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Vielfalt in den Medien

Religiöse Feste feiern wie sie fallen

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Diversität ist zum Wirtschaftsfaktor geworden. Diversity wird dabei zum Buzzword, weil es Unternehmen leidtut, das Potenzial, welches Diversität birgt, nicht schon früher in Umsatz und Gewinn verwandelt zu haben. Das ist eine ethisch fragliche Beileidsbekundung.

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Wie viele Menschen mit Migrationsgeschichte trage auch ich einen Koffer mit Diskriminierungsgeschichten herum. Allerdings habe ich mich dazu entschieden, diesen Koffer nicht mit Ächzen und Stöhnen durch die Gangway des Lebens zu schleppen. Stattdessen nutze ich die Inhalte als Einstieg in ein Gespräch. Häufig in Form einer Anekdote, die vom Gegenüber mit vielen „Oooohs“ und „Aaaahs“ begleitet wird. Am Ende kommt dann häufig der Satz: Das tut mir leid. Doch warum tut es dir leid? Weil ich diese Dinge erleben muss(te) oder weil du dir darüber nicht bewusst warst?

Diversität ist zum Wirtschaftsfaktor geworden. Diversity wird dabei zum Buzzword, weil es Unternehmen leidtut, das Potenzial, welches Diversität birgt, nicht schon früher in Umsatz und Gewinn verwandelt zu haben. Das ist eine ethisch fragliche Beileidsbekundung. Aber wie die Inhalte meines Koffers bietet auch dieses Verhalten die Möglichkeit eines Zugangs. Der Eingang mag zwar nicht das glänzende, schöne Tor sein, sondern eher die zerrüttete Hintertür. Doch wie heißt es schön: Einer Sache Tür und Tor öffnen. In diesem Fall geht die Diversität durch die Tür und öffnet dann von innen das Tor. So wie im vergangenen Jahr. 2020 wurde in Talkshows häufig über das Thema Diversity debattiertet, ohne dass auch nur eine einzige Person mit Migrationsgeschichte unter den Talkgästen saß. Die Kritik führte dazu, dass nun darauf geachtet wird – zumindest meistens. Der nächste Schritt wird sein, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht nur auf den Aspekt Diversity reduziert, sondern für jegliche Themen als Expert:innen in die Auswahl kommen.

Auch in die deutsche Filmproduktion wird Bewegung kommen müssen. Der neue Taktgeber heißt Netflix. Der Streaming-Gigant wird immer mehr zum Vorreiter in der diversen Besetzung von Schauspieler:innen. Nun will Netflix in den kommenden fünf Jahren 100 Millionen US-Dollar in die Förderung unterrepräsentierter Gruppen investieren. Ein Fakt, den die deutsche Film- und Fernsehbranche nicht ignorieren kann. Schema F wird nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Warum ist es so schwer zu erkennen, dass es auch anders gehen könnte? Im Dezember treffen wir den Weihnachtsmann beziehungsweise das Christkind und unser aller Lieblingsbaum ist – na, klar – der Tannenbaum. Im Frühling dreht sich dann alles um das bevorstehende Osterfest.

Doch was ist mit Menschen, die keine Ostern feiern? Oder solchen, die den Ramadan halten? Das muslimische Fastenfest beginnt am 12. April. Also eine knappe Woche nach Ostern. Diese Frage muss erlaubt sein: Für wieviele Personen in Ihrer Zielgruppe ist der Ramadan relevant? In Deutschland leben etwa 4,7 Millionen Muslime, das entspricht in etwa 6 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Sicherlich hält nicht jeder Ramadan, aber genauso wenig feiern alle Nicht-Muslime Ostern. Beide zählen aber sicherlich zum Teil zu Ihrer Zielgruppe und konsumieren Ihre Medienprodukte. Warum also nicht auch mal über Ramadan berichten?

Wer jetzt denkt, woher soll ich denn jedes Fest kennen, muss nicht verzagen. Das weiß im Zweifel jemand aus Ihrer Redaktion oder Ihrem Marketingteam – vorausgesetzt, es ist divers aufgestellt. Wie Sie das herausfinden? Vielleicht weiß jemand, warum in der Woche vor Ostern in manchen Haushalten kein Bier zu finden, dafür aber die Wohnung blitzeblank geputzt ist. Kleiner Tipp: 225.000 Personen in Deutschland ist der Begriff Pessach sicherlich bekannt.

„Im Frühling dreht sich alles um Ostern. Warum eigentlich?“

Lassen sie uns also ab sofort redaktionell oder werblich die Feste feiern wie sie fallen. Happy Holidays!


Sabrina Harper erlebt im Media Lab Bayern, wie innovativ die Medienbranche sein könnte und wundert sich, warum es in vielen Häusern ein Konjunktiv bleibt – zum Beispiel bei der Diversität.

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