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Dora Osinde

Sicher, dass das Ihr Sitzplatz ist?

Dora Osinde – Foto: Granny

Warum wir endlich aufhören müssen, Bewertungen auf Basis des individuellen Erscheinungsbilds zu treffen. Wie ihr schlimmster Job zu ihrem wichtigsten wurde, berichtet Dora Osinde.

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Oktober 2015, ich beginne meinen Job in Amsterdam im Social-Media-Team von Netflix. Und wie das so ist in großen Hollywood-Unternehmen, isst man plötzlich in teuren Restaurants, fliegt – mit den Meilen, die man fleißig sammelt – plötzlich Business Class und trifft Entscheidungen über gar nicht mal so kleine Budgets.

Aber Moment, das ist die gute Seite. Ich werde auch konfrontiert: „Sie sind sicher, dass das ihr Sitzplatz ist?“, „Soll ich sie zum Hintereingang fahren, Personaleingang für das Hotel, Sie verstehen…“, „Kommt ihr Chef noch?“

Juni 2018, ein C-Level-Mitarbeiter bei Netflix verhält sich grenzüberschreitend in einem Meeting. Plötzlich interessieren sich alle wie das so ist mit dem Rassismus. „Erzähl doch mal hier … kannst du in dieses Panel kommen? … Dieser eine Journalist würde gerne einen Beitrag über deine schlimmsten Erlebnisse schreiben … wäre das ok?“

Ein bisschen ja, ein bisschen nein. Ein bisschen ja, weil ich mit meinem „Seat at the Table“ etwas tun will, tun muss. Das bin ich allen Mini-me’s, die nicht wissen, dass kleine Schwarze Mädchen Inhaberinnen, Managerinnen oder Was-auch-immer*innen werden können, schuldig. Ein bisschen nein, weil ich nicht ständig mit meinen eigenen Traumata konfrontiert werden möchte.

Winter 2019, es gibt Holländer*innen die finden der Zwarte Piet gehört zum kulturellen Erbe in den Niederlanden. Ich finde „Blackface“ ist nichts, was ich meinen Kolleg*innen noch erklären muss. Jemand fragt, warum ich so sauer bin? Ich solle mich beruhigen. Ich weine. Im Office. Na prima!

Ich darf in noch einem Panel antreten, nicht um eine Marketing-Strategie vorzustellen, sondern um darüber zu sprechen, was der Zwarte Piet für mich bedeutet … meinetwegen. 

Der Groschen ist gefallen. Ich arbeite in zwei Jobs. Den mit Kreativarbeit und Marketing habe ich mir ausgesucht. Für den anderen werde ich nicht bezahlt und er macht oft auch keinen Spaß: Es ist mein schlimmster Job, der aber gleichzeitig auch mein wichtigster ist. 

Dora Osinde ist Chief Creative Officer bei der Berliner Agentur Granny.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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