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Die GAFA-Kolumne

Wird Elon Musk wieder zur Belastung für Tesla?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Der zeitweise reichste Mann der Welt kann es einfach nicht lassen. Elon Musk twittert sich aktuell mal wieder um Kopf und Kragen – und die Social Media-Welt sieht entgeistert zu. Der 49-Jährige kann sich die pubertären Trollereien nach dem gigantischen Erfolg von Tesla leisten. Doch wie lange noch?

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Hand aufs Herz: Wann haben Sie es auf Twitter zuletzt so richtig krachen lassen und einen emotionalen Tweet rausgehauen, den Sie später bereut haben? Passiert schließlich den Besten. Das gilt in beschleunigtem Maße für Big Tech-Enfant Terrible Elon Musk, der sich seit ein paar Wochen seiner alten Form aus dem Horror-Jahr 2018 anzunähern scheint.

Jüngster Aufreger in der deutschen Medienlandschaft: Die Watsche gegen ZDF.info, die bei uns große Wellen schlug, in der Twitter-Historie von Elon Musk aber kaum mehr als eine Randnotiz verdient: „Wow, shame on ZDF Info“. So was hat im Zustand der Genervtheit wohl jeder von uns schon mal geschrieben, in der Corona-Zeit zuletzt vermutlich im beschleunigten Maße….  

Deutlich größere Tragweite haben Musks Angefasstheiten zuletzt im Kontext von Big Tech und Kryptowährungen. Seit Jahresbeginn befindet sich Musk auf beschleunigtem Trollkurs: Dabei gibt er inzwischen fast immer die Rolle des wohlmeinenden Paten, der mal Bitcoin adelt (und immerhin später dann auch 1,5 Milliarden Dollar von Teslas Cashreserven investiert hat), zuletzt aber auch über Nonsens-Kryptowährungen wie zuletzt Dogecoin twittert und dabei durch die bloße Verbreitung für eine Vervielfachung des Kurses sorgte. Auch auf den NFT-Zug sprang Musk auf. Mem folgt auf Mem.

Stellt sich die Frage, warum Musk das eigentlich nötig hat? Auch der reichste Mann der Welt scheint sich vor seinem Smartphone immer wieder zum Kind zu verwandeln, das dem Reiz der Meme erliegt und sich in seiner Twitterbio zuletzt selbst zum „Technoking von Tesla“ krönte.

Bei Bitcoin hat der Seriengründer zumindest die Argumente auf seiner Seite, auch wenn sie längst nicht von allen verstanden werden. Seit seinem Investment im Januar hat die wertvollste Kryptowährung der Welt etwa 75 Prozent an Wert gewonnen und dem Elektroautohersteller in nicht mal einem Quartal damit Papiergewinne von über eine Milliarde Dollar beschert – ein sehr starkes Investment mit einem sehr guten Timing.

Wird Musk widersprochen, wird der 49-Jährige ziemlich schnell ungehalten, wie etwa Finanzurgestein Peter Schiff zuletzt erfahren musste – der Kryptokritiker kassierte vom Multimilliardär nach einem Twitter-Showdown die Aubergine, in Emoji-Symbolik das männliche Geschlechtsorgan. 

Musks gesteigertes Selbstbewusstsein ist zuletzt bei Tesla selbst zu beobachten. Am vergangenen Freitag twitterte Musk, dass eine Chance „von größer als Null“ bestehe, dass Tesla zum wertvollsten Konzern der Welt aufsteige. Die Feststellung an sich mag so abwegig nicht sein, die Ergänzung, die folgte, dann jedoch schon: „vermutlich binnen der nächsten Monate“, fügte Musk hinzu, nur um den Tweet daraufhin schnell wieder zu löschen (doch das Internet vergisst bekanntlich nie).

Der Tweet sagt viel über Musks Selbstverständnis aus. Damit diese Prognose wahr wird, müsste Tesla aktuell um weitere 325 Prozent steigen, um Apple als wertvollsten Konzern der Welt abzulösen. In anderen Dimensionen berechnet: Teslas Börsenwert müsste in kürzester Zeit von aktuell rund 630 Milliarden auf über zwei Billionen Dollar steigen – was dann doch kaum eine höhere Wahrscheinlichkeit als null besäße.  

Möglicherweise ist der Tweet Ausdruck steigender Frustration über die jüngere Aktienentwicklung, die 2021 zweistellig nach unten zeigt. Dass Musk eine seismografische Fixierung auf den Kurs der Tesla-Aktie kultiviert, wissen Anleger spätestens aus dem Jahr 2018, als sich der Tesla-CEO einen öffentlichen Zusammenbruch und folgenschwere Tweets zur Tesla-Aktie leistete. 

