigen Emporkömmling mit TheFacebook an der Nase herumgeführt wurden? 

Die Winkleviis, wie die beiden Zwillinge Tyler und Cameron in der Techbranche genannt werden, haben 17 Jahre nach der Gründung von Facebook nun tatsächlich selbst den Milliardär-Status erreicht. Grund dafür: der Erfolg ihrer Kryptobörse Gemini – und natürlich den schier unwiderstehlichen Höhenflug des Bitcoins. Wie im Sport gilt auch an den Kapitalmärkten: Man muss durchhalten können.

Mit Revanchegelüsten fällt das wohl noch etwas leichter: Im großen Forbes-Porträt behaupten die 39-Jährigen nämlich, dass die dezentralisierten Kryptomärkte die Zukunft und das zentralisierte, monopolartige weltgrößte Social Network die Vergangenheit darstellen. Rache ist bekanntlich süß.  

Cheers + bis nächste Woche!

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