Es endete im Showdown mit der US-Börsenaufsicht SEC, die kurz vor der Abberufung als CEO stand. Nicht wenige Marktbeobachter forderten seinerzeit Musks Rücktritt. Drei Jahre später könnte Musk kaum weiter davon entfernt sein – er war bis vor Kurzem der reichste Mann der Welt, wurde nach einer 700-Prozent-Rallye im vergangenen Jahr unter Millennials als regelrechter Börsengott verehrt.

Entsprechend kann sich Musk auf Twitter eine ähnliche Narrenfreiheit leisten, wie sie auch Donald Trump nach seiner Wahl zum US-Präsidenten genoss. Doch wie bei so vielen mächtigen Männern liegt in der Hybris oft genug der Keim zum Niedergang. Musk sollte das Beispiel von Trump, zu dem der Tech-Tausendsassa keine schlechte Beziehung pflegte, ein mahnendes sein. Wenn man das Rad überdreht, kann es irgendwann nicht mehr zu kontrollieren sein.

Tatsächlich erscheint Musks aktuelles Twitterverhalten aktuell fast wie ein Spiegelbild der Tesla-Aktie. Die Performance zeigt bei beiden zuletzt erkennbar nach unten – mal an der Börse, mal auf Twitter. Anleger sollten durchaus von den Lehren aus 2018 gewarnt sein, als das scheinbar unkontrollierbare Tech-Genie plötzlich zur Belastung wurde…

+++ Short Tech Reads +++

Apple Newsroom: Apples Entwicklerkonferenz startet virtuell am 7. Juni

Alle Jahre wieder lädt Apple im Juni zu seiner Entwicklerkonferenz WWDC, die auch in diesem Jahr Corona-bedingt virtuell abgehalten wird. Traditionell gibt Apple im Frühjahr einen Ausblick auf die Software-Updates, die im Herbst folgen.

CNBC: Amazons Lieferdienst-Beteiligung Deliveroo geht mit Abschlägen an die Börse

Am Ende kommt es immer auf das Timing an. Galten Lieferdienste im vergangenen Jahr noch als großer Gewinner der Pandemie, in der hierzulande etwa Delivery Hero der Einzug in den Dax gelang, wird seit Monaten an den Weltbörsen die Aufbruchsstimmung der Nach-Corona-Zeit gehandelt. Mit Folgen für die Corona-Gewinner des Vorjahres, die 2021 plötzlich einen schweren Stand haben.

Das gilt möglicherweise auch für den britischen Lieferdienst Deliveroo, an dem Amazon noch mit 11,5 Prozent beteiligt ist: Zum Zeichnungsbeginn der Aktien wurde die obere Preisspanne von 4,60 auf 4,10 Pfund gesenkt. Zugeteilt wurden die Aktien dann lediglich zu 3,90 Pfund. Am ersten Handelstag an der Londoner Börse kam es heute dann noch schlimmer: Die Papiere schlossen bei gerade mal 2,87 Pfund. Was für ein Flop!

TechCrunch: Spotify kauft Clubhouse-Klon, LinkedIn testet Live-Audio-Angebot in der App

Bald jeder Big Tech-Konzern hat offenbar sein eigenes Clubhouse. Nicht nur Spotify soll nach der Übernahme von Locker Room an einem Live-Audio-Angebot arbeiten, sondern auch LinkedIn, berichtet TechCrunch. 

+++ One more Thing: Big Tech schlägt schärferen Ton in Washington an +++

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Big Tech hat bei der gefühlt x-ten Befragung vor dem US-Kongress, die sich am vergangenen Donnerstag tatsächlich fünfeinhalb Stunden hinzog (und mitunter dilettantisch geführt wurde), das Büßergewand abgelegt. 

Nicht nur blickte Twitter-CEO Jack Dorsey während der Anhörung maximal genervt in die Kamera, er twitterte und likte sogar parallel, was auf seinem 280-Zeichendienst unzählige Meme produzierte.

Wenige Stunden später hielt Amazon-Topmanager Dave Clark dagegen und legte sich auf Twitter mit der letztjährigen demokratischen Präsidentschaftshoffnung Bernie Sanders an. Und mehr noch: Amazons eigener News-Kanal konterte offensiv wie nie Vorwürfe gegen den wertvollsten Internetkonzern der Welt – u.a. gegen Elizabeth Warren.

Wie das Nachrichtenportal Vox berichtet, kam die Breitseite auf Betreiben von Amazon-CEO Jeff Bezos zustande. Siehe da: In den unberechenbaren Jahren der Trump-Ära hat Big Tech die Füße ruhig gehalten – nun trommelt es zumindest mit den Fingerspitzen…

Cheers + bis nächste Woche!

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